Donnerstag, 21. Mai 2026

Barbara Sichtermann und Ingo Rose: Frauen, einfach genial - 18 Erfinderinnen, die unsere Welt verändert haben

Fantastische Erfindungen

Die Welt ist voller phantastischer Erfindungen. Erfindungen, die man damals wie heute wohl kaum mit einer Frau in Verbindung bringen würde. Bis lange ins 20. Jahrhundert hinein wirkten Frauen vorwiegend für die Familie. Und doch, oder gerade deshalb, konnte es geschehen, dass die Kreativen unter ihnen Dinge erfanden - für Haushalt, Kindererziehung, Körperpflege oder Mode. Aber auch in männliche Domänen wagten sich einige Mutige. Die Schauspielerin Hedy Lamarr entwickelte in den 1930er Jahren eine Fernsteuerung für Torpedos, deren Prinzip noch heute in Geräten wie dem Funktelefon genutzt wird. Auch der Scheibenwischer, den Mary Anderson austüftelte, der Paketfallschirm von der Luftfahrtpionierin Käthe Paulus und das Tortendiagramm von Florence Nightingale kommen nicht aus der häuslichen Welt.

In Vertretung der vielen einfallsreichen Frauen sei hier eine näher vorgestellt: Josephine  M. Cochrane, die Erfinderin des Geschirrspülers.

Josephine M. Cochrane wurde am 8. März 1839 in Ashtabula County, Ohio, in den USA geboren. Bis zum Tod ihres Mannes lebte sie im Wohlstand. Sie hatte Angestellte, die alle häuslichen Arbeiten verrichteten, doch waren sie unachtsam im Umgang mit dem wertvollen Familien-Porzellan. So übernahm die Dame des Hauses den Abwasch lieber selbst, obwohl sie diese Arbeit hasste. 

So entstand die Idee zu einer Maschine, die das Geschirr reinigen sollte. Nachdem ihr Mann 1883 gestorben war und ihr 1000 Dollar hinterlassen hatte, begann sie mit der Umsetzung ihres Vorhabens. Mit Hilfe des Eisenbahnmechanikers George Butters entwickelte sie die erste funktionierende Geschirrspülmaschine. Auf der Weltausstellung in Chicago erhielt sie dafür 1893 einen Preis für "die beste mechanische Konstruktion, Haltbarkeit und Zweckentsprechung". 

Zunächst interessierten sich vor allem Restaurants und Hotels für die neue Erfindung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Geschirrspülautomat so erschwinglich, dass er auch in Privathaushalten Einzug hielt.

Zwar konnte Josephine Cochrane von den Erträgen ihrer Erfindung leben, doch musste sie dafür viel reisen und Kundenkontakte pflegen. Das lag ihr wenig. Sie war viel mehr eine Erfinderin als Unternehmerin. Kurz vor ihrem Tod sagte sie: "Wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich nie den Mut gehabt, anzufangen."

Josephine M. Cochrane starb am 3. August 1913 im Alter von 74 Jahren.

 
Knesebeck, 2010
128 Seiten
ISBN-10: ‎3868731172
ISBN-13: ‎978-3868731170 

Vicki Baum: Vor Rehen wird gewarnt

Buchinfo 

"Vor Rehen wird gewarnt." Diesen Satz, den er einmal in einem Wildpark gelesen hat, kann Rechtsanwalt Watts nur jedem entgegnen, der von der zarten und aufopferungsvollen Ann Ambros spricht. Denn so rehäugig Ann auch durchs Leben geht, so rücksichtslos nimmt sie sich, was sie will. Sie verführt den Mann ihrer Schwester, treibt nicht nur San Francisco, sondern auch Wien zur Verzweiflung, sorgt dafür, dass sie stets das Beste bekommt und dass man ihr noch dankbar ist, wenn man ihr das letzte Hemd schenken darf. Vicki Baum erzählt von einer Frau, der man nicht in die Quere kommen will – und deren Bann man sich doch bis zur letzten Seite nicht entziehen kann.


 Buchbeginn
"Ach, du liebe Güte", seufzte die schmächtige alte Dame beim Anblick der hohen Stufen, die es zu besteigen galt, um in den Eisenbahnwagen zu gelangen; ihre gebrechliche Zierlichkeit, ihr halb humoristischer, halb verzweifelt-hilfloser Ausdruck machten aus diesen drei einfachen Stufen ein Hindernis ersten Grades, eine uneinnehmbare Festung, ein unbezwingliches Gebirge. Selbst der Pullmanschaffner spürte etwas davon, und mit einem fröhlich-verlegenen "Entschuldigen die Dame -" unterstützte er sachte das zierliche Leichtgewicht am Ellbogen und hob es behutsam hinauf. 

Arche Literatur Verlag AG
Aus dem amerikanischen Englisch von Carl Heinz Ostertag
2. Auflage 23. April 2021
Auflage ‏ : ‎ 2.
416 Seiten
ISBN-10: ‎3716040320
ISBN-13: ‎978-3716040324 

Dienstag, 19. Mai 2026

Julie Phillips: Das Doppelleben der Alice B. Sheldon

James Tiptree Jr (eigentlich Alice B. Sheldon; 24.8.1915 - 19.5.1987) benutzte dieses Pseudonym zwischen 1968 und 1987 für die Veröffentlichung der meisten ihrer Science-Fiction-Kurzgeschichten sowie zweier SF-Romane. Weitere Erzählungen erschienen auch unter dem Pseudonym Raccoona Sheldon. Alice Sheldon gilt heute als eine der besten Kurzgeschichten-Autorinnen des Science-Fiction-Genres.
Der Septime-Verlag hat ihr Gesamtwerk rausgebracht.

Buchinfo
Tiptrees geheimnisvolle Identität faszinierte die Fans und gab Anlass zu vielen Spekulationen, freilich glaubten alle, sie sei ein Mann. Die Aufdeckung noch zu Lebzeiten war ein Schlag: Diese knappen, harten und frechen Kurzgeschichten, die nur allzu häufig mit dem Tod endeten, waren von einer alten Dame mit weißen Federlöckchen geschrieben worden … Alice Bradley Sheldon, die mit 51 Jahren erste Erzählungen unter dem männlichen Pseudonym James Tiptree Jr. veröffentlichte und schnell zu Ruhm kam, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein ungewöhnliches und dichtes Leben hinter sich. Als bildhübsche, intelligente und verwöhnte Tochter einer oberen Mittelschichtfamilie aus Chicago verbringt sie große Teile ihrer Kindheit in Afrika, wird Malerin und Kunstkritikerin und ist im 2. Weltkrieg in der US-Armee tätig. Sie arbeitet für die CIA, bewirtschaftet eine Hühnerfarm, promoviert in Psychologie. Die amerikanische Journalistin Julie Phillips erzählt die spannende Biografie einer faszinierenden Persönlichkeit. Es wird die komplexe und tragische Geschichte einer Frau geschildert, die ein halbes Jahrhundert zu früh geboren wurde: immerfort im Schatten der erfolgreichen Mutter, frühe dysfunktionale Ehe, ein tiefgründiges Unbehagen über die eigene, vor allem sexuelle Identität und das damit einhergehende Gefühl der Isolation; langfristige Amphetaminabhängigkeit und Depressionen. Nach einem vorab geschlossenen Selbstmordpakt erschießt Sheldon im Alter von 71 Jahren erst ihren Mann und dann sich selbst.
 

Marie Under

Marie Under wurde am 27. März 1883 in Tallinn geboren und starb am 25. September 1980 in Stockholm. Sie war eine estnische Dichterin, deren Gedichte vom Lebensdurst sowie einer Hingabe an Liebe und Natur geprägt sind.

Marie Under wurde als Tochter des Schullehrers Priidu (Friedrich) Under und seiner Frau Leena Under (geborene Kerner) geboren. Die Familie stammte ursprünglich von der Insel Hiiumaa. Von 1891 bis 1900 besuchte sie die Deutsche Mädchenschule in Tallinn. Marie Under begann bereits als Elfjährige, erste Gedichte zu schreiben, zunächst vor allem in deutscher Sprache. 1902 heiratete sie Carl Hacker und war als Buchhändlerin tätig. Die Familie lebte bis 1906 in Moskau.

Gefördert durch den Maler Ants Laikmaa widmete sich Marie Under mehr und mehr der Dichtkunst in estnischer Sprache. Sie gehörte von Anfang an der stark dem Symbolismus verpflichteten Bewegung Siuru an. Bereits ihr erster Gedichtband Sonetid ("Sonette") wurde 1917 ein literarischer Erfolg. Ihre Gedichte sind geprägt vom Lebensdurst sowie einer Hingabe an Liebe und Natur. 1927 heiratete sie den estnischen Dichter Artur Adson und wurde eine der einflussreichsten estnischen Lyrikerinnen.

1944 floh Marie Under vor der Besetzung Estlands durch die Sowjetunion nach Schweden. Dort mischten sich verstärkt Töne des Heimwehs nach Estland in ihr Werk. Von 1945 bis 1957 war sie am Theatermuseum von Stockholm tätig. 

Freitag, 15. Mai 2026

Maria Gustaava Jotuni

Maria Gustaava Jotuni wurde am 9. April 1880 in Kuopio (eine kleine Stadt in Ostfinnland) geboren. Sie war eine große finnische Schriftstellerin und Dramatikerin.

Ihr Vater war Schmied und Alkoholiker. Obwohl die Familie arm war, ermöglichte sie es den sechs Kindern (Maria war die zweitälteste), höhere Schulen zu besuchen. Maria Jotuni studierte an der Universität von Helsinki Geschichte, vergleichende Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte. Während des Studiums lernte sie Autoren kennen wie Strindberg, Ibsen, Hamsun, Altenberg und Tschechov.

Sie war ihrer Zeit immer voraus. Ihr Werk wurde anerkannt und gleichzeitig kritisiert. Sie engagierte sich sozial, schreckte nicht davor zurück, gesellschaftliche Tabu-Themen anzusprechen. Das machte sie in der etablierten finnischen Gesellschaft nicht gerade beliebt. Viljo Tarkiainen jedoch, Professor für finnische Literatur an der Universität Helsinki und ihr späterer Ehemann, war unter vielen anderen einer der großen Verteidiger des dramatischen Werkes von Maria Jotuni.

Maria Gustaava Jotuni starb am 30. September 1943 in Helsinki.

 

Dienstag, 12. Mai 2026

Clara Schulte: Das Haus am Ring

Buchinfo

Die in diesem Roman geschilderte Entwicklung zweier Breslauer Firmen entspricht den geschichtlichen Tatsachen, wie sie in der Firmengeschichte der Bergwerksgesellschaft "Georg von Giesches Erben" und in der des Verlages Korn enthalten sind. Die Ausgestaltung der auftretenden Persönlichkeiten - seien diese dem Namen nach auch historisch - beruht auf freier Erfindung. - C. Sch.


