Ausgewählte Texte aus den Jahren 1913 bis 1951
Aus dem Serbischen übersetzt und herausgegeben von Tatjana Petzer
3932109961
Buchinfo
Im Herbst 1913 reist Isidora Sekulic durch Norwegen. Die junge Autorin lässt sich von der Natur verzaubern: von den steilen Fjorden und endlosen Fjells, von der majestätischen Stille und den Lichtern des Nordens. Neben Gastfreundschaft und Geselligkeit erlebt sie die Melancholie und Einsamkeit in den entlegenen Winkeln des Landes, lernt das Wesen der norwegischen Kultur und Gesellschaft kennen.
Besonders beeindruckt ist Isidora Sekulic davon, wie selbstverständlich auch alleinstehende Frauen dazugehören - etwas, das sie in ihrer Heimat Serbien schmerzlich vermisst.
Buchbeginn
Oslo (Kristiana), Ende August [1913]
Vor langer Zeit lebte ein König namens Gylfi, und es geschah einmal, dass durch sein Land eine seltsame Frau zog, die ihn unterhielt und betörte mit ihren Zauberkünsten. Der König versprach ihr als Belohnung so viel Land, wie vier Ochsen an einem Tag und in einer Nacht umpflügen können.
Ich liebe es, wenn jemand auf schöne Weise über Maritimes schreiben kann. Wenn ich solche Zeilen lese, bekomme ich Fernweh, obwohl ich mich doch lieber auf Land befinde. Ja, am Meer bin ich gerne, aber es zieht mich in Wirklichkeit nicht hinaus. Und schon gar nicht, wenn ich diese Zeilen lese:
"Wir stachen in eine graue, kalte, träge und schwere See und starrten aufmerksam in das Gesicht dieses sozusagen bösen Wassers. Das sind keine geschmeidigen Wellen, die sich wiegen, fließen und schäumen; das sind starre Platten, die aufeinanderstoßen, herabstürzen und zerbrechen. Dieser Raum ist nicht mit Wasser gefüllt, dieser Raum ist mit Wasser gepflastert. Wenn die Flüssigkeit an einer Stelle doch aufschäumt, ist der Schaum hart und scharf wie Steinsplitter, aber am häufigsten sieht man helle, gerade und scharfe Kanten auf den starren Wellen, die vermutlich kalt wie Messer sind. Und wenn nur ein leichter, flinker Wind aufkommt, der die Oberfläche des Mittelmeers in winzige blaue Schüsselchen mit etwas rosa oder grüner Farbe am Grund aufwirbelt, schnellen hier, gepeitscht und heftig, kantige kleine Wellen empor, deren weiße, harte Spitzen wie Eiszacken aussehen. Vielleicht treibt und trägt auch dieses seltsame Wasser Schwerter und Messer mit sich, so wie der Strom Slidur aus dem nordischen Epos, aus den Versen der ,Edda'.






