Freitag, 24. April 2026
Emma Smith
Ihre Eltern führten eine unglückliche Ehe; die Mutter und Elspeth Hallsmith und ihre Geschwister hatten unter der Gewalttätigkeit und Missachtung des tyrannischen Vaters zu leiden. Elspeth teilte das künstlerische Interesse des Vaters, von daher kam sie noch einigermaßen gut davon. Es schien kein Alkohol gewesen zu sein, das erklärt ja immer so einiges. Nein, der Vater litt darunter, dass er nach dem Ersten Weltkrieg und Kriegsgefangenschaft nicht als Künstler tätig sein konnte. Entsprechende Bewerbungen für Ausstellungen wurden abgelehnt. Und so musste er sein Leben als Bankangestellter fristen. Zugang zu Bildung erhielten Elspeth und ihre Schwester erst, als Elspeth zwölf Jahre jung war. "Wunderbar" wurde es dann, als der Vater nach einem Nervenzusammenbruch die Familie verließ.
Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie erst als Sekretärin im britischen War Office, dann ab 1943 bis zum Ende des Krieges als Kanalschifferin. Sie führte da zwar einerseits ein eingeschränktes Leben, doch andererseits gab ihr die Tätigkeit eine Freiheit der Lebensführung, wie sie eine damalige Frau sonst kaum hatte.
Nach dem Krieg arbeitete sie beim Film, traf den Dichter, Romancier und Drehbuchautor Laurie Lee, auf dessen Idee sie den Künstlernamen Emma Smith annahm und wurde Regieassistentin seines Filmteams, das sie 1946 für neun Monate nach Indien begleitete. Dann ging sie nach Paris und versuchte sich als Schriftstellerin.
Es war immer ihr Traum, einmal Schriftstellerin zu werden. Sie pflegte ihn, indem sie fleißig Tagebuch schrieb. Als Kanalschifferin und auf der Reise nach Indien hatte sie sicherlich viel Erzählenswertes erlebt. Als sie in Paris lebte, veröffentlichte sie dann Kurzgeschichten, doch sie konnte davon nicht leben. Erst ihr Debüt-Roman Maidens' Trip, in dem sie die Erlebnisse als Kanalschifferin verarbeitet, brachte den ersehnten Erfolg. Es wurde ausgezeichnet, zum Bestseller, und finanziell so erfolgreich, dass sie ihren Traum weiterleben konnte. Auch ihr zweiter Roman, The Far Cry (beschäftigt sich mit ihrer Indienfahrt) wurde ein Erfolg und als Der Ruf der Ferne sogar ins Deutsche übersetzt.
Dann wurde es ruhig um Emma Smith. 1951 heiratete sie, war nur Ehefrau und Mutter, die ihre Kinder nach dem frühen Tod des Mannes 1957 alleine großzog (wie es halt vielen Schriftstellerinnen ergeht). Sie ging mit den Kindern nach Radnorshire in Wales, zog 1980 in den Londoner Stadtteil Putney, wo sie bis zu ihrem Tode am 24. April 2018 lebte.
Sieben Jahre stand ihre Schreibmaschine unbenutzt rum. Sie begann nach dem Tod ihres Mannes wieder zu schreiben, erfolgreiche Kinderbücher, 1978 noch mal einen Roman - jedoch wurde sie von der literarischen Öffentlichkeit nicht mehr wahrgenommen.
Doch dann fand die britische Schriftstellerin Susan Hill auf einem Flohmarkt The Far Cry und schrieb eine begeisterte Rezension, was dazu führte, dass es 50 Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe noch einmal veröffentlicht wurde. Und es führte dazu, dass sich Emma Smith noch einmal an die Schreibmaschine setzte und ihre Memoirenwerke The Great Western Beach (2008, über die Kindheit in Newquay) und As Green as Grass (2013, über die Jugend bis zur Hochzeit), schrieb. Diese wurden in England als Entdeckung gefeiert, und Emma Smith gelangte noch einmal zu literarischem Ruhm. Vielleicht schaffen es ihre Kinderbücher ja auch, noch einmal entdeckt zu werden.