Buchbeginn

Georg von Giesche
1712
 
Über den Breslauer Ring sank langsam die Dämmerung eines warmen, fast schwülen Septembertages. Nur auf dem Gipfel eines stattlichen Patrizierhauses spielte noch der farbige Abglanz des Sonnenunterganges und ließ die drei kleinscheibigen Dachfenster unter ihrer schöngeschwungenen Mauerumrahmung aufleuchten. Zu gleicher Zeit wurden in den beiden darunterliegenden Stockwerken die Kerzen angezündet. Bald drang aus den geöffneten Fenstern, die schon seit Stunden einen vielstimmigen Festlärm, vermischt mit den Klängen eines Konzerts, hinausströmen ließen, ein mattrötlicher Schimmer, der sich in der rasch einfallenden Dunkelheit vertiefte.


Herbert Stubenrauch Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1941

Autorin 

 

Clara Schulte: Genie im Schatten. Das Leben der Charlotte Brontë

Buchinfo
Das Buch schildert Charlottes Leben vor dem Hintergrund des viktorianischen England und konzentriert sich besonders auf ihren inneren Konflikt zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und ihrem künstlerischen Anspruch.
 

Buchbeginn
Die Umwelt der ersten neun Jahre
Wie ein Bild von Picasso, in graubraun und violett gestimmt, liegt das Yorkshiredorf Haworth aufgebaut am Berghange. Kahle Steineinfassungen statt lebender Hecken, nüchterne, kubische Häuschen, hungrige Haferfelder, die gleich graugrünen Tupfen über der Landschaft verteilt sind - und darüber der großartig-unheimliche Bogenschwung der Hochmoore.


Wolfgang Jeß Verlag in Dresden, 1936
251 Seiten
Autorin

Zum Reinlesen
 

Clara Schulte

 Die Schriftstellerin Clara Schulte, geborene Clara Ebert, (12. Oktober 1888 - nach 1946) heiratete 1917 den Wirtschaftsjuristen Eduard Schulte, das Paar trennte sich 1946. 

Warum man so wenig über sie findet:

- offenbar kein erhaltener literarischer Nachlass,
- keine bekannte Korrespondenz,
- keine größere wissenschaftliche Rezeption,
- vermutlich nach 1945 literarisch schnell vergessen.

Ich habe nur drei Bücher von ihr gefunden, die auch nicht neu aufgelegt wurden:

Genie im Schatten. Das Leben der Charlotte Brontë. Jefs, Dresden 1936.
Das Haus am Ring. Stubenrauch, Berlin 1941.
Der Ritter mit dem Drachen. Ein Nettelbeckroman. Stubenrauch, Berlin 1943.

Diese sind keinem speziellen Genre zuzuordnen, sondern zeigen drei verschiedene Richtungen:

literarische Biografie,
Gesellschaftsroman,
historischer Roman.

Margit Kaffka

Margit Kaffka wurde am 10. Juni 1880 in Großkarol, Siebenbürgen (heute Rumänien) geboren. Sie war eine ungarische Schriftstellerin, Dichterin, Feministin und Publizistin.

Nach dem frühen Tod ihres Vaters konnte sie nur in einer Klosterschule studieren. Als sie 21 Jahre alt war, erschienen erste Gedichte von ihr in der Zeitschrift "Magyar Géniusz".

1902 erhielt sie das Lehrdiplom für bürgerliche Schulen und unterrichtete in Miskolc. Schon während ihrer Tätigkeit als Lehrerin in Miskolc war sie ständige Mitarbeiterin der literarischen Gruppe Nyugat (deutsch West).

1905 heiratet sie Brunó Fröhlich, einen Forstingenieur. Die Ehe hält nur fünf Jahre, Kaffka geht nach Budapest, wo sie weitere fünf Jahre unterrichtet und Ervin Bauer, einen Arzt-Biologen heiratet, mit dem sie eine glückliche Ehe führt. Ab 1915 war Kaffka nur mehr literarisch tätig.

Die Schriftstellerin und auch ihr Sohn wurden 1918 Opfer der weltweiten Spanischen Grippe.

Die Krise des verarmten Adels und die Lage der zeitgenössischen Frau waren ihre zwei großen literarischen Themen. In ihrem zweiten Roman "Ameisennest" setzte sie sich kritisch mit der Klostererziehung auseinander. Kaffka erhob ihre Stimme gegen unvernünftiges Blutvergießen und Kriegspropaganda. Als Publizistin war sie hoch angesehen.

Margit Kaffka starb am 1. Dezember 1918 in Budapest. 

Sonntag, 10. Mai 2026

Man könnte meinen, die Autorin stammt aus dem 19. Jahrhundert und ward vergessen. Doch nein, sie wurde am 26. May 1934 geboren. Nach mehreren Kinderbüchern ist dies der erste und einzige Roman für Erwachsene, der 1981 erschien, sofort auf der Shortlist für den Booker Prize 1981 landete und nun erstmals für die Büchergilde ins Deutsche übersetzt wurde.

Buchinfo
Im Sommer 1851 begleitete Charlotte Morrison die Familie ihres Bruders auf einer Dampfschiffsreise von Baden-Baden bis nach Köln. Nach den Unruhen der Revolution von 1848 kommen englische Touristen wie sie wieder in den Genuss der romantischen Landschaften des Rheintals. Erst vor Kurzem ist Charlottes Großonkel verstorben, dessen Haushälterin sie lange war. Mit dem Geld, das er ihr vermacht hat, steht sie vor einem Neuanfang. Allerdings scheint es nahezu unumgänglich, dass sie als ledige Frau zu ihrem Bruder, einem frommen Reverend und seiner Familie zieht. Bereits an Bord des Schaufelraddampfers zeigt sich, dass man in ihr vor allem die Kammerzofe und Gouvernante der siebzehnjährigen Ellie sieht, die Charlotte wie ihr eigenes Kind liebt. Dass ihr selbst einst verwehrt wurde, eine eigene Familie zu gründen, wird Charlotte wieder schlagartig bewusst, als sie in Koblenz einen fremden und doch seltsam vertrauten Mann unter den Mitreisenden entdeckt. Und plötzlich werden schmerzhafte Erinnerungen und unterdrückte Sehnsüchte in ihr wach. Denn wie der Fluss, auf dem die Gesellschaft reist, birgt auch Charlottes Seele verborgene Abgründe.
Ein so zarter wie eindringlicher Roman über Reue und unerfüllte Träume, aber auch über die Hoffnung, entgegen gesellschaftlicher Widerstände selbstbestimmt zu leben.

Buchbeginn
Der Anleger von Koblenz
"Das Gepäck ist einfach auf Deck liegen geblieben", sagte Reverend Charles Morrison. "Ich dachte, du hättest darauf aufgepasst, Charlotte."
Charlotte, seine Schwester, für deren Sommerurlaub er großzügig aufkam (was ihr in diesem Moment überaus bewusst war) sagte: "Aber du hast mich doch nicht darum gebeten."

Büchergilde Gutenberg
1. Auflage 2026
Mit einem Nachwort von Lauren Groff
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
bedrucktes Leinen, farbiges Vorsatzpapier, Lesebändchen, 
208 Seiten
Einbandgestaltung von Franziska Neubert
ISBN: 978-3763277186

 

Samstag, 9. Mai 2026

Ilse Korn

 Ilse Korn wurde am 23. April 1907 in Dresden geboren. Der Vater war Steuerberater. In Leipzig erlernte sie den Beruf der Bibliothekarin und arbeitete nach der Ausbildung an der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden. Dort arbeitete sie bis zu ihrer Verhaftung im Jahr 1943.

Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 war für sie ein so einschneidendes Erlebnis, dass sie beschloss, etwas gegen die Nazis zu unternehmen. Ihr Mann Vilmos Korn - mit ihm zusammen veröffentlichte sie das bekannte Kinderbuch "Mohr und die Raben von London" (Schullektüre) - lebte als kommunistischer Schriftsteller und Journalist illegal. Weil sie ihn nicht als Vater der am 19. Juni 1938 geborenen Tochter angeben konnte, musste sie diese zu Pflegeeltern geben.

Während des anglo-amerikanischen Bombenangriffs auf Dresden konnte sie aus dem Dresdner Frauengefängnis fliehen und sich im Erzgebirge verstecken.

Schon im Juni 1945 wurde sie von der Sowjetischen Militäradministration in der Dresdner Landesbibliothek als Leiterin eingesetzt. Sie war die geistige Urheberin des „Gesetzes über die Demokratisierung des Büchereiwesens“ und folgte dem Ruf ins Ministerium für Volksbildung der DDR. Sie übernahm die Leitung einer Sonderkommission, die damit beauftragt war, im ganzen Land Bibliotheken eigens für Kinder zu gründen. Da sie jedoch die Schriftstellerei und die Arbeit im Ministerium zeitlich nicht vereinbaren konnte, schied sie „aus persönlichen Gründen“ bereits 1952 dort aus und arbeitete fortan als freischaffende Autorin.

Bei Kinderbibliotheks-Eröffnungen trat sie mangels Büchern als Märchenerzählerin auf; Kinder wie Erwachsene waren so begeistert, dass sie immer öfter als Märchenerzählerin zu Veranstaltungen eingeladen wurde, als die sie bis zu ihrem Tod am 14. Juni 1975 bekannt und beliebt blieb.

Donnerstag, 7. Mai 2026

Edith Holden: Vom Glück, mit der Natur zu leben - Das Tagebuch der Edith Holden. Naturbetrachtungen aus dem Jahre 1906

Buchinfo
"Dieses Buch ist eins der bezauberndsten Bücher, das ich je in der Hand hatte...
Der Text und die ausgesuchten liebenswerten Gedichte führen den Leser und Betrachter ruhig und gelassen beobachtend durch ein ganzes Jahr in der Natur." 

Hannelore (Loki) Schmidt

Flora und Fauna ihrer englischen Heimat im Wandel der Jahreszeiten: Alles, was Edith Holden auf ihren Spaziergängen und Wanderungen beobachten konnte, hat sie sorgfältig niedergeschrieben, ihre Lieblingsgedichte und Sprüche zur Jahreszeit hinzugesetzt, die Monatsnamen erläutert, vor allem aber ihre Eintragungen mit eigenen Aquarellen von Pflanzen und Tieren illustriert: Vögeln, Schmetterlingen, Bienen, Blumen und Kräutern.

