Sonntag, 1. November 2026
Maeve Brennan: Mr. und Mrs. Derdon: Geschichten einer Ehe
Buchinfo
Rose und Hubert lernen sich auf einem Fest kennen. Sie steht oben an der Treppe, er wartet unten. Die Szene ist perfekt, die beiden sehen sich und wissen: sie sind füreinander bestimmt. Doch was wie ein Liebesmärchen beginnt, entfaltet die volle Tragik eines Ehelebens. In dichten, intensiven Episoden kommen wir dem Ehepaar Derdon, das noch nie ein Traumpaar war, so nahe, dass uns zeitweilig die Luft wegbleibt.
Nicht ausgesprochene Wünsche und Träume verbinden sich mit Gehässigkeiten und innerer Verhärtung eines Paares, das den Zauber ihres Kennenlernens schon längst vergessen hat.
Leseprobe
Sie fühlte sich zu den Armen hingezogen. Zu ihrer Tür ergoss sich ein ständiger Strom armer Männer und Frauen, die um Essen oder Geld bettelten. Nie hätte sie einen von ihnen zurückgewiesen. Hubert ärgerte sich darüber. Er behauptete, es kämen zu viele Bettler, die sie kannten und ausnutzten. Er selbst gebe ja auch oft Geld, aber, wandte er ein, sie treibe es zu bunt. Sie gab weiterhin jedem, der an die Tür kam.
Unionsverlag, 2016
Übersetzt von Hans-Christian Oeser
192 Seiten
ISBN-10: 3293207456
ISBN-13: 978-3293207455
Originaltitel: The Springs of Affection
Ilse Aichinger: Die größere Hoffnung
Buchinfo
Ilse Aichingers 1948 erstmals erschienener Roman über rassisch verfolgte Kinder während der Hitlerzeit irritiert noch immer: In verfremdenden Bildern erzählt er von der Angst, von der Bedrohung und der widerständigen Hoffnung der "Kinder mit den falschen Großeltern". Diese Kinder, die nach den ,Nürnberger Gesetzen' als jüdisch oder – wie die Hauptfigur Ellen – als halbjüdisch gelten, leiden unter Isolation, Demütigung und Verhöhnung. Aber nachdem ihre Hoffnung auf Auswanderung zunichte geworden ist, erwächst ihnen eine ganz andere, die "größere Hoffnung". Dazu gehört die Gewissheit, "daß irgendwann der Abschied endet und das Wiedersehen beginnt", und dazu gehört auch, dass Liebe und Leiden eins werden: "Peitscht uns, tötet uns, trampelt uns nieder, einholen könnt ihr uns erst dort, wo ihr lieben oder geliebt werden wollt." Diese Hoffnung haben die Opfer ihren Mördern voraus.
Buchbeginn
Rund um das Kap der Guten Hoffnung wurde das Meer dunkel. Die Schiffahrtslinien leuchteten noch einmal auf und erloschen. Die Fluglinien sanken wie eine Vermessenheit. Ängstlich sammelten sich die Inselgruppen. Das Meer überflutete alle Längen- und Breitengrade. Es verlachte das Wissen der Welt, schmiegte sich wie schwere Seide gegen das helle Land und ließ die Südspitze von Afrika nur wie eine Ahnung im Dämmern. Es nahm den Küstenlinien die Begründung und milderte ihre Zerrissenheit.
Zitat
Die drei Landstreicher bewegten die Lippen, aber sie konnten nicht singen, in der Ewigkeit der letzten Viertelstunde hatten sie es verlernt. Die Lust an der Lust hatten sie verloren, etwas Fremdes hatte ihre Lippen versiegelt.
