Sonntag, 26. April 2026

Dea Trier Morch

 geb. 9. Dezember 1941 in Kopenhagen
gest. 26. Mai 2001

Ich habe im Netz zwar einige deutsche Titel der dänischen Künstlerin und Schriftstellerin Dea Trier Morch gefunden, doch sie selbst scheint bei uns nicht so bekannt zu sein.

Sie studierte an der Königlich Dänischen Akademie der Schönen Künste Malerei. Ihr erstes Buch, Sorgmunter socialisme. Sovjetiske raderinger, erschienen 1968, ist mit eigenen Radierungen illustriert und berichtet von ihren Reisen in die Sowjetunion. Sie war Mitglied in der Dänischen Kommunistischen Partei und hat 1969 das sozial orientierte Kulturkollektiv "Rote Mutter" mitbegründet.

Das auch ins Deutsche übersetzte Vinterbørn (Winterkinder) (im DDR-Blog) basiert auf persönlicher Erfahrung, wurde in 22 Sprachen übersetzt und gipfelte 1979 in Astrid Henning-Jensens preisgekrönter Verfilmung. Auch in anderen Werken geht es um Familie und Sozialismus. Veröffentlicht wurden auch noch Reisebücher.

Friederike Mayröcker: Gesammelte Gedichte: 2004-2021

Das komplette lyrische Spätwerk versammelt in einem Band
Von Marcel Beyer herausgegeben und mit einem Nachwort versehen
Suhrkamp Verlag 2024
3518432079

Buchinfo
Friederike Mayröcker war eine der großen Dichterinnen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Immer wieder wurde sie für den Literaturnobelpreis ins Gespräch gebracht. Am 4. Juni 2021 verstarb sie mit 96 Jahren in ihrer Heimatstadt Wien. Der vorliegende Band knüpft an die Gesammelten Gedichte 1939-2003 (2004) an und trägt Friederike Mayröckers lyrisches Spätwerk bis zu ihrem allerletzten, 2021 entstandenen Proëm zusammen.

Als Friederike Mayröcker 2004 den 80. Geburtstag feierte und ihre Gesammelten Gedichte 1939-2003 erschienen waren, entschloss sie sich, noch einmal in eine ganz neue Richtung aufzubrechen. Nach und nach entwickelte sich so eine eigene Form, der sie den Namen "Proëm" gab – lyrische Erleuchtung und hellwache Weltbeobachtung, changierend zwischen Kurzprosa und Gedicht. Zu ihrem erklärten Ziel wurde es, schreibend den Tod, ihren erbitterten Feind, auf Distanz zu halten. Friederike Mayröcker tat es mit ungeahnter Produktivität und überbordendem Farbenreichtum, indem sie ihre Liebe zum Leben heraufbeschwor: In Erinnerungen an ihre wechselvolle Kindheit im Wien der zwanziger und dreißiger Jahre, an ihre Jahrzehnte an der Seite von Ernst Jandl, an zahllose Begegnungen mit Menschen, Kunstwerken und Musik. Dem Wechsel der Jahreszeiten folgte sie aufmerksamer denn je, und mit ihrer Sprachmacht verstand sie es, eine Blume auf dem Fensterbrett gegenüber zum Zentrum des Universums werden zu lassen.

 

Gila Lustiger: Die Schuld der anderen

Gila Lustiger (27. April 1963 geb.) studierte in Jerusalem Germanistik und Komparatistik. In diesem Zeitraum war sie auch Lektorin für Deutsche Literatur und Kinderliteratur in Tel-Aviv. 
1987 zog sie nach Paris, wo sie bis 1989 als Journalistin für das deutschsprachige Programm von Radio France Internationale und das ZDF arbeitete. Dann war sie als Lektorin für verschiedene französische Verlage tätig und veröffentlicht seit 1995 Romane.



Buchinfo
Schwüler Hochsommer beherrscht ganz Frankreich und lässt das Pariser Leben unter einer Hitzeglocke fast erstarren, als dem Redakteur Marc Rappaport ein besonderer Fahndungserfolg auffällt: Ein 27 Jahre zurückliegender Prostituiertenmord soll mit Hilfe modernster Technik endlich gelöst sein. Schnell steht für den investigativen Journalisten fest, dass es so einfach nicht sein kann. Er rollt den Fall neu auf. Seine Recherchen führen ihn bis tief in die französische Provinz und zu einem global agierenden Konzern, dessen Arbeiter seit dreißig Jahren an einer grausamen Krankheit sterben. Ein Abgrund an Korruption und Vertuschung tut sich auf, der schließlich auch Marc hinabzuziehen droht, denn alte Seilschaften sind in Funktion und wirken nicht nur in höchste politische Kreise, sondern auch bis in seine nächste Nähe. – Gila Lustiger gelingt mit "Die Schuld der anderen" ein atmosphärisch dichter und klug gebauter Roman über französische Verhältnisse als Spiegel unserer Gegenwart.

