Mittwoch, 29. April 2026

In fernen Gefilden - Werke 1

Die US-amerikanische Schriftstellerin Joanna Russ (22. Februar 1937 - 29. April 2011) war vor allem als Autorin feministisch orientierter Science-Fiction und Fantasy bekannt. Als wichtig gelten ihr Debütroman "Picnic on Paradise" (1968, deutsch als Alyx) und "The Female Man" (1975, deutsch als Planet der Frauen).

Buchinfo

Mit der wagemutigen, widerborstigen Abenteurerin Alyx schuf Joanna Russ ein Gegenbild zu den dominanten Heldenfiguren ihrer Zeit: In den vorliegenden fünf Erzählungen und dem Kurzroman »Picknick auf Paradies« kämpft eine Frau für ein selbstbestimmtes Dasein, ohne sich männlichem Rollenverhalten anzudienen. Alyx verschlägt es in antike Städte und auf ferne Planeten, aber eines bleibt stets gleich: Sie muss sich den Zumutungen entgegenstellen, mit denen voreingenommene Menschen und autoritäre Gesellschaftsformen sie konfrontieren. Band 1 der Werkausgabe enthält weiterhin eine repräsentative Auswahl von Essays und Rezensionen aus der ersten Schaffensphase von Joanna Russ. – Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Jeanne Cortiel, Professorin für Amerikanistik an der Universität Bayreuth und Autorin der Monografie "Demand My Writing: Joanna Russ, Feminism, Science Fiction".

Buchbeginn
Blaustrumpf
Dies ist die Geschichte einer Reise, die nur insofern von Interesse ist, als sie von den Taten einer kleinen, grauäugigen Frau handelt. Kleine Frauen gibt es zur Genüge - und solche mit grauen Augen auch -, aber diese Frau zählte zu den weisesten eines Geschlechtes, das überdurchschnittlich weise ist. Das ist nicht weiter überraschend (oder sollte es jedenfalls nicht sein), denn es gehört zum Allgemeinwissen, dass die Frau eine ganze Viertelstunde vor dem Mann erschaffen wurde und sich diesen Vorteil bis heute bewahrt hat.


Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Hannes Riffel, Erik Simon & Thomas Ziegler

Carcosa Verlag, 1. Auflage 2024

380 Seiten

ISBN-10: ‎3910914187

ISBN-13: ‎978-3910914186

Teil der Serie: ‎ Carcosa

 

Montag, 27. April 2026

A. S. Byatt: Das Geheimnis des Biographen

Buchinfo
Mit dem "Geheimnis des Biographen" entfaltet Antonia S. Byatt ironisch und ernsthaft zugleich ein ebenso amüsantes wie beziehungsreiches und anregendes Spiel mit Vergangenheit und Gegenwart, mit Tatsachen und Vermutungen, mit Fiktion und Realität.

"Einer der Vorzüge von Byatts gut durchdachter, vielschichtiger Fiktion ist, daß sie uns daran erinnert, wie grob, wie vorläufig sich die Dinge darstellen." - John Updike
 