FISCHER Taschenbuch, 1991
288 Seiten
ISBN-10: 3596110416
ISBN-13: 978-3596110414
Originalausgabe: 1948
Ilse Aichinger
Ihre Zwillingsschwester Helga konnte 1939 mit einem der letzten Kindertransporte nach England fliehen. Ilse blieb mit ihrer Mutter in Wien zurück. Ihre Anwesenheit schützte die Mutter zunächst vor der Deportation. Die Großmutter und zwei Geschwister der Mutter wurden 1942 nach Minsk deportiert und ermordet.
Ein Medizinstudium brach sie nach fünf Semestern ab, um ihren bereits begonnenen Roman "Die größere Hoffnung" fertigzustellen. Laut dem Kapitel "Daran glauben müssen" aus Renatus Deckerts Buch "Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt" entstand er „in der Küche einer armseligen Wohnung in einem äußeren Bezirk“ von Wien sowie im Dienstzimmer „einer Anstalt für Unheilbare, Alte, Abgeschobene“, in der ihre Mutter als Ärztin arbeitete.
Katrin Holland: Man spricht über Jacqueline
Kann und darf man sich für die Liebe verbiegen?
Ihre Freunde nennen sie Jack. Die Männer, mit denen sie amouröse Abenteuer hat, auch. Sie ist bezaubernd und sie ist flatterhaft. Die Herzen, die sie schon gebrochen hat, kann sie kaum zählen. Jacqueline ist schlichtweg für ein freies Leben gemacht - bis sie sich zum ersten Mal ernsthaft verliebt.
Michael jedoch mag die Frauen nur, wenn sie der Gegenteil von Jack sind: unschuldig und sittsam. Da sie in Paris, London, Berlin einen gewissen Ruf hat, würde Michael sich nie in sie verlieben, wenn er wüsste, wer sie ist. Jack überredet ihre schüchterne Schwester June, die Rolle von Jack anzunehmen, und gibt sich Michael gegenüber als June aus. Fortan ist sie tugendhaft.
Sie kommen zusammen. Aber wer ist Jack nun? Und was geschieht, als die Schwester und Michael zusammentreffen?
Ein Lesevergnügen mit dem farbigen Zeitkolorit der Goldenen Zwanzigerjahre und die Wiederentdeckung einer schillernden Autorin.
Buchbeginn
Als Lionel Clark nach Jacqueline Mamroth fragte, gab ihm der Portier ihres Hotels den Bescheid, dass sie abgereist sei.
"Nichts hinterlassen?", fragte er, bemüht, seine grenzenlose Bestürzung zu verbergen.
"Einen Augenblick bitte."
Dann händigte man ihm ein Kuvert aus. Er riss es auf.
"Bei Waddington werden Jagden gerissen. Ade! Jack."
Lionel las diesen Brief in der Halle. Sehr langsam ging er durch das Vestibül hinaus auf die Straße.
Rowohlt Taschenbuch, 2024
Herausgegeben von Magda Birkmann und Nicole Seifert
224 Seiten
ISBN-10: 349901601X
ISBN-13: 978-3499016011
Reihe: rororo Entdeckungen
Erstausgabe: Ullstein Berlin, 1930
Samstag, 31. Oktober 2026
Kristin Valla: Das Haus über dem Fjord
Als Elin zehn Jahre alt war, kam es in ihrem Heimatort zu einem Erdrutsch. Dabei verlor sie ihre beiden Brüder und ihren Vater. Zumindest glaubte sie das bisher, denn die Leiche ihres Vaters wurde nie gefunden. Bei der Suche nach Antworten entdeckt sie, dass ihre Eltern offenbar Pläne für ein ganz anderes Leben hatten. Ihre Spurensuche führt sie schließlich bis nach Frankreich.
Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen, wobei sich die Autorin viel Zeit lässt, die Vergangenheit Stück für Stück zu enthüllen. Ich war überrascht, als die Handlung plötzlich von 1985 ins Jahr 2008 sprang. Ich habe schon viele Bücher gelesen, die auf zwei Zeitebenen spielen. Allerdings waren die Wechsel dort meist gleichmäßiger.