Blatt für Blatt zeugt von ihrer Liebe zur Natur und ihrer Begabung, das Erlebte empfindungsreich zu vermitteln.

Leseprobe
April
Der Name dieses Monats ist abgeleitet vom griechischen Wort für "Öffnung". In vielen Ländern Europas gibt es seit langem einen witzigen Brauch, der an den ersten April gebunden und dessen Ursprung nie befriedigend geklärt worden ist: Einen ahnungs- oder arglosen Menschen "in den April zu schicken", ist das allgemeine Anliegen an diesem Tage.
In England nennt man das Opfer eines solchen Spaßes einen "Aprilnarren". In Schottland sagt man, daß der Nasgeführte "den Kuckuck jagt", und in Frankreich heißt er "poisson d'Avril", Aprilfisch. 



dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Aus dem Englischen von Anneke Lüders-Knegtsmans
1. Auflage März 1982
ISBN-10 ‏ : ‎ 342301766X
Originaltitel ‏ : ‎ The Country Diary of an Edwardian Lady
 

Edith Holden

Foto: Winterbeeren: Privet, Hips und Haws von Edith Holden's Die Phenologie der englischen Midlands nach Monat, 1905-1906


Die Künstlerin Edith Blackwell Holden (26. September 1871 - 15. März 1920, der Name Blackwell ehrt die Ärztin Elizabeth Blackwell) besuchte eine Kunstschule und war tätig als Buchillustratorin. Sie spezialisierte sich auf die Malerei von Tieren und Pflanzen. Sie lebte mit der Familie in Olton, einem kleinen Ort in Warwickshire, wo ihr Tagebuch "Vom Glück, mit der Natur zu leben" entstand.

Von 1906-1909 war Holden Lehrerin an der Solihull School for Girls. Für den Unterricht gestaltete sie ihre "Naturnoten für 1906". Dann war sie tätig als Illustratorin. Sie lieferte die Zeichnungen für die vier Bände, 1907-10, von The Animal's Friend, einer Zeitschrift des National Council for Animals' Welfare, und eine Reihe von Kinderbüchern, darunter "The Three Goats Gruff".

1911 heiratete sie den sieben Jahre jüngeren Bildhauer Ernest Smith. Die Ehe blieb kinderlos. Das Paar zog nach London, wo Holden Hauptassistentin von Gräfin Feodora Gleichen wurde. Im Atelier der Gräfin kam das Paar mit führenden Künstlern wie Sir George Frampton, Bildhauer der Statue von Peter Pan in Kensington Gardens, und königlichen Besuchern wie König Faisal von Arabien zusammen.

Edith Holden blieb weiterhin als Illustratorin tätig. Ihre Zeichnung mit dem Titel Young Bears Playing wurde 1917 in der Royal Society of Arts ausgestellt.
Im März 1920 stürzte Edith Holden beim Sammeln blühender Kastanienzweige in die Themse und ertrank.

Von 1890-1907 wurden ihre Zeichnungen von der Royal Birmingham Society of Artists und von der Royal Academy of Arts in den Jahren 1907 und 1917 ausgestellt.

Berühmt wurde Holden erst 1977, als ihre "Nature Notes für 1906" unter dem Titel "The Country Diary of an Edwardian Lady" posthum veröffentlicht wurde. Eigentlich waren ihre saisonalen Beobachtungen nie für die Öffentlichkeit gedacht. 


Bücher
Vom Glück, mit der Natur zu leben - Das Tagebuch der Edith Holden. Naturbetrachtungen aus dem Jahre 1906 

 

Jens Andersen: Astrid Lindgren. Ihr Leben

Die Biografie hat sich einfach wunderbar gelesen. Da ich mich mit der Person Lindgren noch nie näher beschäftigt habe, erfahre ich hier natürlich viel Neues.

Nicht so sehr über ihre Kindheit, sondern mehr über ihre Jugend. Über ihre Männer, die Geburt des Sohnes Lasse und wie das überhaupt damals so war in Schweden mit alleinstehenden Frauen, die Kinder bekamen. Und vor allem, wie es für Lasse war, der ja nach der Geburt nicht bei der Mama bleiben konnte.

Das Buch ist gespickt mit vielen Fotos und vielen Briefausschnitten an die Familie und Freunde. Sie hat sich regelmäßig Notizen gemacht über das Aufwachsen ihrer Kinder.

So richtig mit dem Bücher schreiben hat Astrid Lindgren erst mit ungefähr 35 Jahren begonnen. Zuvor arbeitete sie als Volontärin bei der Ortszeitung Vimmerby Tidning. Dort lernte sie das Journalistenhandwerk und Reinhold Blomberg, den Eigentümer und Chefredakteur der Zeitung, kennen. Sie weigerte sich aber, ihn zu heiraten. Die ersten drei Jahre musste sie ihren Sohn Lasse in eine Pflegefamilie geben, was ihr schier das Herz brach. Doch dann zogen die beiden nach Stockholm, wo sie in einem Zimmer lebten, bis Astrid ihn zu ihren Eltern nach Näs bringen konnte. Ein letztes Mal umziehen musste der kleine Mann dann, als Astrid Sture Lindgren kennenlernte und sie beschlossen, zu heiraten. Am 21. Mai 1934 wurde ihre Tochter Karin geboren.

Astrid arbeitete für den Kriminologen Harry Söderman als Sekretärin; durch seine Vermittlung wurde sie "1940 vom schwedischen Geheimdienst als 'Kontrolleurin' eingestellt - eine Geheimtätigkeit in der Abteilung für Postzensur im Stockholmer Zentralpostamt". Hier dachte sie eher wirtschaftlich, da sie unbedingt in eine größere Wohnung ziehen wollte. Durch das Lesen der Briefe war sie allerdings auch viel näher dran am Krieg.

Nach dem Krieg sah Astrid einen Hoffnungsschimmer, wenn sie an die Kinder und Jugendlichen von morgen denkt. Sie geht leise davon aus, dass diese Kinder glücklicher aufwachsen und so eine humanere und großzügigere Generation heranwächst. Eine, die sich gegenseitig das Leben gönnt.

Ich glaube, wenn Astrid Lindgren heute noch leben würde, wäre sie erschüttert, was Kinder heute wieder bzw. immer noch erleben und erleiden müssen.

1944 reichte Astrid ein Manuskript über "Pippi Langstrumpf" beim Verlagshaus Albert Bonniers Förlag ein, von dem sie abgewiesen wurde. Albert Bonnier sollte das auf immer und ewig bereuen.

Warum? Das lest selbst. Lernt Astrid Lindgren und ihre Familie und Freunde kennen. Sie war so viel mehr als "nur" eine Kinderschriftstellerin. Sie war Humanistin, Zivilisationskritikerin, politische Aktivistin.

Zum Abschluss möchte ich aber dann doch noch ein Zitat von Astrid Lindgren bringen und eine Bresche für das Buch schlagen:

"Es gibt keine Medien, die das Buch als Nährboden der Fantasie ersetzen können. Die heutigen Kinder schauen Filme, hören Radio und sehen fern, lesen Comics - das alles kann sicherlich amüsant sein, hat aber nichts mit der Fantasie zu tun. Ein Kind allein mit seinem Buch schafft sich irgendwo in den heimlichen Räumen der Seele seine eigenen Bilder, die alles andere übertreffen. Diese Bilder sind notwendig für den Menschen. An dem Tag, an dem die kindliche Fantasie nicht mehr imstande ist, sie zu erschaffen, an dem Tag wird die Menschheit ärmer."

Wenn ihr mehr über Astrid Lindgrens Eltern erfahren wollt und über ihre eigene glückliche Kindheit auf Näs, dann empfehle ich euch das Buch "Das entschwundene Land".

Meiner Meinung nach kann man sich die Geldausgabe für "Astrid Lindgren" von Sybil Gräfin Schönfeldt sparen, da da sehr viele Zitate aus dem "entschwundenen Land" auftauchen.


Pantheon Verlag
10. Auflage 2017
448 Seiten
ISBN-10: ‎3570553523
ISBN-13: ‎978-3570553527
Originaltitel: ‎Denne dag, et liv. En Astrid Lindgren-biografi 

Mittwoch, 6. Mai 2026

Julia von Brencken: Anemonen pflückt man nicht

Uneingeschränkte Freiheit des Handelns gibt es nicht.
Die Bedingungen unserer eigenen Natur, alle Bande,
die uns an andere knüpfen, sind Beschränkungen
der individuellen Freiheit. Frei ist nur, wer die notwendigen
Fesseln anerkennt und dadurch in dem Allerheiligsten
seiner Seele nicht gestört wird.

     Malwida von Meysenbug

Malwida von Meysenbug wurde als Malwida Rivalier am 28. Oktober 1816 in Kassel geboren. Sie war das neunte von zehn Kindern. Ihr Vater, der Hofbeamte Carl Rivalier, wurde 1825 mit Namensmehrung durch von Meysenbug in den erblichen kurhessischen Adelsstand erhoben. Somit wurde Malwida geadelt und stieg in den Rang einer Freiin auf.
Als ihr Bruder im Säuglingsalter starb, kamen erste Zweifel an Gott in ihr auf:

"Segen strömte aus der Machtvollkommenheit eines gütigen Gottes, wußte Malwida, wenn es sich ihr auch einfacher darstellte. Wie aber konnte der gleiche Gott einen Tag wie den heutigen zulassen? Hatte Gott zwei Gesichter, mußte man, statt ihm grenzenlos zu vertrauen, doch besser ein wenig auf der Hut sein vor diesem Gott?"

Fast neunjährig, wurde Malwida zu Hause unterrichtet. Und sie war eine begierige Schülerin. Lesen und Schreiben beherrschte sie längst, dazu kamen

"Französisch zum Lehrplan, ohne es dabei mit Grammatik und Orthographie allzu genau zu nehmen, Historie, soweit sie sich im Lernen von Jahreszahlen erschöpft, und Geographie kaum über die Grenzen des Landes hinweg. Das Fach Religion übernahm ein Geistlicher gesetzten Alters, der sich durch Zwischenfragen nicht erschüttern ließ, statt dessen aber fehlerfreies Hersagen von Sprüchen und getragenen Liedtexten forderte. Blieben noch Tanz und Handarbeit..."

Doch Malwida erhoffte sich vom Unterricht "Einblick in Literatur und Geisteswissenschaft, systematisches Durchnehmen und Kennenlernen der Werke und Namen von Gottsched bis Goethe" - jedoch hoffte sie darauf vergeblich. Ihren Lesehunger stillte sie heimlich in Mamas Bibliothek.

