Mittwoch, 14. Oktober 2026

Helga Schubert: Die Woche danach. Ein Stundenbuch der Hoffnung

Buchinfo
"Ich lebe nun in einer anderen Welt."

Ein Freitagmorgen im August, ein Pflegebett in einem stillen Haus in Mecklenburg – und danach ein Leben, das neu vermessen werden will.
Was geschieht, wenn der Mensch geht, den man über sechzig Jahre geliebt und über zehn Jahre gepflegt hat? In ihrer unverkennbaren, kristallklaren Prosa beschreibt Helga Schubert den eigenen Zustand in der ersten Woche, der ersten Zeit nach dem Tod ihres Mannes, beobachtet sich selbst zwischen Traurigkeit und Erlösung.
In lakonischen Miniaturen erzählt die Bachmann-Preisträgerin von Trauer ohne Pathos, von Chopin und Bach als Trost, von Tierbegegnungen im Garten, und von später Selbstbehauptung.

Buchbeginn
Als er gestorben war, an einem Freitag im August, in der Frühe,
mein Lebensmensch, 
Derden, der, den ich liebte,
mit geschlossenen Augen,
die Hände übereinander,
wie zwei Stunden zuvor,
als ich ihm gesagt hatte, dass ich mich nun in mein Bett legen werde bis zum Weckerklingeln in zwei Stunden, 
damit ich dem Krankenpfleger wie immer kurz nach acht Uhr die Haustür öffnen könne,
nach den durchwachten letzten Nächten,
und ich an seinem Bett stand morgens um acht,
war mein bisheriges Leben zu Ende.
Und, wie ich jetzt weiß, fast ein Jahr danach:
Es war für immer zu Ende.


dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2026
176 Seiten
ISBN-10: ‎3423285753
ISBN-13: ‎ 978-3423285759 
 

Dienstag, 13. Oktober 2026

Amalie Skram: Professor Hieronimus

Buchinfo
"Professor Hieronimus" erzählt die Geschichte der Malerin Else Kant, die sich nach einem Zusammenbruch in die psychiatrische Klinik von Professor Hieronimus begibt, um wieder zu Kräften zu kommen. Dort jedoch darf sie plötzlich keine eigenen Entscheidungen mehr treffen, muss sich den Regeln und dem Alltag in der Klinik fügen. Und auch die Entscheidung, wann sie wieder in ihr früheres Leben zurückkehren kann, liegt plötzlich nicht mehr in ihrer Hand. Else ist jedoch fest entschlossen, um ihre Selbstbestimmtheit zu kämpfen und ihre Würde zu bewahren. Dafür gibt sie fast alles auf, was ihr lieb erschien.

Guggolz Verlag, 2016
Mit einem Nachwort von Gabriele Haefs
Übersetzt von Christel Hildebrandt
461 Seiten
ISBN-10: ‎3945370078
ISBN-13: ‎978-3945370070
Originaltitel: ‎ Professor Hieronimus & Pa St. Jørgen, 1895
 

Montag, 12. Oktober 2026

Sarah Orne Jewett: Deephaven

Ich habe das Buch gerade erst im September gekauft und es gleich am Leseplatz liegen gelassen. Auch hier können Bücher schon mal lange warten müssen, gelesen zu werden. Doch dieses in gelb-orangenes Leinen gebundene Kleinod mit dem schönen Papier lächelte mich immer wieder an, sodass ich es jetzt zur Hand nahm.

Sarah Orne Jewett (1849 - 1909) wurde oft gefragt, ob Deephaven nicht irgendwo auf einer Karte von Newengland zu finden sei. Es gibt zwar einen ähnlichen Ort, doch nur wenige der Skizzen haben dort ihren Ursprung. Auch die Personen wird man kaum dort antreffen.
Einige Kapitel des Buches sind vorab schon im "Atlantic Monthly" erschienen.