Besonders gut gefallen hat mir die Beziehung zwischen Elin und Ola. Sie ist nicht himmelhochjauchzend, sondern zeigt zwei Menschen, die noch am Ausprobieren sind. Beide sind durch ihre gemeinsame Vergangenheit verbunden, müssen aber erst herausfinden, wie es für sie weitergehen soll.
Dazu passt ein Zitat, das mir besonders gut gefallen hat:
„So viel von dem, was uns miteinander verband, war alt. Alte Erinnerungen. Alte Trauer. Wir mussten weiterkommen. Ich wusste nicht, wie.“
Auch Leif, der Onkel von Ola und ein Freund von Elins Vater, kommt in der Geschichte vor. An seinem Schicksal wird deutlich, wie schwierig es früher für Menschen war, die nicht den gesellschaftlichen Vorstellungen entsprachen. Ein interessanter Seitenblick auf die damalige Gesellschaft.
Was mir besonders gefallen hat: Obwohl sich die Geschichte langsam ihrem Ende nähert und noch einige Fragen offen sind, hat man nicht das Gefühl, dass die Autorin nun schnell zum Schluss kommen möchte. Sie lässt Elin Zeit, ihren Spuren nachzugehen, und gibt auch ihren Erinnerungen genügend Raum.
Allerdings muss ich sagen, dass mich das Ende nicht ganz überzeugt hat. Die Auflösung des Familiengeheimnisses kommt mit einigen überraschenden Wendungen daher, aber manches hätte für meinen Geschmack etwas mehr Raum verdient. Gerade die letzten Seiten wirken auf mich doch recht gedrängt. Schade, denn Kristin Valla weiß durchaus zu erzählen.
Auch die Figuren neben den Hauptfiguren sind mir im umfangreicheren ersten Teil teilweise etwas blass geblieben.
Insgesamt ein angenehm zu lesender, atmosphärischer Familienroman, der mich über weite Strecken gut unterhalten hat. Auch wenn mich das Ende nicht ganz überzeugen konnte, habe ich die Suche nach den Geheimnissen dieser Familie gerne begleitet.
Buchinfo
Mit Anfang 30 kehrt Elin, die als Journalistin in Oslo arbeitet, in ihr nordnorwegisches Heimatdorf zurück, um nach dem Tod der Mutter ihr Elternhaus aufzulösen. Ihre Kindheit endete jäh, als sie mit zehn Jahren die beiden älteren Brüder und den Vater durch einen Erdrutsch verlor, der ein Stück der Küste ins Meer riss. Während ihres Aufenthaltes trifft Elin ihre Jugendliebe Ola wieder, den besten Freund ihres ältesten Bruders, der sie nach dem Unglück damals auffing und mit dem sie doch nie richtig zusammenfand. Und dann entdeckt sie beim Aufräumen Hinweise auf ein großes Geheimnis ihrer Eltern, das ein ungeahntes Licht auf das Verschwinden ihres Vaters wirft und Elin auf eine Spurensuche bis in ein französisches Dorf führt. Endlich eröffnet sich für Elin die Chance, sich mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen und ihren eigenen Weg zu gehen.
mareverlag, 2022
Auflage : 1.
320 Seiten
ISBN-10: 3036961720
ISBN-13: 978-3866486492
Originaltitel: Ut av det blå, 2019
Freitag, 30. Oktober 2026
Rose Macaulay: Tante Dot, das Kamel und ich
Die britische Schriftstellerin Rose Macaulay (1. August 1881 - 30. Oktober 1958) arbeitete während des Ersten Weltkrieges im Sanitätsdienst als Hilfsschwester, in der Propagandaabteilung des Außenministeriums und zuletzt im Verteidigungsministerium. Während der Luftangriffe 1940/1941 wurde ihre Wohnung zerstört. Ihren Neuanfang bei null verarbeitete sie in der teilweise autobiografischen Kurzgeschichte "Miss Anstruther's Letters" (1942) auch literarisch.
