Montag, 20. April 2026

Dorothea Zeemann: Reise mit Ernst

Die österreichische Schriftstellerin Dorothea Zeemann (20. April 1909 - 11. Dezember 1993) begann Anfang der 1930er Jahre, ermutigt durch den engen Freund Egon Friedell, ihre literarische Karriere; doch erst zehn Jahre später wurde ihr erstes Werk veröffentlicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie freiberufliche Publizistin und Kritikerin.

1979 hatte sie dann endlich mit ihren zwei autobiographischen Romanen den literarischen Durchbruch. In ihrem Spätwerk befasst sie sich mit dem Thema der weiblichen Sexualität im Alter.


Deuticke Verlag, 1. Auflage 1991
122 Seiten
ISBN-10: ‎3854631073
ISBN-13: ‎978-3854631071

Buchinfo

Ein Mann und eine Frau reisen nach Rom, in die "ewige Stadt". Unterwegs lernt man einander kennen oder findet bestätigt, was man ohnedies schon voneinander weiß. Es ist die Reise einer Frau, die sich im Klimakterium befindet, mit einem homosexuellen Intellektuellen. Ernst - so heißt der Mann - bedient sich ihrer, sie dient ihm - aber wer da wirklich der Stärkere ist, ist durch den Anschein nicht ausgemacht. Ernst hat soviel Ordnung in seinem Kopf geschaffen, daß kein Chaos mehr in der Lage ist, ihn für länger aus seiner Ordnung hervorzulocken. Die Frau an seiner Seite macht dagegen Erfahrungen, aber wie weit sie damit kommen wird, bleibt ihr selber in dieser ach so geordneten, männlichen Welt ungewiß.

Freitag, 17. April 2026

Tania Blixen: Gespensterpferde - Nachgelassene Erzählungen

Aus dem Dänischen von Ursula Gunsilius
Übertragung der Gedichte von Kristian Pech
Hinstorff Verlag, 1982
ISBN-10: ‎3356002082
ISBN-13: ‎978-3356002089 

Buchinfo
Die alte Sattelkammer bewahrt ihr kostbares Geheimnis; ein "schwarzes Schaf" garantiert einer bürgerlichen Familie von Generation zu Generation Ansehen und Wohlstand; der Scharfrichter erweist der Delinquentin vor der Hinrichtung seine Reverenz; ein Kindermörder wird von seinem eigenen Gewissen in den Tod getrieben; der Kuß einer uralten Lappin macht einem armen Studenten die Märchenwelt des Nordlandes lebendig.
Phantastisches und Mystisches begibt sich in den Erzählungen Tania Blixens. Sie versetzt den Leser in vergangene Zeiten und in fremde Länder.
Eine Meisterin dänischer Kurzprosa mit zehn Geschichten, die über fünfzig Jahre ihres schriftstellerischen Wirkens umreißen.

Buchbeginn
Meine Leser, ich will euch nicht dazu verleiten, etwas zu lesen, was ihr später bereuen könntet. Hier ist eine Geschichte, die kein anderes Verdienst hat als eine ganz ausgezeichnete Moral.
Aber es gab vor hundert Jahren in Amsterdam eine Familie, und es gibt sie vielleicht noch, die, obwohl sie bürgerlich war, in Achtbarkeit und Rechtschaffenheit alle anderen übertraf. Da das viele Jahre so gewesen war und es den Anschein hatte, daß sich ihre große Rechtschaffenheit vom Vater auf den Sohn vererbte, war bald im ganzen Land die Zugehörigkeit zur Familie de Cats gleichbedeutend mit dem Ruf, ein ausgezeichneter Mensch zu sein. Sie hatten die höchsten Ämter inne, sowohl geistliche als auch weltliche, und das entsprach dem Wunsch des ganzen Volkes, denn sie waren nicht nur für ihre Rechtschaffenheit bekannt, sie waren auch tüchtige Leute, sie waren klug und stark und sehr reich. 
 