Buchinfo
Neuengland, 1877: Die Bostoner Freundinnen Helen und Kate verbringen einen Sommer im Küstenstädtchen Deephaven, um das Haus von Kates verstorbener Großtante zu hüten. Neugierig auf den Ort und seine Geschichte tauchen sie ein in die Erzählungen ihrer neuen Nachbarn, trinken Tee mit der Frau des Leuchtturmwärters, treffen einen Fischer, dessen große Liebe einer Katze galt, und Kapitäne, die sich wehmütig an ihre Abenteuer auf hoher See erinnern. Aus ihren eigenen Erlebnissen an der Küste von Maine schuf Sarah Orne Jewett, die eine Vorliebe für die etwas heruntergekommenen Hafenstädte und ihre eigenwilligen Bewohner hatte, den Schauplatz ihres ersten Romans »Deephaven«, einer vergessenen Perle der amerikanischen Literatur, voll liebenswürdigem Humor, aufmerksamen Beobachtungen und anrührenden Begegnungen mit Menschen, deren Schicksal vom Meer und von der Seefahrt geprägt ist.

Buchbeginn
Ich hatte den Winter in Boston verbracht, und das oft in Gesellschaft von Kate Lancaster, meiner besten Freundin. An dem Morgen, da diese Geschichte beginnt, hatte ich eine schlimme Vorahnung, als würde etwas Schreckliches geschehen. Es schien dafür keinen rechten Anlass zu geben, aber ich vergrößerte mein Unbehagen noch, indem ich daran dachte, dass ich die Stadt bald würde verlassen müssen und wie sehr ich dann Kate und meine anderen Freundinnen vermissen würde.

Zitate
"Das Meer ist für mich nichts Selbstverständliches, es macht mir irgendwie Angst, auch wenn Sie an der Küste keine glücklichere Frau als mich finden werden."

"Da stand ein Schaukelstuhl, der sah so aus, als hielte er sich für sehr eindrucksvoll und viel zu vornehm, um benutzt zu werden. Er kippte auf seinen Kufen weit nach hinten, und seine Lehne bog sich oben nach vorne, was für den Kopf sehr unbequem war. Der Stuhl hätte sich keine Sorgen machen müssen; es wollte ohnehin niemand in ihm sitzen." 


mareverlag, Hamburg, 2022
mare-Klassiker
Aus dem Amerikanischen übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann
208 Seiten
ISBN-10: ‎3866486669
ISBN-13: ‎978-3866486669
Originaltitel: ‎Deephaven, 1877
 

Sonntag, 11. Oktober 2026

Amalie Skram: Knud Tandberg - Die Geschichte einer Ehe

Buchinfo
"Knud Tandberg" ist eine bezaubernd-ehrliche Novelle über die Beziehung zweier Eheleute, die sich fremd geworden sind und nach einem Weg suchen, das Glück wiederzufinden

Buchbeginn
Knud Tandberg lag auf dem Sofa im Musikzimmer. Er streckte seine Glieder, so daß es krachte, ballte die Hände und machte gymnastische Bewegungen mit den Armen, wobei er vor sich hinsummte: "Tralala, fertig für heute; tralala, hinaus, um sie zu sehen!" Bei den letzten Worten, die er mehrmals wiederholte, dämpfte er seine Stimme zu einem Flüstern, zwinkerte mit den Augen und bewegte die Lippen so, wie man mit einem Taubstummen zu sprechen pflegt.

Hofenberg, 2016
Übersetzt von Mathilde Mann
70 Seiten
ISBN-10: ‎3861998408
ISBN-13: ‎978-3861998402
Originalausgane: 1902

Samstag, 10. Oktober 2026

Marie Luise Kaschnitz: Das dicke Kind und andere Erzählungen

Buchinfo
Marie Luise Kaschnitz hat während ihres ganzen Lebens Erzählungen geschrieben – die erste wurde 1919, die letzte in ihrem Todesjahr 1974 veröffentlicht. Die vorliegende Auswahl der "Suhrkamp BasisBibliothek – Arbeitstexte für Schule und Studium", die so meisterhafte Erzählungen wie "Das dicke Kind", "Der Bergrutsch", "Lange Schatten", "Schneeschmelze" und "Eisbären" enthält, ermöglicht einen profunden Einblick in die Entwicklung ihres Schreibens und zeigt die verschiedenen Ausprägungen und Erzählformen der Kurzgeschichte bei Marie Luise Kaschnitz. Ergänzt wird diese Auswahl nicht nur durch autobiographische Skizzen und autopoetologische Aussagen der Autorin, sondern auch durch einen Kommentar, der alle für das Verständnis des Buches erforderlichen Informationen enthält: eine Zeittafel zu Leben und Werk, ausführliche Hinweise zu den Themen, Charakteristika und ästhetischen Voraussetzungen der Kurzgeschichten, Literaturhinweise, die Entstehungs- und Textgeschichte sowie Wort- und Sacherläuterungen.