Zu Lebzeiten war sie durchaus erfolgreich, heute aber auch in ihrer Heimat nur noch wenigen Leserinnen und Lesern bekannt. Dabei hinterließ sie ein umfangreiches Werk aus Romanen, Essays und Reisebüchern.
Auch ihr preisgekrönter letzter Roman, „Tante Dot, das Kamel und ich“, hat seit 1958 offenbar keine neue verlegerische Aufmerksamkeit erfahren.
Buchinfo
Die Erzählerin Laurie begibt sich mit ihrer eigenwilligen Tante Dot und einem anglikanischen Geistlichen auf eine Reise durch die Türkei. Was zunächst wie eine ungewöhnliche Reisegeschichte klingt, entwickelt sich zu einer ebenso humorvollen wie hintergründigen Auseinandersetzung mit Religion, Moral, Liebe und kulturellen Missverständnissen.
Mit feiner Ironie nimmt Macaulay die englische Gesellschaft und deren religiöse Selbstgewissheit aufs Korn. Dabei fließen auch eigene Erfahrungen und ihre persönliche Auseinandersetzung mit dem anglikanischen Glauben in den Roman ein.
1956 erhielt das Buch den renommierten James Tait Black Memorial Prize.
Ein bemerkenswertes Werk einer bemerkenswerten Autorin – und ein weiterer Beleg dafür, wie viele Schriftstellerinnen und ihre Bücher aus unserem literarischen Gedächtnis verschwunden sind.
Claassen, 1958
Übersetzt von Walter Schürenberg
283 Seiten
Originaltitel: The Towers of Trebizond, 1956
Donnerstag, 29. Oktober 2026
Joyce Carol Oates: Im Zeichen der Sonnenwende
"Der einzige exzentrische Zug an ihr", sagte Monica steif, als sie das nächste Mal nach Sheila Trask gefragt wurde, "ist ihre Großzügigkeit. Ich habe noch nie jemanden wie sie kennengelernt." Auf einer Cocktailparty in einer kleinen Stadt in Pennsylvania begegnen sich die Lehrerin Monica Jensen und die Malerin Sheila Trask. Monica, nach achtjähriger Ehe geschieden, ist vor ihrer Vergangenheit geflohen, sie will ihr Leben neu beginnen. Sheila ist eine spröde, abweisende Persönlichkeit, scheinbar unnahbar. Voller Angst vor der Zukunft lebt sie zurückgezogen nur für ihre Kunst: eine fast mysteriöse Erscheinung in der provinziellen Idylle. Obwohl die beiden Frauen so verschieden wie Tag und Nacht sind, freunden sie sich an; und ihre Beziehung wird immer intensiver; fast selbstvergessen geraten sie in eine rasch wachsende Abhängigkeit voneinander. Doch bringt ihre Freundschaft auch wirklich die erhoffte Befreiung von der bitteren Vergangenheit oder die ersehnten Antworten für die Zukunft? Oder führt sie erneut zur Selbstaufgabe und Verleugnung der eigenen Person?
Buchbeginn
An einem milden, herbstlich duftenden Abend gegen Ende September, wenige Wochen nachdem Monica Jensen nach Glenkill, Pennsylvania, gezogen war, um an der dortigen Höheren Schule für Jungen zu unterrichten, wurde sie im Gedränge eines Empfangs im Hause des Rektors mit Sheila Trask bekannt gemacht. Die Begegnung war so unbeholfen gewesen, ihr eigenes Auftreten so bar jeder Gewandtheit oder Würde, daß Monica nie gedacht hätte, Sheila Trask werde sich an sie erinnern oder sie würden einander auch nur wiedersehen.
dtv, 1993
Übersetzt von Barbara Henninges
ISBN-13: 9783423117036
Originaltitel: Solstice, 1985


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