Samstag, 25. April 2026

Gabriele Wohmann: Eine souveräne Frau: Die schönsten Erzählungen

Buchinfo
Würden alle Figuren plötzlich lebendig werden, die in Gabriele Wohmanns unzähligen Erzählungen vorkommen, könnte man wohl eine Kleinstadt mit ihnen bevölkern. Man hätte das alltägliche Welttheater vor sich, allerdings eines, bei dem hinter den banalen Verrichtungen und Problemen die Bruchlinien der Existenz ausgeleuchtet werden. Es wäre mit Nachsicht gegenüber Unzulänglichkeiten und einem Humor ausgestattet, der selbst dem Scheitern noch eine überraschende Leichtigkeit und Komik verleiht. Damit sich der Leser nicht verliert in diesem verlockenden Figuren- und Geschichtengewimmel aus fünf Jahrzehnten, wurden nun die schönsten Erzählungen ausgewählt und mit dem Bonus einiger neuer Geschichten versehen.

Buchbeginn
Das Ganze liegt jetzt schon ein Jahr zurück, und es ist eigentlich traurig, dass ich mit Weihnachten nichts Besseres anzufangen weiß, als eine Geschichte zu Papier zu bringen, die ausgesprochen unweihnachtlich ist. Das Weihnachtsfest einer alten Jungfer, die es verschmäht, eine fortschreitende Ergrauung ihrer Haare in Zusammenarbeit mit einem tüchtigen Friseur zu bekämpfen, kann aber vielleicht nicht sinnvoller begangen werden als mit der intensiven Versenkung in eine Vergangenheit, die ihr die Erbärmlichkeit ihres Jungfernstandes recht grausam vor Augen führte.

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Georg Magirius
Aufbau, 1. Auflage 2012
286 Seiten
ISBN-10: ‎3351033931
ISBN-13: ‎978-3351033934

Gabriele Wohmann

 Gabriele Wohmann (21. Mai 1932 - 22. Juni 2015) bezeichnete sich selbst als "Graphomanin". Wenn mensch sich ihr Werk so anschaut, kann mensch nur zustimmen. Sie schrieb Erzählungen, Romane, Gedichte, Hörspiele, Fernsehspiele und Essays.
Zu Beginn ihrer schriftstellerischen Tätigkeit schrieb sie eher in satirischer Form über die Problematik der herkömmlichen Paarbeziehung und traditioneller Familienstrukturen. 
In den 1960er Jahren nahm sie an Tagungen der Gruppe 47 teil. Ab den 1970er Jahren wurde sie dann versöhnlicher, blieb aber trotzdem die scharfe Beobachterin.

Gabriele Wohmann: Einsamkeit - Erzählungen

Buchinfo
Die siebzehn neuen Erzählungen Gabriele Wohmanns lesen sich, so unterschiedlich sie auch aufgebaut sind, wie Variationen eines Themas. Einfühlsam und Distanziert ironisch registrieren sie einen Mangel:
Die Hauptpersonen sind einsam.
Aber: Ausschließlich auf sich selbst gestellt ist niemand von Gabriele Wohmanns neuen "Helden". Sie leben in Familien, haben Freunde, Bekannte, die sich um sie kümmern. Trotzdem können sie, bei aller Gemeinsamkeit, eine Erfahrung nicht wegwischen. Ob nun Toby, dem Intellektuellen, seine Gewohnheit, allabendlich das Fernsehgerät einzuschalten, peinlich ist, und er fürchtet, von seinen Freunden dafür belächelt zu werden, ob eine Witwe sich darüber ärgert, daß sie sich bei ihrer betriebsamen Nachbarin eingeladen hat, ob eine Mutter es sich in den Kopf setzt, für ihren Sohn einen Schulaufsatz über das Thema "Schuld und Buße" zu schreiben - das Erlebnis, in der vertrautesten Umgebung allein zu sein, bleibt keinem erspart.
Gabriele Wohmann spürt dieser Einsamkeit, diesem Gefühl, das alle Wünsche und Sehnsüchte, auch die kurzen Augenblicke des Glücks überschatten, in scheinbar beiläufigen Ereignissen nach. Präzise schildert sie Alltagssituationen und notiert, daß viel geredet, aber nur wenig gesprochen wird. Immer wieder beschreibt sie gerade die Momente, in denen harmlose Gespräche zwischen Ehepartnern, Eltern und Kindern, Geschwister und Freunden umkippen und trotzdem lächelnd, so als wäre nichts gewesen, zu Ende geführt werden. Mitgefühl teilt sich dabei unüberhörbar mit.
 