Donnerstag, 16. April 2026

Aphra Behn: Werke

"Ein wildes Fest der Geschlechter

Oroonoko ist ein westafrikanischer Prinz, der als Sklave in die Kolonien verkauft wird und dort einen Aufstand anzettelt. Die schöne Miranda nutzt ihr blendendes Aussehen, um daraus Profit zu schlagen, und schreckt auch vor Mord nicht zurück. Der Freibeuter Willmore stellt auf dem Karneval von Neapel Frauen nach und wird von Hellena gebändigt, die ein Leben in – sexueller – Freiheit dem Kloster vorzieht. Der an ,Mondwahn' leidende Doktor Baliardo schließlich erlebt sein blaues Wunder, als ihm vermeintlich Außerirdische einen Besuch abstatten.

Aphra Behn – eine Feministin avant la lettre – ist die erste bekannte freie Schriftstellerin Englands und "Erfinderin" des realistischen Romans, wie wir ihn kennen. Ob in ihrem Prosawerk oder in ihren Erfolgskomödien, ihr Figurenarsenal könnte unterschiedlicher nicht sein. Doch all ihre Heldinnen und Helden eint, dass sie sich keinen Zwängen und Konventionen fügen wollen. Behns Themenspektrum reicht von Gender Trouble bis zur Zivilisationskritik und stets begehrt sie auf gegen die unterdrückte Stellung der Frauen in ihrer Epoche.

Virginia Woolf und Vita Sackville-West machten zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Aphra Behn aufmerksam. Ist sie die berühmte Schwester Shakespeares, die Woolf in ihrem Essay "Ein Zimmer für sich allein" imaginiert?
Ja und nein. Sie schrieb einige der erfolgreichsten Komödien der englischen Restaurationszeit, beeinflusste Schriftstellerinnen wie Delarivier Manley, Charlotte Lennox, Eliza Haywood und Mary Astell und kritisierte die Kolonialgeschichte Englands, kaum dass es sie gab. Trotzdem geriet sie fast vollständig in Vergessenheit. Ihre Renaissance in England läuft hochtourig. In Deutschland ist sie bislang lediglich ein Geheimtipp – höchste Zeit, dass sich daran etwas ändert.

Neben dem autofiktionalen Roman ,Oroonoko' enthält diese Werkauswahl in Neu- und Erstübersetzungen die Erzählungen ,Die schöne Scheinheilige', ,Liebesbriefe an einen Edelmann' und ,Die Abenteuer der schwarzen Lady', die Komödien ,Der Freibeuter' und ,Der Herrscher des Mondes' sowie eine breite Auswahl aus Aphra Behns lyrischem Schaffen."

Quelle: Mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Pressestimmen gibt es beim AvivA-Verlag, der vergessene Autorinnen dem Vergessen entreißt und sie ins rechte Licht rückt: https://www.aviva-verlag.de/programm/ich-lehne-es-ab-meine-zunge-im-zaum-zu-halten-fliegen-sollst-du/

AvivA, 2021
620 Seiten
ISBN-10: ‎ 3949302018
ISBN-13: ‎ 978-3949302015

Dienstag, 14. April 2026

Liesbet Dill: Tagebuch einer Mutter

Herausgegeben von Magda Birkmann und Nicole Seifert
Rowohlt-Verlag
Reihe: rororo-Entdeckungen, 2024 (1943)
432 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3499014688
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3499014680 

Buchinfo
Eine literarische Wiederentdeckung von großer erzählerischer und emotionaler Kraft, ein mitreißendes Leseerlebnis. Ein Roman über Mutterschaft, über Möglichkeiten, über Lebensentwürfe von Frauen.