Vita Sackville-West: Schloss Chevron
"Schloss Chevron" ist Vita Sackville-Wests berühmtester Roman und wurde 1930 sofort zum Bestseller: Erzählt wird die Geschichte von Sebastian und Viola, zwei jungen reichen Erben, die umgeben sind von Menschen, die das gute und feine Leben schätzen – bis es zum unaufhaltsamen Fall kommt. Ein brillantes Porträt der britischen High Society Anfang des 20. Jahrhunderts.
Buchbeginn
Unter den vielen Problemen, die den Schriftsteller bedrängen, ist die Wahl des Augenblicks, in welchem er seinen Roman beginnen lassen soll, nicht das leichtestwiegende. Es ist notwendig, ja es ist unumgänglich, dass er das Leben seiner "Personae dramatis" zu irgendeiner bestimmten Stunde anschneidet; bleibt nur die Wahl, zu entscheiden, welche Stunde das sein und in welcher Situation man sie antreffen soll.
Zitat
Wahrheit war ein Bazillus, der nur verstohlen auf eine ungeimpfte Welt losgelassen werden durfte. Dann nur konnte er sich nutzbringend vermehren und tödlich wirken.
Buchdaten
Aus dem Englischen von Käthe Rosenberg und Hans B. Wagenseil
Fischer Klassik, 2. Auflage 2019
Die Originalausgabe erschien 1930 unter dem Titel "The Edwardians"
ISBN-10: 3596906717
ISBN-13: 978-3596906710
Mittwoch, 22. April 2026
Paula Fox: Was am Ende bleibt
Wenn man Wikipedia glauben mag, hatte sie ein interessantes, nicht immer leichtes Leben.
Buchinfo
Paula Fox’ bis heute berühmtester Roman "Was am Ende bleibt", der seinerzeit mit Shirley MacLaine verfilmt wurde, gehört inzwischen zum Kanon der amerikanischen Literatur. Er erzählt von Sophie und Otto Brentwood, einem kinderlosen, recht wohlhabenden Ehepaar, das ein Backsteinhaus in Brooklyn bewohnt. Sophie, die gelegentlich französische Bücher übersetzt und Drehbücher schreibt, lebt vor allem vom Geld ihres als Anwalt sehr gut verdienenden Mannes, fühlt sich in ihrer Ehe aber immer unwohler und leerer.
Ein kleiner Vorfall, der Biss einer streunenden Katze, wächst sich zur lebensbedrohenden Krise aus, Pannen, Missverständnisse und Streitigkeiten enthüllen die Fragilität ihres Ehe- und Gesellschaftslebens. Faszinierend ist, wie Paula Fox privates Unglück und gesellschaftliche Verfallserscheinungen subtil aufeinander bezieht und dabei ganz im Bereich des Menschlich- Abgründigen bleibt.
Buchbeginn
Mr. und Mrs. Otto Bentwood zogen ihre Stühle gleichzeitig hervor. Während Otto sich hinsetzte, betrachtete er das Strohkörbchen, in dem die Baguettescheiben lagen, eine Tonkasserolle, gefüllt mit sautierten Hühnerlebern, geschälte, aufgeschnittene Tomaten auf einem ovalen Porzellanteller mit chinesischem Weidenbaummotiv, den Sophie in einem Antiquitätenladen in Brooklyn Heights aufgestöbert hatte, und den Rsotto Milanese in einer grünen Keramikschüssel. Ein starkes Licht fiel, vom bunten Glas eines Tiffany-Lampenschirms ein wenig gedämpft, auf dieses Mahl.