Als Kurfürst Wilhelm II., für den Malwidas Vater tätig war, wegen Unruhen auf Reisen ging, musste der Vater ihn begleiten. Das wiederum belastet die Ehe der Eltern. Bis die Mutter darauf bestand, dass die Familie ihm folgte. Was doch sehr beschwerlich war, da sie nie lange an einem Ort blieben.
1832 kam von Kammerherr Funck von Senftenau, den die heißgeliebte Schwester Louise geheiratet hat, der Vorschlag, nach Detmold zu kommen.
Hier wurde sie konfirmiert und galt nun als erwachsen, was ihr einige Freiheiten erlaubte. So langsam überlegte sie, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Einen ersten Heiratsantrag, den sie mit zwanzig bekam, schlug sie aus.

"Noch biegsame und empfängliche Naturen, in die Form einer Ehe gegossen, nehmen Gestalt nach dem Diktat eines anderen an und bleiben abhängige Geschöpfe, die durch die Augen dieses anderen sehen, ja nach dessen Willen handeln." 

Mit dem Tod ihrer geliebten Schwester Louise war trotz der Entfremdung der letzten Jahre ihre Kindheit dahingegangen.

Nach einer unglücklichen Liebe kam bald ein Brief vom Vater, der sich fünf Monate freistellen ließ, und die Familie zog nach Potsdam. Hier nahm Malwida Unterricht beim Landschaftsmaler Carl Morgenstern.
Nach einiger Zeit begannen die Leute zu reden. Wie sie rumlief, mit diesem Malerkittel, und immer alleine mit dem Mann im Atelier, was da passieren könnte. Wenn es der Alte wäre, aber der Junge, im heiratsfähigen Alter. Doch Malwidas Eltern vertrauten ihr.

Bis zu dem Tag, als der Vater wieder zum Fürsten muss, und die Frauen wieder zurück nach Detmold sollen.

Nach einer Predigt von Theodor Althaus gründete Malwida mit ihrer Schwester Laura einen Verein der Arbeit für Arme. In diesem Verein sollten Kleider, Strümpfe, Schürzen und Ähnliches hergestellt werden, die dann an Arme verteilt werden. Es begann schleppend, doch nachdem die ersten Produkte hergestellt und bedürftigen Familien übergeben wurde,

"setzte geradezu eine Flut von Nachfragen um Mitgliedschaft ein. Unter den Töchtern der Detmolder Gesellschaft galt es als unabdingbar, dem Verein beizutreten, ja jede wollte der anderen zuvorkommen".

Malwida, inzwischen 29 Jahre, hatte noch kein eigenes Leben - sprich, sie war noch nicht verheiratet. Doch sie liebte den Theologiestudenten Theodor Althaus. Er kam so oft wie möglich in ihr Elternhaus, sie schrieben sich Briefe. Darin ging es aber weniger um ihre persönliche Beziehung, als viel mehr um Fragen der Religion, der Politik und vor allem sozialer Belange.
Als er doch persönlicher und liebevoller in seinen Briefen wird, verweigert sich Malwida ihm als Frau. Er ist einige Jahre jünger als sie, noch Student, könnte keinen eigenen Hausstand gründen. Und eine Verbindung käme ja in ihren Kreisen nur durch eine Heirat infrage. Nach einiger Zeit fügt er sich. Ihnen fehlte auch die Möglichkeit, sich in der Hinsicht auszusprechen. Sie sahen sich zwar fast täglich, doch es war ständig eine Anstandsperson dabei.

Durch den Umgang mit Theodor Althaus entwickelte sich immer mehr ihr aufklärerisches Gedankengut. Sie regte sich maßlos auf, wenn ein "Sachverhalt unlogisch motiviert war und zudem darauf abzielte, einen Menschen oder eine Gruppe von Menschen zu verletzen. Diese Eigenschaft Malwidas sollte ihr Leben lang die treibende Kraft zu all ihren Handlungen bleiben".
Das brachte ihr aber mehr und mehr Probleme ein. Familienmitglieder mieden und distanzierten sich von ihr. Ganz besonders diejenigen, die in fürstlichen Diensten standen, wie zum Beispiel ihr Bruder Carl.

Doch dann nahm das Leben eine Wendung: Theodor beschloß, nach Leipzig zu gehen. Kurfürst Wilhelm II. starb und Malwidas Vater kehrte - müde und krank - zur Familie zurück, die nach Frankfurt zog.
So trennten sich die Liebenden und Malwida nahm Theodor das Versprechen ab, dass er ehrlich zu ihr sein sollte, falls er eine andere Frau kennenlernen sollte.

1847, Malwida ist 31 Jahre, stirbt der Vater. Außer ein paar Kleinigkeiten ist kein Erbe vorhanden. Nichts, von dem man leben könnte - weder für die Töchter noch für die Söhne. Die Witwe hofft auf eine fragliche Pension. Während die Brüder die jungen Frauen verheiraten wollen, begehren Laura und Malwida auf. Malwida sucht sich lieber einen Broterwerb, was den Bruch mit den Brüdern zur Folge hat. Nach einigem Überlegen steht fest: Sie möchte Erzieherin werden. So kann sie auch die Mutter unterstützen.

Sie kam mit sozialistischen Kreisen zusammen, trat für Frauenemanzipation ein, unterstützte die Märzrevolution von 1848 und nahm als Zuschauerin am Vorparlament in der Frankfurter Paulskirche teil.
Und dann plötzlich mussten die Frauen wieder nach Detmold zurück. Das Geld reichte in Frankfurt nicht mehr zum Leben. Im Detmolder Pfarrhaus erfuhr Malwida dann auch, warum sie immer weniger Briefe von Theodor erhielt. Er hatte eine andere Liebe gefunden.
Nachdem sie in Detmold von der Gesellschaft geschnitten wurde, fuhr Malwida zu einer Freundin nach Berlin, unglücklich darüber, dass immer noch ihr Bruder über ihr Leben zu entscheiden hatte. In Berlin erlebte sie die Niederschlagung der Revolution mit, musste die Stadt verlassen und kam bei Theodors Großvater in Potsdam unter.

Ab 1850 studierte Malwida an der Hamburger Hochschule für das weibliche Geschlecht, um Erzieherin zu werden. Auch hierfür brauchte sie wieder die Erlaubnis der Familie, was der 33-Jährigen wie eine Schmach erschien. Hier kam sie mit dem Ehepaar Johanna und Karl Friedrich Fröbel zusammen. An der Hochschule lernte sie nicht nur, sondern war bald selbst Lehrerin für andere junge Mädchen.
Als Malwida einen Antrag bekam, lehnte sie ab, weil die Familie dagegen war. Es war wie ein Zwiespalt: "Malwidas Geist, ihre Ideen und Überzeugungen waren modern und fortschrittlich, ihr innerer Mechanismus aber noch in den Vorstellungen ihrer Generation und ihrer Klasse befangen."

Hier lernte sie auch Carl Schurz - ein radikaldemokratischer Revolutionär - kennen, der mal seinen Eindruck über Malwida beschrieb:

"Sie sah zwar älter aus, als sie wirklich war, und die Natur hatte sie ihrem Aussehen nach nicht gerade begünstigt, aber sobald man mit ihr Freund war, vergaß man ihr Äußeres schnell. Das eifrige Interesse, mit dem sie alle Ereignisse verfolgte, ihre große Belesenheit und ihr Mut, sich auf dem politischen Felde zu behaupten, sprachen mich besonders an.
Ein fast ungestümer Enthusiasmus für alles Schöne und Edle beseelte sie, was sie zuweilen zu einer strengen Richterin über das Frivole machte. Dabei aber war ihr Wesen so einfach und anspruchslos, ihre Herzensgüte so unerschöpflich, daß jeder, der sie näher kennenlernte, nicht umhin kam, sie auf das höchste zu achten."


Im Frühjahr 1852 schloss die Frauenschule und Theodor Althaus, mit dem Malwida weiterhin befreundet blieb, starb am 2. April des Jahres. Den Jahreswechsel hatte sie an seinem Krankenbett verbracht.
Malwida ging nach Berlin, wo sie sich immer politischer betätigte. Sie nahm kein Blatt vor den Mund und berichtete auch nach Hamburg. Sie mochte den Gerüchten, die besagten, dass Briefpost stichprobenartig von den preußischen Polizeiorganen geöffnet und geprüft würden, nicht glauben. Doch bei der amtlichen Behörde gab es eine Akte über sie, die immer dicker wurde. Sie missachtete alle Warnungen von Freunden und Bekannten. Und wurde tatsächlich vorgeladen und einem Verhör unterzogen. Man riet ihr, die Stadt zu verlassen, um keinen weiteren Ärger zu bekommen. Nach einem Gespräch mit den engsten Freunden entschloss sie sich, nach England zu gehen.

Von nun an war sie Flüchtling, sobald sie an Bord war, schrieb sie einen Brief an die Familie:

"Diesmal gehe ich, ohne euch um Erlaubnis zu bitten. Ich brauche sie nicht mehr. Ich gehe als Flüchtling, als Verstoßene aus einer Heimat, die mich und mein Anliegen nicht verstehen will.
      Eure Tochter und Schwester Malwida."


In London traf sie Carl Schurz wieder und lernte unter anderen Gottfried und Johanna Kinkel, Therese Pulszky und Alexander Herzen kennen. Schon bald erzog sie mit mütterlicher Wärme die beiden Töchter Olga (1844–1912) und Natalie (1844–1936). Auch mit seinem Sohn Alexander Alexandrowitsch verstand sie sich gut.
Sie traf Richard Wagner, der schlecht gelaunt war, in Paris wieder, wohin sie fuhr, weil sie durch eine Meinungsverschiedenheit nicht mehr im Hause Herzens bleiben konnte. Über Wagner kam sie in Kontakt mit der Philosophie Arthur Schopenhauers, welche sie – in eigener Interpretation – für sich selbst übernahm.
Malwida lebte sich ein in Paris und sie fühlte sich hier wohl. Traurige Erinnerungen konnte sie vergessen und neue Eindrücke sammeln. Sie arbeitete, schrieb Artikel und Essays und war mittlerweile finanziell unabhängig. Doch dann kam ein Brief von Herzen: Die Mädchen würden sie vermissen, sie möchte doch bitte nach London zurückkommen. Bei Natalie merkte Malwida, dass sie nicht mehr viel ausrichten konnte, aber für Olga konnte sie wieder die Mutterrolle übernehmen. Wegen der Gesundheit zog es Malwida wieder in den Süden und Herzen erlaubte, dass Olga mit ihr reisen durfte. Die beiden hielten sich 1860/61 in Paris auf. Dann vertrug Malwida auch dessen Witterung nicht mehr. Zusammen mit Olga und nun auch Natalie ging es nach Italien. Schon bald sollte Natalie wieder nach Hause. Sie war alt genug, in die Gesellschaft eingeführt zu werden. Malwida akzeptierte das, aber sie war der tiefen Überzeugung,

"... daß keineswegs wie bisher der Gedanke an die Ehe den jungen Gemütern um jeden Preis eingepflanzt und als einziges Lebensziel für die Frau hingestellt werden muß! Diese unheilvolle Ansicht, die die meisten Mütter noch vertreten, muß unbedingt aufgehoben werden. Das Mädchen muß so gut wie der Knabe von klein auf seine Fähigkeiten entwickeln können, danach streben dürfen, aus sich ein möglichst vollkommenes und umfassendes Wesen zu machen. Wieviel häßliche Täuschung und auch Selbsttäuschung, wie sie jetzt oft den jungen Mädchen gelehrt werden, würden damit wegfallen. Wieviel Unglück als Folge konventionell geschlossener Ehen würde vermieden werden! Kommt dem entwickelten Charakter, dem gereiften, in sich ruhenden Wesen, die wahre Liebe als Krone des Lebens hinzu - nun wohl dem Glücklichen! Eine Ehe aber, in das ein Mädchen aus Vorurteil und schierem Brauchtum gestürzt wird, kommt der Prostitution gleich."