Oliva Nordeck lebt nach dem Kriegstod ihres Mannes nahezu mittellos und allein mit vier kleinen Kindern. Jahrelang schlägt sich die Familie mehr schlecht als recht in einer namenlos bleibenden mitteldeutschen Stadt durch, bevor sie schließlich ein kleines, baufälliges Häuschen am Stadtrand beziehen. Hier hat Oliva alle Hände voll zu tun mit den großen und kleinen Katastrophen des Alltags als alleinerziehende Mutter von vier äußerst lebhaften Teenagern, deren Eigenheiten und Bedürfnissen sie immer wieder mit großer Gelassenheit, Verständnis und Selbstaufopferung begegnet. Nur hier und da gelingt es ihr, ein paar Minuten Zeit für sich selbst zu stehlen, um auf ihrem geliebten Flügel zu spielen, Bücher zu lesen oder selbst kleine literarische Versuche zu unternehmen, die sie dann heimlich an Zeitungen verschickt. Und immer wieder gerät sie in Situationen, in denen sie die Möglichkeiten eigener Selbstverwirklichung gegen das Glück ihrer Kinder abwägen muss ...

Buchbeginn
"Wie kommt es, Ma, dass die Kleider im Schrank immer kürzer werden?" Ulla, die mir hilft, die Wintersachen auf dem Balkon auszuklopfen, hat festgestellt, dass ihre Kleider ihr alle nicht mehr passen, denn Ulla wächst schrecklich rasch und schießt in die Höhe, dass einem angst werden kann. Sie ist darüber nicht unglücklich, denn nun wird sie die Sachen von ihrer Schwester Margot bekommen, und da Margot meine Kleider aufträgt, die noch aus meiner besseren Zeit stammen und von guten Schneidern gemacht sind freut sie sich darauf. Auf Ullas Leib ist noch nie ein neues Stück gekommen außer einer Wachstuchschürze oder wenn Tante Constanze aus Dresden mal eine selbst gehäkelte Mütze oder einen Schal schickt.
 

Links
"Nacht und Tag"-Blog von Nicole Seifert
 

Alice Schwarzer: Simone de Beauvoir. Weggefährtinnen im Gespräch

Kiepenheuer & Witsch
1. Auflage 2007
122 Seiten
ISBN-10: ‎ 3462039563
ISBN-13: ‎ 978-3462039566 

Klappentext
Zum ersten Mal begegnet Alice Schwarzer in Paris Simone de Beauvoir im Jahre 1971. Aus der politischen Zusammenarbeit wird eine persönliche Freundschaft. In den Jahren 1972 bis 1982 führt Schwarzer fünf Interviews mit der bedeutendsten feministischen Theoretikerin des 20. Jahrhunderts. Diese Gespräche mit der Schriftstellerin und Philosophin gelten nicht nur als die persönlichsten, die je mit ihr geführt wurden, sondern erregten auch weltweit Aufsehen als Dokument einer politischen Wende. Die Weggefährtinnen sprechen über Politik, die Frauenbewegung und die Linke, über Liebe, Sexualität und Männer, über Leidenschaft und Alter.

Buchbeginn
Simone de Beauvoir:
Ich konnte ganz offen antworten

Diese Interviews mit Alice Schwarzer haben zwischen Anfang 1972 und September 1982 stattgefunden: zehn Jahre. Dank unserer feministischen wie persönlichen Freundschaft war sie in der Lage, mir die Fragen zu stellen, die mich interessierten, und konnte ich ihr ganz und gar offen antworten. Diese Gespräche spiegeln also sehr genau meine Haltung zum Feminismus in der Zeitspanne, in der sie geführt wurden - eine Haltung, die ich bis heute habe.

Zitate
"Nichts war ihr zu radikal. Doch in ihrem Auftritt war sie oft überraschend wohlerzogen - die Art, wie sie ihre Handtasche auf den Knien umklammert halten konnte..." - (Alice Schwarzer) 


"Da man den Frauen nicht die Schönheit des Geschirrspülens preisen kann, preist man ihnen die Schönheit der Mutterschaft." - (Simone de Beauvoir) 

Montag, 13. April 2026

Petra Oelker: Das klare Sommerlicht des Nordens

Rowohlt Taschenbuch
24. April 2015
1. Auflage
416 Seiten
ISBN-10: ‎ 3499267780
ISBN-13: ‎ 978-3499267789 

 

"Das klare Sommerlicht des Nordens" von Petra Oelker verschlägt mich in das Hamburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ich begegne zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können.