Insel-Verlag
Übersetzt von Melanie Walz
1. Auflage 2001
281 Seiten 

Louisa May Alcott

Am 6. März 1888 wurde Louisa May Alcott geboren.
Die US-amerikanische Schriftstellerin wurde für ihre Jugendbuch-Tetralogie Little Women, die auf Kindheitserlebnissen mit ihren Schwestern beruht, weltweit berühmt.
„Die Kraft, Schönheit in den einfachsten Dingen zu finden, macht das Zuhause glücklich und das Leben liebenswert.“
Louisas Mutter Abigail May Alcott kämpfte für die Abschaffung der Sklaverei, ihr Vater Amos Bronson Alcott war bekennender Transzendentalist. Die Familie, Louisa hatte zwei Schwestern, zog nach Boston, wo der Vater mithalf, die experimentelle Temple School zu gründen und mit Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau dem Transcendental Club beitrat.
Louisa wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf; der Vater konnte nicht mit Geld umgehen und das Schulmodell wurde ein Misserfolg. Mit dem Erbe der Mutter und durch Unterstützung des Freundes der Familie, Waldo Emerson, konnte sich die Familie ein Haus in Concord kaufen.
Die Schwestern wurden zu Hause unterrichtet, durften in Emersons Bibliothek stöbern, erkundeten mit Thoreau die Natur und Umgebung.
Louisas Leidenschaft fürs Schreiben begann schon früh, sie schrieb melodramatische Theaterstücke, die sie mit den Schwestern für Freunde aufführte. Ihr selbst lagen die Banditen, Räuber und Bösewichte.
Sie wollte aus den ärmlichen Familienverhältnissen hinaus und schwor sich, später reich zu werden. Sie nahm jede Stelle an, die sie kriegen konnte und arbeitete unter anderem als Näherin, Lehrerin und Haushälterin. In A Story of Experience (1873) konnte sie diese Erfahrungen verarbeiten.
Auch die Schriftstellerei fand ihren Ursprung auf dem Willen, die Familie zu unterstützen. Sie fing mit Kurzgeschichten und Gedichten in Magazinen an, bis sie dann 1854 ihr erstes Buch Flower Fabels veröffentlichte. In diesem Buch finden sich Märchen für Emersons Tochter Ellen.
1856 - Louises Schwester Elizabeth (Vorbild für die Figur der Beth in Little Women) starb an Scharlach, ihre Schwester Anna heiratete. Louisa schrieb wenig später für The Atlantic Monthly, nahm 1862 als Lazaretthelferin am amerikanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Nordstaaten teil, wo sie sich mit Typhus ansteckte. An den Folgen der Behandlung mit Quecksilber hatte sie bis zum Lebensende zu leiden. 1863 veröffentlichte sie ihr Werk Hospital Sketches, die Grundlage dafür waren ihre Briefe aus dieser Zeit, mit dem sie erstmals einem breiteren Publikum bekannt wurde.
Unter dem Pseudonym A. M Barnard folgten Schauer- und Gruselromane - auch diese Seite findet sich in Jo aus Little Women wieder.
Später folgte sie dem Weg ihrer Mutter und sympathisierte mit der Sufragettenbewegung. Sie kämpfte für Frauenrechte und das Frauenwahlrecht und engagierte sich für die Abschaffung der Sklaverei. Von dieser Bewegung ist auch ihr Erfolgsroman Vier Schwestern (1868/69) beeinflusst.
Mit ihren Kinderbüchern, in denen sie sich um moralisch-pädagogische Integrität und literarisches Niveau bemühte, wurde sie berühmt. Da wären zum Beispiel: Ein Mädchen aus der guten alten Schule (1870) oder Kleines Volk (1871). Ihre Bücher schafften es auch nach Europa.
Ihr Gesundheitszustand verschlimmerte sich durch die Quecksilbervergiftung stetig, doch sie hörte nie auf zu schreiben. Kurz nach dem Tod ihres Vaters starb sie selbst am 6. März 1888 an einem Schlaganfall. Sie wurde nur 55 Jahre alt.
Auch der Film hat sich den Werken von Louisa May Alcott angenommen.

Eine frühe, britische Verfilmung aus dem Jahre 1917 gilt als verschollen. Die erste US-Kinoverfilmung, mit Katharine Hepburn und Joan Bennett, entstand 1933 unter der Regie von George Cukor (dt. als Vier Schwestern). Es folgte 1949 eine Version mit Elizabeth Taylor und Janet Leigh unter der Regie von Mervyn LeRoy (dt. als Kleine tapfere Jo). Eine zweiteilige US-Fernsehversion wurde 1978 produziert. Im Jahr 1994 verfilmte Gillian Armstrong das Buch mit Winona Ryder (dt. als Betty und ihre Schwestern). 2019 erschien eine weitere Filmadaptation durch Greta Gerwig mit Saoirse Ronan, Emma Watson, Florence Pugh und Eliza Scanlen.
In Japan entstanden mehrere Zeichentrickserien auf der Basis von Little Women; zum ersten Mal 1977 noch als eine Folge in der Serie Manga Sekai Mukashibanashi unter dem japanischen Titel der Romanreihe Wakakusa Monogatari (若草物語, dt. „Geschichten von jungem Gras“) und 1980 die erste vollständige Serie unter dem gleichen Titel. 1981 folgte mit Wakakusa no Yon Shimai (若草の四姉妹, dt. „die vier Schwestern des jungen Grases“) eine weitere. Die auch international bekannteste entstand als Teil der Literaturverfilmungen des World Masterpiece Theaters (WMT) 1987 mit Ai no Wakakusa Monogatari, das in Deutschland unter dem Titel Eine fröhliche Familie ausgestrahlt wurde. Auch die Romanfortsetzung Little Men wurde 1993 als WMT-Serie Wakakusa Monogatari: Nan to Jo-sensei, in Deutschland: Missis Jo und ihre fröhliche Familie, umgesetzt.
„Ich mag gute, starke Worte, die etwas bedeuten …“

Lina Bögli: Immer vorwärts

Lina Bögli (15. April 1858 - 22. Dezember 1941) gilt als erste Schweizer Weltreisende und Reiseschriftstellerin. In "Vorwärts" verarbeitete sie ihre zehnjährige Weltumrundung (Australien, Neuseeland, Samoa, Honolulu, die USA). Eine weitere Reise führte sie nach China und Japan, auch sie wurde veröffentlicht.
Was bis heute nicht veröffentlicht ist, sind ihre Tagebücher (26 Bände).