Buchbeginn
Der Spaziergang
Als sie zwei Stunden lang gegangen waren, machten sie eine kleine Rast. Peter legte seinen Mantel auf den Wiesenboden, und sie setzten sich darauf, eng nebeneinander, denn das Gras war feucht. Peter holte eine Tüte aus der Tasche, darin war die Überraschung. Mandeln in weiß und rosa Zuckerguß. Christa liebte sie sehr. 

Autorin
Die Schriftstellerin und Dichterin Marie Luise Kaschnitz (31. Januar 1901 - 10. Oktober 1974) wurde nach dem Abitur in Weimar zur Buchhändlerin ausgebildet (1922–1924) und arbeitete anschließend in einem Münchner Verlag und einem Antiquariat in Rom. In Rom lernte sie Ingeborg Bachmann kennen, mit der sie eine lebenslange Freundschaft verband.

Suhrkamp Verlag, 2002
Suhrkamp BasisBibliothek 19
Mit einem Kommentar von Asta-Maria Bachmann und Uwe Schweikert
250 Seiten
ISBN-10: ‎3518188194
ISBN-13: ‎978-3518188194 
 

Donnerstag, 8. Oktober 2026

Judith Hermann: Wir hätten uns alles gesagt

Buchinfo
Eine Kindheit in unkonventionellen Verhältnissen, das geteilte Berlin, Familienbande und Wahlverwandtschaften, lange, glückliche Sommer am Meer. 
Judith Hermann spricht über ihr Schreiben und ihr Leben, über das, was Schreiben und Leben zusammenhält und miteinander verbindet. Wahrheit, Erfindung und Geheimnis – wo beginnt eine Geschichte und wo hört sie auf?Wie verlässlich ist unsere Erinnerung, wie nah sind unsere Träume an der Wirklichkeit?
Wie in ihren Romanen und Erzählungen fängt Judith Hermann ein ganzes Lebensgefühl ein: Mit klarer poetischer Stimme erzählt sie von der empfindsamen Mitte des Lebens, von Freundschaft, Aufbruch und Freiheit.

Buchbeginn
Vor einiger Zeit bin ich mitten in der Nacht auf der Berliner Kastanienallee in einem sogenannten Spätkauf zufällig und unverhofft meinem Psychoanalytiker begegnet - zwei Jahre nach dem Ende der Psychoanalyse und zum allerersten Mal außerhalb des Raumes, in dem ich jahrelang auf seiner Couch gelegen hatte.

Büchergilde, 2023
192 Seiten
ISBN: 978-3-7632-7487-1
 

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Natalia Ginzburg: Familienlexikon

Buchinfo
Das Porträt einer denkwürdigen Familie voll couragierter Exzentriker, und das in einer Zeit, in der es Courage brauchte. Dieses Buch handelt überwiegend von der italienischen Bürger- und Intellektuellenwelt der 30er- und 40er-Jahre - das sind die Jahre des Faschismus, des Kriegs, der deutschen Besetzung und des politischen Neuanfangs. Die Autorin schildert ihr Turiner Elternhaus und die Freundschaften ihrer Familie - stellvertretend für ähnlich situierte Familien - und zeigt, wie Zeitumstände Individuen einfangen, gefährden und prägen.
Natalia Ginzburg wurde 1916 in Palermo geboren. Während des Zweiten Weltkriegs gehörte ihre Familie zu den aus rassischen Gründen Verfolgten. Natalia Ginzburgs Mann, Leone Ginzburg, ein russischer Schriftsteller, hatte eine führende Rolle in der antifaschistischen Widerstandsbewegung: mit ihren Kindern teilte sie von 1940 bis 1943 seine Verbannung in den Abruzzen. Er starb 1944. Nach dem Krieg arbeitete Natalia Ginzburg als Lektorin, Übersetzerin (Proust) und Schriftstellerin.

Buchbeginn
Wenn bei uns zu Hause, als ich noch ein Kind war, meine Geschwister oder ich bei Tisch ein Glas Milch umstießen oder ein Messer fallen ließen, dann donnerte die Stimme meines Vaters: Benehmt euch nicht rüpelhaft!

Wagenbach, 2009
192 Seiten
ISBN-10: ‎3803125634
ISBN-13: ‎978-3803125637
Originaltitel: ‎Lessico familiare 
Ausgezeichnet mit dem Premio Strega 1963