Sidonie Wartberger ist verheiratet und führt aus materieller Sicht ein sorgenfreies Leben. Aber sie ist nicht mehr die glückliche junge Frau, die sie war, als sie ihren Mann geheiratet hat.

Und dann ist da Dora Lenau, die in einer Näherei arbeitet und auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag durch das Hamburg kommt, das im Umbruch ist; und das nicht nur technisch und kulturell. Sie lebt mit ihrer Tante Anna Römer und ihrem Cousin Theo in einer Wohnung. Die ärmlichen Behausungen werden abgerissen und neue Wohnungen gebaut. Die Bewohner der Armenhäuser werden einfach auf die Straße gesetzt. Frauen mit Kindern, alte und kranke Leute, spielt alles keine Rolle.

Dora will nicht ewig in der Näherei arbeiten. Sie hat ihre eigenen Träume. Sie möchte Avantgarde-Mode machen. Ihrem Chef hat sie auch schon einige Vorschläge unterbreitet, doch der bekommt sie in dieser Gegend nicht verkauft. Also träumt Dora erst mal weiter.

Es ist anfangs nicht ganz leicht, einen Leserhythmus zu finden. Denn die Geschichte, oder besser die Geschichten, springen von einer zur anderen.

Sidonie erlitt in der sechsjährigen Ehe zwei Fehlgeburten und verfällt in Melancholie, wie Schwiegermutter Esther Wartberger meint. Kein Verständnis dafür, dass sich Sidonie in ihre Traurigkeit einhüllt. Auch Viktor, ihr Ehemann, weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Einerseits versteht er sie, andererseits: Es muss doch mal wieder gut sein.

Ich verstehe die negativen Rezensionen, die ich gelesen habe, nicht. Wahrscheinlich passiert anderen Leserinnen* nicht genug. Aber es ist doch so: Meistens fließt das Leben einfach so dahin. Interessant ist aber doch, wie die Menschen damals gelebt haben, die Armen, die Mittelschicht und die Reichen, wie Politik gemacht, Städtebau betrieben wurde. Wie das mit den Standesunterschieden war, und was geschieht, wenn jemand aus dem eingefahrenen Regelwerk ausbricht.

Auch das Thema Antisemitismus spielt hier eine nicht kleine Rolle. Besonders zu spüren in Doras kleiner Familie. Dora wurde von ihrem Arbeitgeber in einen jüdischen Haushalt ausgeliehen. Durch Zufall lernt sie Sidonie Wartberger, die Frau des Hauses, kennen. Doras Cousin (bzw. Nicht-Cousin; wie das zusammenhängt, lest selbst) Theo, der sich auf die falsche Seite schlägt, übt Druck auf sie aus und erpresst Dora, die Leute auszuspionieren.

Ob sie das mit sich machen lässt und ob die Frauen ihren Weg finden, lest ihr am besten selbst.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, der Schreibstil ist einfach toll. Allerdings bin ich vom Ende des Buches ein wenig enttäuscht. Es geht nicht darum, ob es ein Happy end gibt oder nicht, aber die Geschichte endet irgendwie abrupt. Und dann tauchen plötzlich auf ein paar Seiten in einem Epilog alle Protagonistinnen* auf und es wird kurz geschildert, was aus ihnen geworden ist.  

Mittwoch, 8. April 2026

Elizabeth Strout: Amy & Isabelle

Amy & Isabelle sind Mutter und Tochter. Sie leben in der Kleinstadt Shirley Falls, New England. Es ist ein drückend heißer Sommer, der von einem Skandal heimgesucht werden soll.

Isabelle, alleinerziehende Mutter, arbeitet als Sekretärin in einer Fabrik. Amy besucht die Schule, Stacy ist ihre Freundin. Mit der geht sie zum Rauchen in der Pause in den Wald. Eines Tages steht nicht mehr Miss Dayble vor der Klasse, sondern ein neuer Lehrer: Mr. Robertson. Und in den verliebt sich Amy. Als ob dies noch nicht genug wäre, wird in einer anderen Stadt ein kleines Mädchen entführt, Amy erhält zu Hause einen obszönen Anruf und ihre Freundin Stacy ist im siebten Monat schwanger.