C.H.Beck
1. Auflage, 12. März 2013
251 Seiten
ASIN: 3406647111
ISBN-13: 978-3406647116
Originaltitel: Desperate Characters
Madame de Staël: Corinna oder Italien
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
1. Auflage, 1. März 1985
616 Seiten
Das Original erschien 1807
Buchinfo
Corinna oder Italien (1807) ist ein Schlüsselwerk der europäischen Romantik, das in Form einer Reiseromanze die Begegnung zweier gegensätzlicher Charaktere nutzt, um über Kunst, Nation und Geschlechterrollen zu reflektieren. Der junge schottische Adlige Lord Oswald Nelvil reist, von Schuldgefühlen und nordischer Schwermut gezeichnet, nach Italien, um Heilung zu suchen. In Rom begegnet er Corinna, einer gefeierten Dichterin, Improvisatorin und Symbolfigur weiblicher Genialität. Ihre erste Begegnung auf dem Kapitol – Corinna wird gerade zur "Königin des Festes" gekrönt – setzt einen Dialog in Gang, der die Handlung trägt: Oswald begleitet sie durch Rom, Neapel, Florenz und Venedig, während Corinna ihm die Schätze antiker Kunst, die Musik Rossinis und die leidenschaftliche italienische Lebensart erschließt.
Die Beziehung bleibt von Konflikten durchzogen. Oswalds Pflichtgefühl gegenüber seinem streng protestantischen Vaterland und Corinnas Wunsch nach künstlerischer Autonomie kollidieren. Als Oswald nach England zurückkehrt und auf Druck seiner Familie die konventionelle Lucile heiratet, zerbricht Corinna an der Entwurzelung – ... (Spoiler entfernt).
Staël entfaltet hier ein Panorama des "Nord‑Süd‑Kontrasts": rationales Pflichtethos versus sinnliche Kreativität. Zugleich verteidigt sie das Recht der Frau auf geistige Größe und Selbstbestimmung. Der Roman prägte die romantische Italien‑Begeisterung, beeinflusste Autoren wie Stendhal und George Sand und bereitete die Idee des Bildungsreisens für Frauen vor. Seine Mischung aus Reisebericht, kulturhistorischem Essay und Liebestragödie macht ihn zu einem frühen interdisziplinären Kunstwerk.
Buchbeginn
Oswald, Lord Nelvil, Peer von Schottland, verließ im Winter der Jahre 1794 bis 1795 Edinburg, um nach Italien zu reisen. Er war von schöner und edler Gestalt, von vielem Geist, besaß einen großen Namen und ein unabhängiges Vermögen; aber tiefes Seelenleiden hatte seine Gesundheit zerrüttet, und die Aerzte, die für seine Brust fürchteten, verordneten ihm die Luft des Südens. Er folgte ihrem Rath, ob er gleich um die Erhaltung seines Lebens wenig besorgt schien; doch hoffte er in der Neuheit und Mannigfaltigkeit der wechselnden Umgebungen sich mindestens etwas zu zerstreuen.
Dienstag, 21. April 2026
Pat O'Shea: Die Meute der Mórrigan
Aus dem Englischen von Bettine Braun
Verlag Freies Geistesleben
Buchinfo
Beste irische Erzähltradition - Abenteuer trifft Fantasy und verzaubert beim Lesen! Die Welt der irischen Götter ist in Aufruhr - Mórrígan, die Göttin des Krieges und des Schlechten überhaupt, will die Herrschaft über alle Lebewesen übernehmen. Der zehnjährige Pidge und seine kleine Schwester Brigit geraten zwischen die Fronten von Gut und Böse. Ein ungleicher Kampf beginnt... Können sie die mächtige Mórrígan und ihre Meute aufhalten? Pat O’Shea hat eine einzigartige Geschichte über zwei mutige Kinder im Kampf zwischen Gut und Böse in der Welt der irischen Mythologie geschaffen. Ein fantasiereiches Buch voller Spannung, Humor und Tiefe in bester irischer Erzähltradition.
Buchbeginn
Prolog
Sie stiegen auf, hoch in die Lüfte und durchflogen die Himmel. Von Westen und von jenseits des Westens her, mit dem Wind und gegen den Wind, an zahllosen Monden und Sonnen vorbei. Die eine lachte und trug für Augenblicke einen Schleier aus Regentropfen im Haar; dann trat sie boshaft nach einer Wolke, sodass deren Regen ein ganzes Boot füllte.