Buchinfos 

Luchterhand, 1. Auflage 1982
‎ISBN-10 ‏ : ‎ 3472865504
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3472865506  

Freitag, 24. April 2026

Emma Smith

Die öffentliche literarische Wahrnehmung der britischen Schriftstellerin Emma Smith, die am 21. August 1923 in Newquay, Cornwall, als Elspeth Hallsmith geboren wurde, war ein Auf und Ab. Doch erst etwas über ihr Leben:

Ihre Eltern führten eine unglückliche Ehe; die Mutter und Elspeth Hallsmith und ihre Geschwister hatten unter der Gewalttätigkeit und Missachtung des tyrannischen Vaters zu leiden. Elspeth teilte das künstlerische Interesse des Vaters, von daher kam sie noch einigermaßen gut davon. Es schien kein Alkohol gewesen zu sein, das erklärt ja immer so einiges. Nein, der Vater litt darunter, dass er nach dem Ersten Weltkrieg und Kriegsgefangenschaft nicht als Künstler tätig sein konnte. Entsprechende Bewerbungen für Ausstellungen wurden abgelehnt. Und so musste er sein Leben als Bankangestellter fristen. Zugang zu Bildung erhielten Elspeth und ihre Schwester erst, als Elspeth zwölf Jahre jung war. "Wunderbar" wurde es dann, als der Vater nach einem Nervenzusammenbruch die Familie verließ.

Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie erst als Sekretärin im britischen War Office, dann ab 1943 bis zum Ende des Krieges als Kanalschifferin. Sie führte da zwar einerseits ein eingeschränktes Leben, doch andererseits gab ihr die Tätigkeit eine Freiheit der Lebensführung, wie sie eine damalige Frau sonst kaum hatte.

Nach dem Krieg arbeitete sie beim Film, traf den Dichter, Romancier und Drehbuchautor Laurie Lee, auf dessen Idee sie den Künstlernamen Emma Smith annahm und wurde Regieassistentin seines Filmteams, das sie 1946 für neun Monate nach Indien begleitete. Dann ging sie nach Paris und versuchte sich als Schriftstellerin.

Es war immer ihr Traum, einmal Schriftstellerin zu werden. Sie pflegte ihn, indem sie fleißig Tagebuch schrieb. Als Kanalschifferin und auf der Reise nach Indien hatte sie sicherlich viel Erzählenswertes erlebt. Als sie in Paris lebte, veröffentlichte sie dann Kurzgeschichten, doch sie konnte davon nicht leben. Erst ihr Debüt-Roman Maidens' Trip, in dem sie die Erlebnisse als Kanalschifferin verarbeitet, brachte den ersehnten Erfolg. Es wurde ausgezeichnet, zum Bestseller, und finanziell so erfolgreich, dass sie ihren Traum weiterleben konnte. Auch ihr zweiter Roman, The Far Cry (beschäftigt sich mit ihrer Indienfahrt) wurde ein Erfolg und als Der Ruf der Ferne sogar ins Deutsche übersetzt.

Dann wurde es ruhig um Emma Smith. 1951 heiratete sie, war nur Ehefrau und Mutter, die ihre Kinder nach dem frühen Tod des Mannes 1957 alleine großzog (wie es halt vielen Schriftstellerinnen ergeht). Sie ging mit den Kindern nach Radnorshire in Wales, zog 1980 in den Londoner Stadtteil Putney, wo sie bis zu ihrem Tode am 24. April 2018 lebte.