1869 erschien anonym und erfolgreich der erste Band ihrer persönlichen Memoiren, zunächst auf französisch; nach einer erweiterten Übersetzung erschienen 1875 und 1876 auch ein zweiter und dritter Band.
Nach 18-jähriger Freundschaft verlor Malwida Alexander Herzen an den Tod. Auf ihre Weise hatte sie den Mann geliebt. Er "aber hat auf mehr als vierhundert Druckseiten seiner Lebenserinnerungen Malwida von Meysenbug nicht ein einziges Mal erwähnt". 
Olga heiratete und ging mit ihrem Mann nach Paris. So war Malwida nun wieder alleine. Ganz passend kam da eine Einladung von Richard Wagner und so zog sie 1873 nach Bayreuth. Ein Jahr später, Malwida war mittlerweile 58 Jahre alt, musste sie der Gesundheit wegen nach Italien. Sie lud oft junge Künstler und Schriftsteller zu sich ein, so etwa Nietzsche (dessen Gönnerin und Freundin sie wurde und blieb) und Paul Rée 1876/1877 nach Sorrent. Auch Lou von Salomé wurde von ihr und Rée mit Nietzsche bekanntgemacht.

Malwida hat inzwischen das "hohe Alter" von 63 Jahren erreicht. Was sie erreichen wollte, als sie ihr Elternhaus verließ, hat sie geschafft:

"Selbständigkeit, Bewährung, Unabhängigkeit, und damit das Wunder einer Frau ihrer Zeit. Seit zwanzig Jahren lebte sie von den Früchten ihrer Feder, seit drei Jahren von den reichlich fließenden Tantiemen ihrer ,Memoiren einer Idealistin' und seit April 1879 von ihren bei Reißner in Leipzig erschienenen ,Stimmungsbilder'."

Sie brachte sich Ludwig Sigismund Ruhl in Kassel in Erinnerung und ein Briefwechsel begann, der bis zu Ruhls Tod anhalten sollte.
Die Bekanntschaft mit der erst 20jährigen Lou von Salomé ist dagegen nicht von Sympathie getragen. Malwida war zwar eine Verfechterin geistiger Freiheit, dennoch war sie in den Grenzen konventioneller Erziehung aufgewachsen, deren übliche Schranken Lou verachtete.

1885 erschien, wieder bei Reißner in Leipzig, ihr Roman "Phädra" in drei Teilen. Ebenfalls wieder mit Erfolg.

In Alexander von Warsberg hatte Malwida einen Freund gefunden. Für sie war die Verbindung mit ihm eine Freundschaft, "die wie ein heller Lichtschein auf meinen Weg fällt, der sich dem letzten Ziele nähert".  - Warsberg starb am 28. Mai 1889.
In diesem Jahr lernte Malwida den 50 Jahre jüngeren Romain Rolland kennen, der ihr letzter Vertrauter wurde. Sie ermöglichte dem jungen Mann, sein Klavierspiel zu üben. So trafen sie sich wöchentlich mehrmals und freundeten sich an. Rolland drückte es später so aus: "Der Freund, der dich versteht, erschafft dich. In diesem Sinne bin ich von Malwida erschaffen worden." 
Leider war er nicht anwesend, als Malwina ihren letzten Weg ging.

Malwida von Meysenbug starb am 26. April 1903 in Rom.


Salzer, 1995
349 Seiten
ISBN-10: ‎3793603385
ISBN-13: ‎978-3793603382
 

Herward Sieberg: Die Dichterin Irene Forbes-Mosse: Enkelin der Romantik in stürmischen Zeiten

Georg Olms Verlag
1. Auflage, 2022
3487161370
978-3487161372 


Buchinfo

Die deutsche Dichterin Irene Forbes-Mosse (1864–1946) war vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und während der Weimarer Republik eine angesehene Schriftstellerin, die durch mehrere Gedichtbände, einige Romane und zahlreiche Novellen beim anspruchsvollen Lesepublikum hohe Wertschätzung erlangte. Zu ihrer Bekanntheit trug bei, dass sie als Nachfahrin ihrer berühmten Großeltern Achim und Bettine von Arnim deren geistiges Erbe verwaltete. Wiederholt hat man sie in der Presse als „Enkelin der Romantik“ gerühmt, zumal sich in vielen ihrer Gedichte und manchen Prosastücken romantische Anklänge finden. Ende der 1920er Jahre machte Irene Forbes-Mosse die Schweiz zu ihrer Wahlheimat. Nach 1933 hat sie deutschen Boden nie wieder betreten. Während der NS-Diktatur wurde es still um sie. In grenzenloser Borniertheit nahm man Anstoß an ihrem Namen, den sie, eine gebürtige Gräfin Flemming, seit ihrer Heirat mit einem englischen Offizier trug. Das Fehlen jeglicher Publizität bewirkte, dass Irene Forbes-Mosse fast ganz in Vergessenheit geriet. Der Autor Herward Sieberg hat bereits eine umfangreiche Biographie über Irenes ältere Schwester vorgelegt, die Schriftstellerin und Diplomatenfrau Elisabeth von Heyking. In seinem neuen Buch zeichnet er den Lebensweg der Dichterin Forbes-Mosse nach. Es geht um die Wiederentdeckung einer außergewöhnlichen Frau. Nicht allein ihr schriftstellerisches Werk ist bedeutsam. Von hohem Interesse sind auch ihre Korrespondenzen, in denen sie als engagierte Zeitzeugin die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen ihrer Epoche begleitete.

Montag, 4. Mai 2026

Margaret Goldsmith: Patience geht vorüber

Die US-amerikanische Schriftstellerin Margaret Goldsmith (4. Mai 1895 - 27. Juni 1970) schrieb ab 1928 sechs Romane und mehr als zwanzig Biografien und Sachbücher. Zudem übersetzte sie viele Bücher aus dem Deutschen ins Englische. In den 1930er Jahren deutsche Schriftsteller im Exil.

Buchinfo
Während im Frühjahr 1918 an der Front gekämpft wird, feiern Patience und Grete in einer kleinen Konditorei in Berlin ihr Abitur. Grete ist Sozialistin, Patience, deren englische Mutter aus adliger Familie stammt, gehört nirgends so recht dazu. 
So schwungvoll wie gelassen schildert Goldsmith in ihrem 1931 veröffentlichten Roman die Lebensentwürfe und Enttäuschungen ihrer sympathischen Hauptfigur Patience: Von der leidenschaftlichen Liebe zu Grete und der kurzen Ehe mit dem jungen Soldaten Joachim bis zum "neusachlichen" Umgang mit Beziehungen Ende der 1920er Jahre, der Arbeit als Journalistin zwischen Deutschland und England und der zweiten Karriere als Medizinerin. Aus dem Blickwinkel einer zwischen den Nationen stehenden "Outsiderin" entwirft Goldsmith dabei ein lebendiges Bild der deutschen und englischen Gesellschaften zwischen 1918 und 1930 - voller Humor und überraschend aktuell.

Buchbeginn
Damals war man eben noch sehr sentimental. Auch die jüngere Generation feierte alles: die Geburt eines strammen Jungen (zehn Pfund), Schulschluß, wenn man Oberregierungsrat wurde, nicht um sich sozusagen darüber lustig zu machen, sondern so richtig mit echtem Gemüt, beinah' wie vor dem Krieg, mit Tränen der Rührung, mit Händedruck und was dazu gehörte. Patience von Zimmern und Grete Linsenmeyer feierten ihr bestandenes Abiturexamen.


Herausgegeben und mit einem Nachwort von Eckhard Gruber
AvivA Verlag, 2020
224 Seiten
ISBN-10: ‎3932338944
ISBN-13: ‎978-3932338946 
 

Mittwoch, 29. April 2026

In fernen Gefilden - Werke 1

Die US-amerikanische Schriftstellerin Joanna Russ (22. Februar 1937 - 29. April 2011) war vor allem als Autorin feministisch orientierter Science-Fiction und Fantasy bekannt. Als wichtig gelten ihr Debütroman "Picnic on Paradise" (1968, deutsch als Alyx) und "The Female Man" (1975, deutsch als Planet der Frauen).

Buchinfo

Mit der wagemutigen, widerborstigen Abenteurerin Alyx schuf Joanna Russ ein Gegenbild zu den dominanten Heldenfiguren ihrer Zeit: In den vorliegenden fünf Erzählungen und dem Kurzroman »Picknick auf Paradies« kämpft eine Frau für ein selbstbestimmtes Dasein, ohne sich männlichem Rollenverhalten anzudienen. Alyx verschlägt es in antike Städte und auf ferne Planeten, aber eines bleibt stets gleich: Sie muss sich den Zumutungen entgegenstellen, mit denen voreingenommene Menschen und autoritäre Gesellschaftsformen sie konfrontieren. Band 1 der Werkausgabe enthält weiterhin eine repräsentative Auswahl von Essays und Rezensionen aus der ersten Schaffensphase von Joanna Russ. – Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Jeanne Cortiel, Professorin für Amerikanistik an der Universität Bayreuth und Autorin der Monografie "Demand My Writing: Joanna Russ, Feminism, Science Fiction".