Freies Geistesleben
1. Auflage 2023
575 Seiten
ISBN-10: 3772529100
ISBN-13: 978-3772529108
Ab 12 Jahren
Originaltitel: The Hounds of the Mórrigan
Vera Lourié: Briefe an Dich. Erinnerungen an das russische Berlin
Sie gehörte in den 1920er Jahren zur russischen literarischen Szene Berlins.
Herausgegeben von Doris Liebermann
Schöffling & Co., 2014
280 Seiten
Buchinfo
"Briefe an Dich" sind die Erinnerungen der letzten Zeitzeugin des "russischen Berlins" der zwanziger Jahre. In einer Mischung aus Tagebuch und Briefen schildert Vera Lourié ihre Kindheit und Jugend in St. Petersburg, wo sie behütet aufwuchs und sich als junge Frau der Schauspiel- und Dichtkunst zuwandte. Sie erzählt von der dramatischen Flucht der Familie nach der Oktoberrevolution ebenso anschaulich wie von den russischen Kreisen in Berlin. Hier verkehrte sie in einer Bohème aus Künstlern und Literaten, erlebte Intrigen und Liebesaffären. Die Zeit des Nationalsozialismus überlebte sie trotz Kontakten zum deutschen Widerstand, der Festnahme durch die Gestapo und der Inhaftierung ihrer Mutter im KZ Theresienstadt. Ihre beherzte Geistesgegenwart kam ihr auch zugute, als die sowjetische Armee einmarschierte, die den bürgerlichen russischen Flüchtlingen feindlich gesonnen war. Sie überstand Not und Hunger der Nachkriegszeit und war dann lange vergessen, bis sie als Literatin und Zeitzeugin wiederentdeckt wurde und sich im hohen Alter noch einmal verliebte. Dies beflügelte sie zur Niederschrift ihrer Memoiren, die hier, um autobiographische Texte, Dokumente und Fotos aus dem Nachlass ergänzt, erstmals vollständig veröffentlicht werden.
Buchbeginn
Liebste,
das Wetter ist kühl, regnerisch, keine Sonne. Die schreckliche Stille in der Wohnung. Du würdest es sicher wunderschön finden! Aber die letzten Tage habe ich sogar Angst, bis zum Bäcker allein zu gehen, und dieser Zwang, zu Hause zu bleiben, geht auf die Nerven. Schluss mit dem Jammern, es wird dich nur ärgern.
Heute will ich weit zurückwandern in das Jahr 1917.
Montag, 20. April 2026
Dorothea Zeemann: Reise mit Ernst
Die österreichische Schriftstellerin Dorothea Zeemann (20. April 1909 - 11. Dezember 1993) begann Anfang der 1930er Jahre, ermutigt durch den engen Freund Egon Friedell, ihre literarische Karriere; doch erst zehn Jahre später wurde ihr erstes Werk veröffentlicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie freiberufliche Publizistin und Kritikerin.
1979 hatte sie dann endlich mit ihren zwei autobiographischen Romanen den literarischen Durchbruch. In ihrem Spätwerk befasst sie sich mit dem Thema der weiblichen Sexualität im Alter.
Deuticke Verlag, 1. Auflage 1991
122 Seiten
ISBN-10: 3854631073
ISBN-13: 978-3854631071
Buchinfo
Ein Mann und eine Frau reisen nach Rom, in die "ewige Stadt". Unterwegs lernt man einander kennen oder findet bestätigt, was man ohnedies schon voneinander weiß. Es ist die Reise einer Frau, die sich im Klimakterium befindet, mit einem homosexuellen Intellektuellen. Ernst - so heißt der Mann - bedient sich ihrer, sie dient ihm - aber wer da wirklich der Stärkere ist, ist durch den Anschein nicht ausgemacht. Ernst hat soviel Ordnung in seinem Kopf geschaffen, daß kein Chaos mehr in der Lage ist, ihn für länger aus seiner Ordnung hervorzulocken. Die Frau an seiner Seite macht dagegen Erfahrungen, aber wie weit sie damit kommen wird, bleibt ihr selber in dieser ach so geordneten, männlichen Welt ungewiß.