Sieben Jahre stand ihre Schreibmaschine unbenutzt rum. Sie begann nach dem Tod ihres Mannes wieder zu schreiben, erfolgreiche Kinderbücher, 1978 noch mal einen Roman - jedoch wurde sie von der literarischen Öffentlichkeit nicht mehr wahrgenommen.

Doch dann fand die britische Schriftstellerin Susan Hill auf einem Flohmarkt The Far Cry und schrieb eine begeisterte Rezension, was dazu führte, dass es 50 Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe noch einmal veröffentlicht wurde. Und es führte dazu, dass sich Emma Smith noch einmal an die Schreibmaschine setzte und ihre Memoirenwerke The Great Western Beach (2008, über die Kindheit in Newquay) und As Green as Grass (2013, über die Jugend bis zur Hochzeit), schrieb. Diese wurden in England als Entdeckung gefeiert, und Emma Smith gelangte noch einmal zu literarischem Ruhm. Vielleicht schaffen es ihre Kinderbücher ja auch, noch einmal entdeckt zu werden.

Vita Sackville-West: Schloss Chevron

Buchinfo
"Schloss Chevron" ist Vita Sackville-Wests berühmtester Roman und wurde 1930 sofort zum Bestseller: Erzählt wird die Geschichte von Sebastian und Viola, zwei jungen reichen Erben, die umgeben sind von Menschen, die das gute und feine Leben schätzen – bis es zum unaufhaltsamen Fall kommt. Ein brillantes Porträt der britischen High Society Anfang des 20. Jahrhunderts.

Buchbeginn
Unter den vielen Problemen, die den Schriftsteller bedrängen, ist die Wahl des Augenblicks, in welchem er seinen Roman beginnen lassen soll, nicht das leichtestwiegende. Es ist notwendig, ja es ist unumgänglich, dass er das Leben seiner "Personae dramatis" zu irgendeiner bestimmten Stunde anschneidet; bleibt nur die Wahl, zu entscheiden, welche Stunde das sein und in welcher Situation man sie antreffen soll.

Zitat
Wahrheit war ein Bazillus, der nur verstohlen auf eine ungeimpfte Welt losgelassen werden durfte. Dann nur konnte er sich nutzbringend vermehren und tödlich wirken.

Buchdaten
Aus dem Englischen von Käthe Rosenberg und Hans B. Wagenseil
Fischer Klassik, 2. Auflage 2019
Die Originalausgabe erschien 1930 unter dem Titel "The Edwardians"

ISBN-10: 3596906717
ISBN-13: 978-3596906710

 

Mittwoch, 22. April 2026

Paula Fox: Was am Ende bleibt

Die US-amerikanische Schriftstellerin Paula Fox (22. April 1923 - 1. März 2017) war lange Zeit vergessen, bis man sie nun als eine Klassikerin der Moderne sieht. 
Wenn man Wikipedia glauben mag, hatte sie ein interessantes, nicht immer leichtes Leben. 

Buchinfo
Paula Fox’ bis heute berühmtester Roman "Was am Ende bleibt", der seinerzeit mit Shirley MacLaine verfilmt wurde, gehört inzwischen zum Kanon der amerikanischen Literatur. Er erzählt von Sophie und Otto Brentwood, einem kinderlosen, recht wohlhabenden Ehepaar, das ein Backsteinhaus in Brooklyn bewohnt. Sophie, die gelegentlich französische Bücher übersetzt und Drehbücher schreibt, lebt vor allem vom Geld ihres als Anwalt sehr gut verdienenden Mannes, fühlt sich in ihrer Ehe aber immer unwohler und leerer.
Ein kleiner Vorfall, der Biss einer streunenden Katze, wächst sich zur lebensbedrohenden Krise aus, Pannen, Missverständnisse und Streitigkeiten enthüllen die Fragilität ihres Ehe- und Gesellschaftslebens. Faszinierend ist, wie Paula Fox privates Unglück und gesellschaftliche Verfallserscheinungen subtil aufeinander bezieht und dabei ganz im Bereich des Menschlich- Abgründigen bleibt.