Immer vorwärts (1915)
Lenos Verlag, Erscheint im Februar 2026
3857878541

Buchinfo
Sie wurde die erste Reiseschriftstellerin der Schweiz: Lina Bögli, geboren 1858. Unternehmungslustig, vom Unbekannten fasziniert, brach sie in die Welt auf. Nach ihrer zehnjährigen Reise nach Australien, Ozeanien und Nordamerika, die sie in ihrem berühmten Bericht "Talofa" beschrieben hatte, führte ihre zweite große Tour sie 1910–1913 nach Japan, Korea und China. Lina Bögli fuhr mit wenig Erspartem los und schlug sich in Tokio als Sprachlehrerin durch. Sie ließ sich Sitten und Bräuche erklären, besuchte eine Parlamentssitzung, sah den japanischen Kaiser und folgte Einladungen zu Hoffesten und Militärparaden. China wiederum bereiste sie in einer turbulenten Zeit: Wenige Monate zuvor hatte der letzte Kaiser abgedankt, und die noch junge Republik war politisch instabil. Lina Böglis Beschreibungen aus jenen vergangenen Tagen sind eine kuriose Mischung aus Neugier, Mut und Witz, ein charmantes und wichtiges Dokument früher weiblicher Weltläufigkeit.
 

Sonntag, 26. April 2026

Dea Trier Morch

 geb. 9. Dezember 1941 in Kopenhagen
gest. 26. Mai 2001

Ich habe im Netz zwar einige deutsche Titel der dänischen Künstlerin und Schriftstellerin Dea Trier Morch gefunden, doch sie selbst scheint bei uns nicht so bekannt zu sein.

Sie studierte an der Königlich Dänischen Akademie der Schönen Künste Malerei. Ihr erstes Buch, Sorgmunter socialisme. Sovjetiske raderinger, erschienen 1968, ist mit eigenen Radierungen illustriert und berichtet von ihren Reisen in die Sowjetunion. Sie war Mitglied in der Dänischen Kommunistischen Partei und hat 1969 das sozial orientierte Kulturkollektiv "Rote Mutter" mitbegründet.

Das auch ins Deutsche übersetzte Vinterbørn (Winterkinder) (im DDR-Blog) basiert auf persönlicher Erfahrung, wurde in 22 Sprachen übersetzt und gipfelte 1979 in Astrid Henning-Jensens preisgekrönter Verfilmung. Auch in anderen Werken geht es um Familie und Sozialismus. Veröffentlicht wurden auch noch Reisebücher.

Friederike Mayröcker: Gesammelte Gedichte: 2004-2021

Das komplette lyrische Spätwerk versammelt in einem Band
Von Marcel Beyer herausgegeben und mit einem Nachwort versehen
Suhrkamp Verlag 2024
3518432079

Buchinfo
Friederike Mayröcker war eine der großen Dichterinnen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Immer wieder wurde sie für den Literaturnobelpreis ins Gespräch gebracht. Am 4. Juni 2021 verstarb sie mit 96 Jahren in ihrer Heimatstadt Wien. Der vorliegende Band knüpft an die Gesammelten Gedichte 1939-2003 (2004) an und trägt Friederike Mayröckers lyrisches Spätwerk bis zu ihrem allerletzten, 2021 entstandenen Proëm zusammen.

Als Friederike Mayröcker 2004 den 80. Geburtstag feierte und ihre Gesammelten Gedichte 1939-2003 erschienen waren, entschloss sie sich, noch einmal in eine ganz neue Richtung aufzubrechen. Nach und nach entwickelte sich so eine eigene Form, der sie den Namen "Proëm" gab – lyrische Erleuchtung und hellwache Weltbeobachtung, changierend zwischen Kurzprosa und Gedicht. Zu ihrem erklärten Ziel wurde es, schreibend den Tod, ihren erbitterten Feind, auf Distanz zu halten. Friederike Mayröcker tat es mit ungeahnter Produktivität und überbordendem Farbenreichtum, indem sie ihre Liebe zum Leben heraufbeschwor: In Erinnerungen an ihre wechselvolle Kindheit im Wien der zwanziger und dreißiger Jahre, an ihre Jahrzehnte an der Seite von Ernst Jandl, an zahllose Begegnungen mit Menschen, Kunstwerken und Musik. Dem Wechsel der Jahreszeiten folgte sie aufmerksamer denn je, und mit ihrer Sprachmacht verstand sie es, eine Blume auf dem Fensterbrett gegenüber zum Zentrum des Universums werden zu lassen.

 

Gila Lustiger: Die Schuld der anderen

Gila Lustiger (27. April 1963 geb.) studierte in Jerusalem Germanistik und Komparatistik. In diesem Zeitraum war sie auch Lektorin für Deutsche Literatur und Kinderliteratur in Tel-Aviv. 
1987 zog sie nach Paris, wo sie bis 1989 als Journalistin für das deutschsprachige Programm von Radio France Internationale und das ZDF arbeitete. Dann war sie als Lektorin für verschiedene französische Verlage tätig und veröffentlicht seit 1995 Romane.