Amy & Isabelle erleben eine schwierige Zeit. Ausgerechnet Isabelles Chef hat Amy und den Lehrer am Waldrand in einem Auto erwischt. Isabelle schneidet Amy in einem Wutanfall die schönen, lockigen blonden Haare ab und besucht den Lehrer, um ihn aufzufordern, die Stadt zu verlassen. Amy wartet vergebens auf einen Anruf von ihm und hat keinen guten Gedanken mehr für ihre Mutter.

Nicht nur können sie sich zu Hause kaum aus dem Weg gehen, nein, in diesem Sommer arbeitet Amy nun auch noch im Großraumbüro, wo ihre Mutter als Sekretärin arbeitet. Und dem Chef, der sie erwischt hatte, läuft sie so auch immer über den Weg.

So weit die Geschichte, wie ich sie Dir verrate, ohne zu viel zu sagen. Denn zu lesen, wie sie sich weiterentwickelt, macht einfach nur Spaß. Obwohl es schon ernste Themen sind, die die Frauen zu bewältigen haben. Ja, es ist ein Frauenbuch, ein Buch über Frauen, für Frauen - aber keines in der Art wie die sogenannten "Lit Chicks".

Elizabeth Strout schreibt einfach toll. Sie bleibt in ihrer Geschichte nicht an der Oberfläche. Sie zeigt nicht nur das Schöne, Glänzende, das man zumeist nach außen transportieren möchte. Nein, es werden ganz menschliche, auch eklige Dinge angesprochen - wo man am liebsten sagen möchte: Oh nein, so genau möchte ich das gar nicht wissen.

Alle Frauen haben ihre Probleme, sind sympathisch oder weniger sympathisch - aber sie entwickeln sich in der Geschichte - und das zu lesen, lege ich Dir ans Herz. Für mich war es definitiv nicht mein letztes Buch von Elizabeth Strout.


Buchinfo

In der Kleinstadt Shirley Falls in New England herrscht ein drückend heißer Sommer, der die Menschen träge und gereizt macht. Die sechzehnjährige Amy arbeitet mit ihrer Mutter Isabelle im Büro der Holzfabrik und lauscht errötend Fat Bevs anzüglichen Klatschgeschichten. Fat Bev ist so ganz anders und so viel interessanter als ihre spröde Mutter, mit der sie kaum noch ein Wort wechselt. In vielerlei Hinsicht lieben und hassen sich Amy und Isabelle wie alle Mütter und Töchter. Aber seit die bis über beide Ohren verliebte Amy mit ihrem Mathematiklehrer Mr. Robertson hinter beschlagenen Autofenstern ertappt wurde, scheint die Distanz unüberbrückbar. Damals, im Juni, verließ Mr. Robertson die Stadt, und Isabelle schnitt ihrer Tochter voller Wut die langen blonden Haarer ab. Der Skandal, den Isabelle so fürchtet, reißt alte Wunden auf und konfrontiert sie mit ihrer eigenen Vergangenheit. Während Amy woanders nach Zuneigung sucht, stellt sich Isabelle ihren Ängsten und lernt, wie man Freundschaft schließt. Und endlich finden auch Mutter und Tochter wieder zueinander.


Buchbeginn

Der Sommer, in dem Mr. Robertson die Stadt verließ, war furchtbar heiß, und lange Zeit wirkte der Fluß wie tot. Nichts als ein totes, braunes schlangenartiges Etwas, das sich flach mitten durch die Stadt zod und an dessen Rand sich schmutziggelber Schlamm sammelte. Fremde, die auf der Schnellstraße vorüberfuhren, kurbelten wegen des widerwärtigen Schwefelgeruchs ihre Autoscheiben hoch und fragten sich, wie man nur leben konnte mit diesem Gestank, der vom Fluß und von der Fabrik kam. Aber die Menschen in Shirley Falls waren daran gewöhnt, und selbst in der furchtbaren Hitze nahmen sie ihn nur beim ersten Aufwachen wahr; nein, der Gestank störte sie nicht sonderlich.