Buchbeginn
Es hatte ununterbrochen geregnet, doch schon in den frühen Morgenstunden war sämtliche Feuchtigkeit wieder verdunstet. Paris, für Sonne geradezu erschaffen, strahlte unter einem makellos blauen Himmel. Das Licht tanzte auf dem Fluss, während ein Boot voller träger, selbstvergessener Touristen vorbeizog und unter einer Brücke hindurchglitt. Die Ufermauern waren wie weiß gewaschen. Überhaupt schien dieses Vormittagslicht alle Farben zu schlucken. Nur noch hell, dunkel, Weiß, Ocker, Blau. Und dort, bei den akkurat gepflanzten Bäumen neben der Mauer des Seineufers, ein paar Flecken Grün.

Berlin Verlag, 2015
496 Seiten
ISBN-10: ‎3827012279
ISBN-13: ‎978-3827012272 
 

Samstag, 25. April 2026

Gabriele Wohmann: Eine souveräne Frau: Die schönsten Erzählungen

Buchinfo
Würden alle Figuren plötzlich lebendig werden, die in Gabriele Wohmanns unzähligen Erzählungen vorkommen, könnte man wohl eine Kleinstadt mit ihnen bevölkern. Man hätte das alltägliche Welttheater vor sich, allerdings eines, bei dem hinter den banalen Verrichtungen und Problemen die Bruchlinien der Existenz ausgeleuchtet werden. Es wäre mit Nachsicht gegenüber Unzulänglichkeiten und einem Humor ausgestattet, der selbst dem Scheitern noch eine überraschende Leichtigkeit und Komik verleiht. Damit sich der Leser nicht verliert in diesem verlockenden Figuren- und Geschichtengewimmel aus fünf Jahrzehnten, wurden nun die schönsten Erzählungen ausgewählt und mit dem Bonus einiger neuer Geschichten versehen.

Buchbeginn
Das Ganze liegt jetzt schon ein Jahr zurück, und es ist eigentlich traurig, dass ich mit Weihnachten nichts Besseres anzufangen weiß, als eine Geschichte zu Papier zu bringen, die ausgesprochen unweihnachtlich ist. Das Weihnachtsfest einer alten Jungfer, die es verschmäht, eine fortschreitende Ergrauung ihrer Haare in Zusammenarbeit mit einem tüchtigen Friseur zu bekämpfen, kann aber vielleicht nicht sinnvoller begangen werden als mit der intensiven Versenkung in eine Vergangenheit, die ihr die Erbärmlichkeit ihres Jungfernstandes recht grausam vor Augen führte.

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Georg Magirius
Aufbau, 1. Auflage 2012
286 Seiten
ISBN-10: ‎3351033931
ISBN-13: ‎978-3351033934

Gabriele Wohmann

 Gabriele Wohmann (21. Mai 1932 - 22. Juni 2015) bezeichnete sich selbst als "Graphomanin". Wenn mensch sich ihr Werk so anschaut, kann mensch nur zustimmen. Sie schrieb Erzählungen, Romane, Gedichte, Hörspiele, Fernsehspiele und Essays.
Zu Beginn ihrer schriftstellerischen Tätigkeit schrieb sie eher in satirischer Form über die Problematik der herkömmlichen Paarbeziehung und traditioneller Familienstrukturen. 
In den 1960er Jahren nahm sie an Tagungen der Gruppe 47 teil. Ab den 1970er Jahren wurde sie dann versöhnlicher, blieb aber trotzdem die scharfe Beobachterin.

Gabriele Wohmann: Einsamkeit - Erzählungen

Buchinfo
Die siebzehn neuen Erzählungen Gabriele Wohmanns lesen sich, so unterschiedlich sie auch aufgebaut sind, wie Variationen eines Themas. Einfühlsam und Distanziert ironisch registrieren sie einen Mangel:
Die Hauptpersonen sind einsam.
Aber: Ausschließlich auf sich selbst gestellt ist niemand von Gabriele Wohmanns neuen "Helden". Sie leben in Familien, haben Freunde, Bekannte, die sich um sie kümmern. Trotzdem können sie, bei aller Gemeinsamkeit, eine Erfahrung nicht wegwischen. Ob nun Toby, dem Intellektuellen, seine Gewohnheit, allabendlich das Fernsehgerät einzuschalten, peinlich ist, und er fürchtet, von seinen Freunden dafür belächelt zu werden, ob eine Witwe sich darüber ärgert, daß sie sich bei ihrer betriebsamen Nachbarin eingeladen hat, ob eine Mutter es sich in den Kopf setzt, für ihren Sohn einen Schulaufsatz über das Thema "Schuld und Buße" zu schreiben - das Erlebnis, in der vertrautesten Umgebung allein zu sein, bleibt keinem erspart.
Gabriele Wohmann spürt dieser Einsamkeit, diesem Gefühl, das alle Wünsche und Sehnsüchte, auch die kurzen Augenblicke des Glücks überschatten, in scheinbar beiläufigen Ereignissen nach. Präzise schildert sie Alltagssituationen und notiert, daß viel geredet, aber nur wenig gesprochen wird. Immer wieder beschreibt sie gerade die Momente, in denen harmlose Gespräche zwischen Ehepartnern, Eltern und Kindern, Geschwister und Freunden umkippen und trotzdem lächelnd, so als wäre nichts gewesen, zu Ende geführt werden. Mitgefühl teilt sich dabei unüberhörbar mit.
 