Buchbeginn
Mr. und Mrs. Otto Bentwood zogen ihre Stühle gleichzeitig hervor. Während Otto sich hinsetzte, betrachtete er das Strohkörbchen, in dem die Baguettescheiben lagen, eine Tonkasserolle, gefüllt mit sautierten Hühnerlebern, geschälte, aufgeschnittene Tomaten auf einem ovalen Porzellanteller mit chinesischem Weidenbaummotiv, den Sophie in einem Antiquitätenladen in Brooklyn Heights aufgestöbert hatte, und den Rsotto Milanese in einer grünen Keramikschüssel. Ein starkes Licht fiel, vom bunten Glas eines Tiffany-Lampenschirms ein wenig gedämpft, auf dieses Mahl. 


C.H.Beck
1. Auflage, 12. März 2013
251 Seiten
ASIN: ‎3406647111
ISBN-13: ‎978-3406647116
Originaltitel: ‎Desperate Characters  

Madame de Staël: Corinna oder Italien

  

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
1. Auflage, 1. März 1985
616 Seiten 
Das Original erschien 1807

Buchinfo
Corinna oder Italien (1807) ist ein Schlüsselwerk der europäischen Romantik, das in Form einer Reiseromanze die Begegnung zweier gegensätzlicher Charaktere nutzt, um über Kunst, Nation und Geschlechterrollen zu reflektieren. Der junge schottische Adlige Lord Oswald Nelvil reist, von Schuldgefühlen und nordischer Schwermut gezeichnet, nach Italien, um Heilung zu suchen. In Rom begegnet er Corinna, einer gefeierten Dichterin, Improvisatorin und Symbolfigur weiblicher Genialität. Ihre erste Begegnung auf dem Kapitol – Corinna wird gerade zur "Königin des Festes" gekrönt – setzt einen Dialog in Gang, der die Handlung trägt: Oswald begleitet sie durch Rom, Neapel, Florenz und Venedig, während Corinna ihm die Schätze antiker Kunst, die Musik Rossinis und die leidenschaftliche italienische Lebensart erschließt.
Die Beziehung bleibt von Konflikten durchzogen. Oswalds Pflichtgefühl gegenüber seinem streng protestantischen Vaterland und Corinnas Wunsch nach künstlerischer Autonomie kollidieren. Als Oswald nach England zurückkehrt und auf Druck seiner Familie die konventionelle Lucile heiratet, zerbricht Corinna an der Entwurzelung – ... (Spoiler entfernt).

Staël entfaltet hier ein Panorama des "Nord‑Süd‑Kontrasts": rationales Pflichtethos versus sinnliche Kreativität. Zugleich verteidigt sie das Recht der Frau auf geistige Größe und Selbstbestimmung. Der Roman prägte die romantische Italien‑Begeisterung, beeinflusste Autoren wie Stendhal und George Sand und bereitete die Idee des Bildungsreisens für Frauen vor. Seine Mischung aus Reisebericht, kulturhistorischem Essay und Liebestragödie macht ihn zu einem frühen interdisziplinären Kunstwerk.

Buchbeginn
Oswald, Lord Nelvil, Peer von Schottland, verließ im Winter der Jahre 1794 bis 1795 Edinburg, um nach Italien zu reisen. Er war von schöner und edler Gestalt, von vielem Geist, besaß einen großen Namen und ein unabhängiges Vermögen; aber tiefes Seelenleiden hatte seine Gesundheit zerrüttet, und die Aerzte, die für seine Brust fürchteten, verordneten ihm die Luft des Südens. Er folgte ihrem Rath, ob er gleich um die Erhaltung seines Lebens wenig besorgt schien; doch hoffte er in der Neuheit und Mannigfaltigkeit der wechselnden Umgebungen sich mindestens etwas zu zerstreuen.