Buchbeginn
Blaustrumpf
Dies ist die Geschichte einer Reise, die nur insofern von Interesse ist, als sie von den Taten einer kleinen, grauäugigen Frau handelt. Kleine Frauen gibt es zur Genüge - und solche mit grauen Augen auch -, aber diese Frau zählte zu den weisesten eines Geschlechtes, das überdurchschnittlich weise ist. Das ist nicht weiter überraschend (oder sollte es jedenfalls nicht sein), denn es gehört zum Allgemeinwissen, dass die Frau eine ganze Viertelstunde vor dem Mann erschaffen wurde und sich diesen Vorteil bis heute bewahrt hat.


Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Hannes Riffel, Erik Simon & Thomas Ziegler

Carcosa Verlag, 1. Auflage 2024

380 Seiten

ISBN-10: ‎3910914187

ISBN-13: ‎978-3910914186

Teil der Serie: ‎ Carcosa

 

Montag, 27. April 2026

A. S. Byatt: Das Geheimnis des Biographen

Buchinfo
Mit dem "Geheimnis des Biographen" entfaltet Antonia S. Byatt ironisch und ernsthaft zugleich ein ebenso amüsantes wie beziehungsreiches und anregendes Spiel mit Vergangenheit und Gegenwart, mit Tatsachen und Vermutungen, mit Fiktion und Realität.

"Einer der Vorzüge von Byatts gut durchdachter, vielschichtiger Fiktion ist, daß sie uns daran erinnert, wie grob, wie vorläufig sich die Dinge darstellen." - John Updike
 

Insel-Verlag
Übersetzt von Melanie Walz
1. Auflage 2001
281 Seiten 

Louisa May Alcott

Am 6. März 1888 wurde Louisa May Alcott geboren.
Die US-amerikanische Schriftstellerin wurde für ihre Jugendbuch-Tetralogie Little Women, die auf Kindheitserlebnissen mit ihren Schwestern beruht, weltweit berühmt.
„Die Kraft, Schönheit in den einfachsten Dingen zu finden, macht das Zuhause glücklich und das Leben liebenswert.“
Louisas Mutter Abigail May Alcott kämpfte für die Abschaffung der Sklaverei, ihr Vater Amos Bronson Alcott war bekennender Transzendentalist. Die Familie, Louisa hatte zwei Schwestern, zog nach Boston, wo der Vater mithalf, die experimentelle Temple School zu gründen und mit Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau dem Transcendental Club beitrat.
Louisa wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf; der Vater konnte nicht mit Geld umgehen und das Schulmodell wurde ein Misserfolg. Mit dem Erbe der Mutter und durch Unterstützung des Freundes der Familie, Waldo Emerson, konnte sich die Familie ein Haus in Concord kaufen.
Die Schwestern wurden zu Hause unterrichtet, durften in Emersons Bibliothek stöbern, erkundeten mit Thoreau die Natur und Umgebung.
Louisas Leidenschaft fürs Schreiben begann schon früh, sie schrieb melodramatische Theaterstücke, die sie mit den Schwestern für Freunde aufführte. Ihr selbst lagen die Banditen, Räuber und Bösewichte.
Sie wollte aus den ärmlichen Familienverhältnissen hinaus und schwor sich, später reich zu werden. Sie nahm jede Stelle an, die sie kriegen konnte und arbeitete unter anderem als Näherin, Lehrerin und Haushälterin. In A Story of Experience (1873) konnte sie diese Erfahrungen verarbeiten.
Auch die Schriftstellerei fand ihren Ursprung auf dem Willen, die Familie zu unterstützen. Sie fing mit Kurzgeschichten und Gedichten in Magazinen an, bis sie dann 1854 ihr erstes Buch Flower Fabels veröffentlichte. In diesem Buch finden sich Märchen für Emersons Tochter Ellen.
1856 - Louises Schwester Elizabeth (Vorbild für die Figur der Beth in Little Women) starb an Scharlach, ihre Schwester Anna heiratete. Louisa schrieb wenig später für The Atlantic Monthly, nahm 1862 als Lazaretthelferin am amerikanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Nordstaaten teil, wo sie sich mit Typhus ansteckte. An den Folgen der Behandlung mit Quecksilber hatte sie bis zum Lebensende zu leiden. 1863 veröffentlichte sie ihr Werk Hospital Sketches, die Grundlage dafür waren ihre Briefe aus dieser Zeit, mit dem sie erstmals einem breiteren Publikum bekannt wurde.
Unter dem Pseudonym A. M Barnard folgten Schauer- und Gruselromane - auch diese Seite findet sich in Jo aus Little Women wieder.
Später folgte sie dem Weg ihrer Mutter und sympathisierte mit der Sufragettenbewegung. Sie kämpfte für Frauenrechte und das Frauenwahlrecht und engagierte sich für die Abschaffung der Sklaverei. Von dieser Bewegung ist auch ihr Erfolgsroman Vier Schwestern (1868/69) beeinflusst.
Mit ihren Kinderbüchern, in denen sie sich um moralisch-pädagogische Integrität und literarisches Niveau bemühte, wurde sie berühmt. Da wären zum Beispiel: Ein Mädchen aus der guten alten Schule (1870) oder Kleines Volk (1871). Ihre Bücher schafften es auch nach Europa.
Ihr Gesundheitszustand verschlimmerte sich durch die Quecksilbervergiftung stetig, doch sie hörte nie auf zu schreiben. Kurz nach dem Tod ihres Vaters starb sie selbst am 6. März 1888 an einem Schlaganfall. Sie wurde nur 55 Jahre alt.
Auch der Film hat sich den Werken von Louisa May Alcott angenommen.

Eine frühe, britische Verfilmung aus dem Jahre 1917 gilt als verschollen. Die erste US-Kinoverfilmung, mit Katharine Hepburn und Joan Bennett, entstand 1933 unter der Regie von George Cukor (dt. als Vier Schwestern). Es folgte 1949 eine Version mit Elizabeth Taylor und Janet Leigh unter der Regie von Mervyn LeRoy (dt. als Kleine tapfere Jo). Eine zweiteilige US-Fernsehversion wurde 1978 produziert. Im Jahr 1994 verfilmte Gillian Armstrong das Buch mit Winona Ryder (dt. als Betty und ihre Schwestern). 2019 erschien eine weitere Filmadaptation durch Greta Gerwig mit Saoirse Ronan, Emma Watson, Florence Pugh und Eliza Scanlen.
In Japan entstanden mehrere Zeichentrickserien auf der Basis von Little Women; zum ersten Mal 1977 noch als eine Folge in der Serie Manga Sekai Mukashibanashi unter dem japanischen Titel der Romanreihe Wakakusa Monogatari (若草物語, dt. „Geschichten von jungem Gras“) und 1980 die erste vollständige Serie unter dem gleichen Titel. 1981 folgte mit Wakakusa no Yon Shimai (若草の四姉妹, dt. „die vier Schwestern des jungen Grases“) eine weitere. Die auch international bekannteste entstand als Teil der Literaturverfilmungen des World Masterpiece Theaters (WMT) 1987 mit Ai no Wakakusa Monogatari, das in Deutschland unter dem Titel Eine fröhliche Familie ausgestrahlt wurde. Auch die Romanfortsetzung Little Men wurde 1993 als WMT-Serie Wakakusa Monogatari: Nan to Jo-sensei, in Deutschland: Missis Jo und ihre fröhliche Familie, umgesetzt.
„Ich mag gute, starke Worte, die etwas bedeuten …“

Lina Bögli: Immer vorwärts

Lina Bögli (15. April 1858 - 22. Dezember 1941) gilt als erste Schweizer Weltreisende und Reiseschriftstellerin. In "Vorwärts" verarbeitete sie ihre zehnjährige Weltumrundung (Australien, Neuseeland, Samoa, Honolulu, die USA). Eine weitere Reise führte sie nach China und Japan, auch sie wurde veröffentlicht.
Was bis heute nicht veröffentlicht ist, sind ihre Tagebücher (26 Bände).


Immer vorwärts (1915)
Lenos Verlag, Erscheint im Februar 2026
3857878541

Buchinfo
Sie wurde die erste Reiseschriftstellerin der Schweiz: Lina Bögli, geboren 1858. Unternehmungslustig, vom Unbekannten fasziniert, brach sie in die Welt auf. Nach ihrer zehnjährigen Reise nach Australien, Ozeanien und Nordamerika, die sie in ihrem berühmten Bericht "Talofa" beschrieben hatte, führte ihre zweite große Tour sie 1910–1913 nach Japan, Korea und China. Lina Bögli fuhr mit wenig Erspartem los und schlug sich in Tokio als Sprachlehrerin durch. Sie ließ sich Sitten und Bräuche erklären, besuchte eine Parlamentssitzung, sah den japanischen Kaiser und folgte Einladungen zu Hoffesten und Militärparaden. China wiederum bereiste sie in einer turbulenten Zeit: Wenige Monate zuvor hatte der letzte Kaiser abgedankt, und die noch junge Republik war politisch instabil. Lina Böglis Beschreibungen aus jenen vergangenen Tagen sind eine kuriose Mischung aus Neugier, Mut und Witz, ein charmantes und wichtiges Dokument früher weiblicher Weltläufigkeit.
 

Sonntag, 26. April 2026

Dea Trier Morch

 geb. 9. Dezember 1941 in Kopenhagen
gest. 26. Mai 2001

Ich habe im Netz zwar einige deutsche Titel der dänischen Künstlerin und Schriftstellerin Dea Trier Morch gefunden, doch sie selbst scheint bei uns nicht so bekannt zu sein.

Sie studierte an der Königlich Dänischen Akademie der Schönen Künste Malerei. Ihr erstes Buch, Sorgmunter socialisme. Sovjetiske raderinger, erschienen 1968, ist mit eigenen Radierungen illustriert und berichtet von ihren Reisen in die Sowjetunion. Sie war Mitglied in der Dänischen Kommunistischen Partei und hat 1969 das sozial orientierte Kulturkollektiv "Rote Mutter" mitbegründet.

Das auch ins Deutsche übersetzte Vinterbørn (Winterkinder) (im DDR-Blog) basiert auf persönlicher Erfahrung, wurde in 22 Sprachen übersetzt und gipfelte 1979 in Astrid Henning-Jensens preisgekrönter Verfilmung. Auch in anderen Werken geht es um Familie und Sozialismus. Veröffentlicht wurden auch noch Reisebücher.

Friederike Mayröcker: Gesammelte Gedichte: 2004-2021

Das komplette lyrische Spätwerk versammelt in einem Band
Von Marcel Beyer herausgegeben und mit einem Nachwort versehen
Suhrkamp Verlag 2024
3518432079

Buchinfo
Friederike Mayröcker war eine der großen Dichterinnen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Immer wieder wurde sie für den Literaturnobelpreis ins Gespräch gebracht. Am 4. Juni 2021 verstarb sie mit 96 Jahren in ihrer Heimatstadt Wien. Der vorliegende Band knüpft an die Gesammelten Gedichte 1939-2003 (2004) an und trägt Friederike Mayröckers lyrisches Spätwerk bis zu ihrem allerletzten, 2021 entstandenen Proëm zusammen.