Buchinfos 

Luchterhand, 1. Auflage 1982
‎ISBN-10 ‏ : ‎ 3472865504
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3472865506  

Freitag, 24. April 2026

Emma Smith

Die öffentliche literarische Wahrnehmung der britischen Schriftstellerin Emma Smith, die am 21. August 1923 in Newquay, Cornwall, als Elspeth Hallsmith geboren wurde, war ein Auf und Ab. Doch erst etwas über ihr Leben:

Ihre Eltern führten eine unglückliche Ehe; die Mutter und Elspeth Hallsmith und ihre Geschwister hatten unter der Gewalttätigkeit und Missachtung des tyrannischen Vaters zu leiden. Elspeth teilte das künstlerische Interesse des Vaters, von daher kam sie noch einigermaßen gut davon. Es schien kein Alkohol gewesen zu sein, das erklärt ja immer so einiges. Nein, der Vater litt darunter, dass er nach dem Ersten Weltkrieg und Kriegsgefangenschaft nicht als Künstler tätig sein konnte. Entsprechende Bewerbungen für Ausstellungen wurden abgelehnt. Und so musste er sein Leben als Bankangestellter fristen. Zugang zu Bildung erhielten Elspeth und ihre Schwester erst, als Elspeth zwölf Jahre jung war. "Wunderbar" wurde es dann, als der Vater nach einem Nervenzusammenbruch die Familie verließ.

Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie erst als Sekretärin im britischen War Office, dann ab 1943 bis zum Ende des Krieges als Kanalschifferin. Sie führte da zwar einerseits ein eingeschränktes Leben, doch andererseits gab ihr die Tätigkeit eine Freiheit der Lebensführung, wie sie eine damalige Frau sonst kaum hatte.

Nach dem Krieg arbeitete sie beim Film, traf den Dichter, Romancier und Drehbuchautor Laurie Lee, auf dessen Idee sie den Künstlernamen Emma Smith annahm und wurde Regieassistentin seines Filmteams, das sie 1946 für neun Monate nach Indien begleitete. Dann ging sie nach Paris und versuchte sich als Schriftstellerin.

Es war immer ihr Traum, einmal Schriftstellerin zu werden. Sie pflegte ihn, indem sie fleißig Tagebuch schrieb. Als Kanalschifferin und auf der Reise nach Indien hatte sie sicherlich viel Erzählenswertes erlebt. Als sie in Paris lebte, veröffentlichte sie dann Kurzgeschichten, doch sie konnte davon nicht leben. Erst ihr Debüt-Roman Maidens' Trip, in dem sie die Erlebnisse als Kanalschifferin verarbeitet, brachte den ersehnten Erfolg. Es wurde ausgezeichnet, zum Bestseller, und finanziell so erfolgreich, dass sie ihren Traum weiterleben konnte. Auch ihr zweiter Roman, The Far Cry (beschäftigt sich mit ihrer Indienfahrt) wurde ein Erfolg und als Der Ruf der Ferne sogar ins Deutsche übersetzt.

Dann wurde es ruhig um Emma Smith. 1951 heiratete sie, war nur Ehefrau und Mutter, die ihre Kinder nach dem frühen Tod des Mannes 1957 alleine großzog (wie es halt vielen Schriftstellerinnen ergeht). Sie ging mit den Kindern nach Radnorshire in Wales, zog 1980 in den Londoner Stadtteil Putney, wo sie bis zu ihrem Tode am 24. April 2018 lebte.

Sieben Jahre stand ihre Schreibmaschine unbenutzt rum. Sie begann nach dem Tod ihres Mannes wieder zu schreiben, erfolgreiche Kinderbücher, 1978 noch mal einen Roman - jedoch wurde sie von der literarischen Öffentlichkeit nicht mehr wahrgenommen.

Doch dann fand die britische Schriftstellerin Susan Hill auf einem Flohmarkt The Far Cry und schrieb eine begeisterte Rezension, was dazu führte, dass es 50 Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe noch einmal veröffentlicht wurde. Und es führte dazu, dass sich Emma Smith noch einmal an die Schreibmaschine setzte und ihre Memoirenwerke The Great Western Beach (2008, über die Kindheit in Newquay) und As Green as Grass (2013, über die Jugend bis zur Hochzeit), schrieb. Diese wurden in England als Entdeckung gefeiert, und Emma Smith gelangte noch einmal zu literarischem Ruhm. Vielleicht schaffen es ihre Kinderbücher ja auch, noch einmal entdeckt zu werden.