Als Friederike Mayröcker 2004 den 80. Geburtstag feierte und ihre Gesammelten Gedichte 1939-2003 erschienen waren, entschloss sie sich, noch einmal in eine ganz neue Richtung aufzubrechen. Nach und nach entwickelte sich so eine eigene Form, der sie den Namen "Proëm" gab – lyrische Erleuchtung und hellwache Weltbeobachtung, changierend zwischen Kurzprosa und Gedicht. Zu ihrem erklärten Ziel wurde es, schreibend den Tod, ihren erbitterten Feind, auf Distanz zu halten. Friederike Mayröcker tat es mit ungeahnter Produktivität und überbordendem Farbenreichtum, indem sie ihre Liebe zum Leben heraufbeschwor: In Erinnerungen an ihre wechselvolle Kindheit im Wien der zwanziger und dreißiger Jahre, an ihre Jahrzehnte an der Seite von Ernst Jandl, an zahllose Begegnungen mit Menschen, Kunstwerken und Musik. Dem Wechsel der Jahreszeiten folgte sie aufmerksamer denn je, und mit ihrer Sprachmacht verstand sie es, eine Blume auf dem Fensterbrett gegenüber zum Zentrum des Universums werden zu lassen.

 

Gila Lustiger: Die Schuld der anderen

Gila Lustiger (27. April 1963 geb.) studierte in Jerusalem Germanistik und Komparatistik. In diesem Zeitraum war sie auch Lektorin für Deutsche Literatur und Kinderliteratur in Tel-Aviv. 
1987 zog sie nach Paris, wo sie bis 1989 als Journalistin für das deutschsprachige Programm von Radio France Internationale und das ZDF arbeitete. Dann war sie als Lektorin für verschiedene französische Verlage tätig und veröffentlicht seit 1995 Romane.



Buchinfo
Schwüler Hochsommer beherrscht ganz Frankreich und lässt das Pariser Leben unter einer Hitzeglocke fast erstarren, als dem Redakteur Marc Rappaport ein besonderer Fahndungserfolg auffällt: Ein 27 Jahre zurückliegender Prostituiertenmord soll mit Hilfe modernster Technik endlich gelöst sein. Schnell steht für den investigativen Journalisten fest, dass es so einfach nicht sein kann. Er rollt den Fall neu auf. Seine Recherchen führen ihn bis tief in die französische Provinz und zu einem global agierenden Konzern, dessen Arbeiter seit dreißig Jahren an einer grausamen Krankheit sterben. Ein Abgrund an Korruption und Vertuschung tut sich auf, der schließlich auch Marc hinabzuziehen droht, denn alte Seilschaften sind in Funktion und wirken nicht nur in höchste politische Kreise, sondern auch bis in seine nächste Nähe. – Gila Lustiger gelingt mit "Die Schuld der anderen" ein atmosphärisch dichter und klug gebauter Roman über französische Verhältnisse als Spiegel unserer Gegenwart.

Buchbeginn
Es hatte ununterbrochen geregnet, doch schon in den frühen Morgenstunden war sämtliche Feuchtigkeit wieder verdunstet. Paris, für Sonne geradezu erschaffen, strahlte unter einem makellos blauen Himmel. Das Licht tanzte auf dem Fluss, während ein Boot voller träger, selbstvergessener Touristen vorbeizog und unter einer Brücke hindurchglitt. Die Ufermauern waren wie weiß gewaschen. Überhaupt schien dieses Vormittagslicht alle Farben zu schlucken. Nur noch hell, dunkel, Weiß, Ocker, Blau. Und dort, bei den akkurat gepflanzten Bäumen neben der Mauer des Seineufers, ein paar Flecken Grün.

Berlin Verlag, 2015
496 Seiten
ISBN-10: ‎3827012279
ISBN-13: ‎978-3827012272 
 

Samstag, 25. April 2026

Gabriele Wohmann: Eine souveräne Frau: Die schönsten Erzählungen

Buchinfo
Würden alle Figuren plötzlich lebendig werden, die in Gabriele Wohmanns unzähligen Erzählungen vorkommen, könnte man wohl eine Kleinstadt mit ihnen bevölkern. Man hätte das alltägliche Welttheater vor sich, allerdings eines, bei dem hinter den banalen Verrichtungen und Problemen die Bruchlinien der Existenz ausgeleuchtet werden. Es wäre mit Nachsicht gegenüber Unzulänglichkeiten und einem Humor ausgestattet, der selbst dem Scheitern noch eine überraschende Leichtigkeit und Komik verleiht. Damit sich der Leser nicht verliert in diesem verlockenden Figuren- und Geschichtengewimmel aus fünf Jahrzehnten, wurden nun die schönsten Erzählungen ausgewählt und mit dem Bonus einiger neuer Geschichten versehen.

Buchbeginn
Das Ganze liegt jetzt schon ein Jahr zurück, und es ist eigentlich traurig, dass ich mit Weihnachten nichts Besseres anzufangen weiß, als eine Geschichte zu Papier zu bringen, die ausgesprochen unweihnachtlich ist. Das Weihnachtsfest einer alten Jungfer, die es verschmäht, eine fortschreitende Ergrauung ihrer Haare in Zusammenarbeit mit einem tüchtigen Friseur zu bekämpfen, kann aber vielleicht nicht sinnvoller begangen werden als mit der intensiven Versenkung in eine Vergangenheit, die ihr die Erbärmlichkeit ihres Jungfernstandes recht grausam vor Augen führte.

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Georg Magirius
Aufbau, 1. Auflage 2012
286 Seiten
ISBN-10: ‎3351033931
ISBN-13: ‎978-3351033934

Gabriele Wohmann

 Gabriele Wohmann (21. Mai 1932 - 22. Juni 2015) bezeichnete sich selbst als "Graphomanin". Wenn mensch sich ihr Werk so anschaut, kann mensch nur zustimmen. Sie schrieb Erzählungen, Romane, Gedichte, Hörspiele, Fernsehspiele und Essays.
Zu Beginn ihrer schriftstellerischen Tätigkeit schrieb sie eher in satirischer Form über die Problematik der herkömmlichen Paarbeziehung und traditioneller Familienstrukturen. 
In den 1960er Jahren nahm sie an Tagungen der Gruppe 47 teil. Ab den 1970er Jahren wurde sie dann versöhnlicher, blieb aber trotzdem die scharfe Beobachterin.

Gabriele Wohmann: Einsamkeit - Erzählungen

Buchinfo
Die siebzehn neuen Erzählungen Gabriele Wohmanns lesen sich, so unterschiedlich sie auch aufgebaut sind, wie Variationen eines Themas. Einfühlsam und Distanziert ironisch registrieren sie einen Mangel:
Die Hauptpersonen sind einsam.
Aber: Ausschließlich auf sich selbst gestellt ist niemand von Gabriele Wohmanns neuen "Helden". Sie leben in Familien, haben Freunde, Bekannte, die sich um sie kümmern. Trotzdem können sie, bei aller Gemeinsamkeit, eine Erfahrung nicht wegwischen. Ob nun Toby, dem Intellektuellen, seine Gewohnheit, allabendlich das Fernsehgerät einzuschalten, peinlich ist, und er fürchtet, von seinen Freunden dafür belächelt zu werden, ob eine Witwe sich darüber ärgert, daß sie sich bei ihrer betriebsamen Nachbarin eingeladen hat, ob eine Mutter es sich in den Kopf setzt, für ihren Sohn einen Schulaufsatz über das Thema "Schuld und Buße" zu schreiben - das Erlebnis, in der vertrautesten Umgebung allein zu sein, bleibt keinem erspart.
Gabriele Wohmann spürt dieser Einsamkeit, diesem Gefühl, das alle Wünsche und Sehnsüchte, auch die kurzen Augenblicke des Glücks überschatten, in scheinbar beiläufigen Ereignissen nach. Präzise schildert sie Alltagssituationen und notiert, daß viel geredet, aber nur wenig gesprochen wird. Immer wieder beschreibt sie gerade die Momente, in denen harmlose Gespräche zwischen Ehepartnern, Eltern und Kindern, Geschwister und Freunden umkippen und trotzdem lächelnd, so als wäre nichts gewesen, zu Ende geführt werden. Mitgefühl teilt sich dabei unüberhörbar mit.
 

Buchinfos 

Luchterhand, 1. Auflage 1982
‎ISBN-10 ‏ : ‎ 3472865504
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3472865506  

Freitag, 24. April 2026

Emma Smith

Die öffentliche literarische Wahrnehmung der britischen Schriftstellerin Emma Smith, die am 21. August 1923 in Newquay, Cornwall, als Elspeth Hallsmith geboren wurde, war ein Auf und Ab. Doch erst etwas über ihr Leben:

Ihre Eltern führten eine unglückliche Ehe; die Mutter und Elspeth Hallsmith und ihre Geschwister hatten unter der Gewalttätigkeit und Missachtung des tyrannischen Vaters zu leiden. Elspeth teilte das künstlerische Interesse des Vaters, von daher kam sie noch einigermaßen gut davon. Es schien kein Alkohol gewesen zu sein, das erklärt ja immer so einiges. Nein, der Vater litt darunter, dass er nach dem Ersten Weltkrieg und Kriegsgefangenschaft nicht als Künstler tätig sein konnte. Entsprechende Bewerbungen für Ausstellungen wurden abgelehnt. Und so musste er sein Leben als Bankangestellter fristen. Zugang zu Bildung erhielten Elspeth und ihre Schwester erst, als Elspeth zwölf Jahre jung war. "Wunderbar" wurde es dann, als der Vater nach einem Nervenzusammenbruch die Familie verließ.

Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie erst als Sekretärin im britischen War Office, dann ab 1943 bis zum Ende des Krieges als Kanalschifferin. Sie führte da zwar einerseits ein eingeschränktes Leben, doch andererseits gab ihr die Tätigkeit eine Freiheit der Lebensführung, wie sie eine damalige Frau sonst kaum hatte.

Nach dem Krieg arbeitete sie beim Film, traf den Dichter, Romancier und Drehbuchautor Laurie Lee, auf dessen Idee sie den Künstlernamen Emma Smith annahm und wurde Regieassistentin seines Filmteams, das sie 1946 für neun Monate nach Indien begleitete. Dann ging sie nach Paris und versuchte sich als Schriftstellerin.

Es war immer ihr Traum, einmal Schriftstellerin zu werden. Sie pflegte ihn, indem sie fleißig Tagebuch schrieb. Als Kanalschifferin und auf der Reise nach Indien hatte sie sicherlich viel Erzählenswertes erlebt. Als sie in Paris lebte, veröffentlichte sie dann Kurzgeschichten, doch sie konnte davon nicht leben. Erst ihr Debüt-Roman Maidens' Trip, in dem sie die Erlebnisse als Kanalschifferin verarbeitet, brachte den ersehnten Erfolg. Es wurde ausgezeichnet, zum Bestseller, und finanziell so erfolgreich, dass sie ihren Traum weiterleben konnte. Auch ihr zweiter Roman, The Far Cry (beschäftigt sich mit ihrer Indienfahrt) wurde ein Erfolg und als Der Ruf der Ferne sogar ins Deutsche übersetzt.

Dann wurde es ruhig um Emma Smith. 1951 heiratete sie, war nur Ehefrau und Mutter, die ihre Kinder nach dem frühen Tod des Mannes 1957 alleine großzog (wie es halt vielen Schriftstellerinnen ergeht). Sie ging mit den Kindern nach Radnorshire in Wales, zog 1980 in den Londoner Stadtteil Putney, wo sie bis zu ihrem Tode am 24. April 2018 lebte.

Sieben Jahre stand ihre Schreibmaschine unbenutzt rum. Sie begann nach dem Tod ihres Mannes wieder zu schreiben, erfolgreiche Kinderbücher, 1978 noch mal einen Roman - jedoch wurde sie von der literarischen Öffentlichkeit nicht mehr wahrgenommen.

Doch dann fand die britische Schriftstellerin Susan Hill auf einem Flohmarkt The Far Cry und schrieb eine begeisterte Rezension, was dazu führte, dass es 50 Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe noch einmal veröffentlicht wurde. Und es führte dazu, dass sich Emma Smith noch einmal an die Schreibmaschine setzte und ihre Memoirenwerke The Great Western Beach (2008, über die Kindheit in Newquay) und As Green as Grass (2013, über die Jugend bis zur Hochzeit), schrieb. Diese wurden in England als Entdeckung gefeiert, und Emma Smith gelangte noch einmal zu literarischem Ruhm. Vielleicht schaffen es ihre Kinderbücher ja auch, noch einmal entdeckt zu werden.

Vita Sackville-West: Schloss Chevron

Buchinfo
"Schloss Chevron" ist Vita Sackville-Wests berühmtester Roman und wurde 1930 sofort zum Bestseller: Erzählt wird die Geschichte von Sebastian und Viola, zwei jungen reichen Erben, die umgeben sind von Menschen, die das gute und feine Leben schätzen – bis es zum unaufhaltsamen Fall kommt. Ein brillantes Porträt der britischen High Society Anfang des 20. Jahrhunderts.

Buchbeginn
Unter den vielen Problemen, die den Schriftsteller bedrängen, ist die Wahl des Augenblicks, in welchem er seinen Roman beginnen lassen soll, nicht das leichtestwiegende. Es ist notwendig, ja es ist unumgänglich, dass er das Leben seiner "Personae dramatis" zu irgendeiner bestimmten Stunde anschneidet; bleibt nur die Wahl, zu entscheiden, welche Stunde das sein und in welcher Situation man sie antreffen soll.

Zitat
Wahrheit war ein Bazillus, der nur verstohlen auf eine ungeimpfte Welt losgelassen werden durfte. Dann nur konnte er sich nutzbringend vermehren und tödlich wirken.

Buchdaten
Aus dem Englischen von Käthe Rosenberg und Hans B. Wagenseil
Fischer Klassik, 2. Auflage 2019
Die Originalausgabe erschien 1930 unter dem Titel "The Edwardians"

ISBN-10: 3596906717
ISBN-13: 978-3596906710

 

Mittwoch, 22. April 2026

Paula Fox: Was am Ende bleibt

Die US-amerikanische Schriftstellerin Paula Fox (22. April 1923 - 1. März 2017) war lange Zeit vergessen, bis man sie nun als eine Klassikerin der Moderne sieht. 
Wenn man Wikipedia glauben mag, hatte sie ein interessantes, nicht immer leichtes Leben. 

Buchinfo
Paula Fox’ bis heute berühmtester Roman "Was am Ende bleibt", der seinerzeit mit Shirley MacLaine verfilmt wurde, gehört inzwischen zum Kanon der amerikanischen Literatur. Er erzählt von Sophie und Otto Brentwood, einem kinderlosen, recht wohlhabenden Ehepaar, das ein Backsteinhaus in Brooklyn bewohnt. Sophie, die gelegentlich französische Bücher übersetzt und Drehbücher schreibt, lebt vor allem vom Geld ihres als Anwalt sehr gut verdienenden Mannes, fühlt sich in ihrer Ehe aber immer unwohler und leerer.
Ein kleiner Vorfall, der Biss einer streunenden Katze, wächst sich zur lebensbedrohenden Krise aus, Pannen, Missverständnisse und Streitigkeiten enthüllen die Fragilität ihres Ehe- und Gesellschaftslebens. Faszinierend ist, wie Paula Fox privates Unglück und gesellschaftliche Verfallserscheinungen subtil aufeinander bezieht und dabei ganz im Bereich des Menschlich- Abgründigen bleibt.

Buchbeginn
Mr. und Mrs. Otto Bentwood zogen ihre Stühle gleichzeitig hervor. Während Otto sich hinsetzte, betrachtete er das Strohkörbchen, in dem die Baguettescheiben lagen, eine Tonkasserolle, gefüllt mit sautierten Hühnerlebern, geschälte, aufgeschnittene Tomaten auf einem ovalen Porzellanteller mit chinesischem Weidenbaummotiv, den Sophie in einem Antiquitätenladen in Brooklyn Heights aufgestöbert hatte, und den Rsotto Milanese in einer grünen Keramikschüssel. Ein starkes Licht fiel, vom bunten Glas eines Tiffany-Lampenschirms ein wenig gedämpft, auf dieses Mahl. 


C.H.Beck
1. Auflage, 12. März 2013
251 Seiten
ASIN: ‎3406647111
ISBN-13: ‎978-3406647116
Originaltitel: ‎Desperate Characters  

Madame de Staël: Corinna oder Italien

  

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
1. Auflage, 1. März 1985
616 Seiten 
Das Original erschien 1807

Buchinfo
Corinna oder Italien (1807) ist ein Schlüsselwerk der europäischen Romantik, das in Form einer Reiseromanze die Begegnung zweier gegensätzlicher Charaktere nutzt, um über Kunst, Nation und Geschlechterrollen zu reflektieren. Der junge schottische Adlige Lord Oswald Nelvil reist, von Schuldgefühlen und nordischer Schwermut gezeichnet, nach Italien, um Heilung zu suchen. In Rom begegnet er Corinna, einer gefeierten Dichterin, Improvisatorin und Symbolfigur weiblicher Genialität. Ihre erste Begegnung auf dem Kapitol – Corinna wird gerade zur "Königin des Festes" gekrönt – setzt einen Dialog in Gang, der die Handlung trägt: Oswald begleitet sie durch Rom, Neapel, Florenz und Venedig, während Corinna ihm die Schätze antiker Kunst, die Musik Rossinis und die leidenschaftliche italienische Lebensart erschließt.
Die Beziehung bleibt von Konflikten durchzogen. Oswalds Pflichtgefühl gegenüber seinem streng protestantischen Vaterland und Corinnas Wunsch nach künstlerischer Autonomie kollidieren. Als Oswald nach England zurückkehrt und auf Druck seiner Familie die konventionelle Lucile heiratet, zerbricht Corinna an der Entwurzelung – ... (Spoiler entfernt).

Staël entfaltet hier ein Panorama des "Nord‑Süd‑Kontrasts": rationales Pflichtethos versus sinnliche Kreativität. Zugleich verteidigt sie das Recht der Frau auf geistige Größe und Selbstbestimmung. Der Roman prägte die romantische Italien‑Begeisterung, beeinflusste Autoren wie Stendhal und George Sand und bereitete die Idee des Bildungsreisens für Frauen vor. Seine Mischung aus Reisebericht, kulturhistorischem Essay und Liebestragödie macht ihn zu einem frühen interdisziplinären Kunstwerk.

Buchbeginn
Oswald, Lord Nelvil, Peer von Schottland, verließ im Winter der Jahre 1794 bis 1795 Edinburg, um nach Italien zu reisen. Er war von schöner und edler Gestalt, von vielem Geist, besaß einen großen Namen und ein unabhängiges Vermögen; aber tiefes Seelenleiden hatte seine Gesundheit zerrüttet, und die Aerzte, die für seine Brust fürchteten, verordneten ihm die Luft des Südens. Er folgte ihrem Rath, ob er gleich um die Erhaltung seines Lebens wenig besorgt schien; doch hoffte er in der Neuheit und Mannigfaltigkeit der wechselnden Umgebungen sich mindestens etwas zu zerstreuen. 

Dienstag, 21. April 2026

Pat O'Shea: Die Meute der Mórrigan

Aus dem Englischen von Bettine Braun
Verlag Freies Geistesleben

Buchinfo
Beste irische Erzähltradition - Abenteuer trifft Fantasy und verzaubert beim Lesen! Die Welt der irischen Götter ist in Aufruhr - Mórrígan, die Göttin des Krieges und des Schlechten überhaupt, will die Herrschaft über alle Lebewesen übernehmen. Der zehnjährige Pidge und seine kleine Schwester Brigit geraten zwischen die Fronten von Gut und Böse. Ein ungleicher Kampf beginnt... Können sie die mächtige Mórrígan und ihre Meute aufhalten? Pat O’Shea hat eine einzigartige Geschichte über zwei mutige Kinder im Kampf zwischen Gut und Böse in der Welt der irischen Mythologie geschaffen. Ein fantasiereiches Buch voller Spannung, Humor und Tiefe in bester irischer Erzähltradition.

Buchbeginn
Prolog
Sie stiegen auf, hoch in die Lüfte und durchflogen die Himmel. Von Westen und von jenseits des Westens her, mit dem Wind und gegen den Wind, an zahllosen Monden und Sonnen vorbei. Die eine lachte und trug für Augenblicke einen Schleier aus Regentropfen im Haar; dann trat sie boshaft nach einer Wolke, sodass deren Regen ein ganzes Boot füllte.
 

Freies Geistesleben
1. Auflage 2023
575 Seiten
ISBN-10: ‎3772529100
ISBN-13: ‎978-3772529108
Ab 12 Jahren
Originaltitel: ‎The Hounds of the Mórrigan