Buchinfo
Schwüler Hochsommer beherrscht ganz Frankreich und lässt das Pariser Leben unter einer Hitzeglocke fast erstarren, als dem Redakteur Marc Rappaport ein besonderer Fahndungserfolg auffällt: Ein 27 Jahre zurückliegender Prostituiertenmord soll mit Hilfe modernster Technik endlich gelöst sein. Schnell steht für den investigativen Journalisten fest, dass es so einfach nicht sein kann. Er rollt den Fall neu auf. Seine Recherchen führen ihn bis tief in die französische Provinz und zu einem global agierenden Konzern, dessen Arbeiter seit dreißig Jahren an einer grausamen Krankheit sterben. Ein Abgrund an Korruption und Vertuschung tut sich auf, der schließlich auch Marc hinabzuziehen droht, denn alte Seilschaften sind in Funktion und wirken nicht nur in höchste politische Kreise, sondern auch bis in seine nächste Nähe. – Gila Lustiger gelingt mit "Die Schuld der anderen" ein atmosphärisch dichter und klug gebauter Roman über französische Verhältnisse als Spiegel unserer Gegenwart.

Buchbeginn
Es hatte ununterbrochen geregnet, doch schon in den frühen Morgenstunden war sämtliche Feuchtigkeit wieder verdunstet. Paris, für Sonne geradezu erschaffen, strahlte unter einem makellos blauen Himmel. Das Licht tanzte auf dem Fluss, während ein Boot voller träger, selbstvergessener Touristen vorbeizog und unter einer Brücke hindurchglitt. Die Ufermauern waren wie weiß gewaschen. Überhaupt schien dieses Vormittagslicht alle Farben zu schlucken. Nur noch hell, dunkel, Weiß, Ocker, Blau. Und dort, bei den akkurat gepflanzten Bäumen neben der Mauer des Seineufers, ein paar Flecken Grün.

Berlin Verlag, 2015
496 Seiten
ISBN-10: ‎3827012279
ISBN-13: ‎978-3827012272 
 

Samstag, 25. April 2026

Gabriele Wohmann: Eine souveräne Frau: Die schönsten Erzählungen

Buchinfo
Würden alle Figuren plötzlich lebendig werden, die in Gabriele Wohmanns unzähligen Erzählungen vorkommen, könnte man wohl eine Kleinstadt mit ihnen bevölkern. Man hätte das alltägliche Welttheater vor sich, allerdings eines, bei dem hinter den banalen Verrichtungen und Problemen die Bruchlinien der Existenz ausgeleuchtet werden. Es wäre mit Nachsicht gegenüber Unzulänglichkeiten und einem Humor ausgestattet, der selbst dem Scheitern noch eine überraschende Leichtigkeit und Komik verleiht. Damit sich der Leser nicht verliert in diesem verlockenden Figuren- und Geschichtengewimmel aus fünf Jahrzehnten, wurden nun die schönsten Erzählungen ausgewählt und mit dem Bonus einiger neuer Geschichten versehen.

Buchbeginn
Das Ganze liegt jetzt schon ein Jahr zurück, und es ist eigentlich traurig, dass ich mit Weihnachten nichts Besseres anzufangen weiß, als eine Geschichte zu Papier zu bringen, die ausgesprochen unweihnachtlich ist. Das Weihnachtsfest einer alten Jungfer, die es verschmäht, eine fortschreitende Ergrauung ihrer Haare in Zusammenarbeit mit einem tüchtigen Friseur zu bekämpfen, kann aber vielleicht nicht sinnvoller begangen werden als mit der intensiven Versenkung in eine Vergangenheit, die ihr die Erbärmlichkeit ihres Jungfernstandes recht grausam vor Augen führte.

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Georg Magirius
Aufbau, 1. Auflage 2012
286 Seiten
ISBN-10: ‎3351033931
ISBN-13: ‎978-3351033934

Gabriele Wohmann

 Gabriele Wohmann (21. Mai 1932 - 22. Juni 2015) bezeichnete sich selbst als "Graphomanin". Wenn mensch sich ihr Werk so anschaut, kann mensch nur zustimmen. Sie schrieb Erzählungen, Romane, Gedichte, Hörspiele, Fernsehspiele und Essays.
Zu Beginn ihrer schriftstellerischen Tätigkeit schrieb sie eher in satirischer Form über die Problematik der herkömmlichen Paarbeziehung und traditioneller Familienstrukturen. 
In den 1960er Jahren nahm sie an Tagungen der Gruppe 47 teil. Ab den 1970er Jahren wurde sie dann versöhnlicher, blieb aber trotzdem die scharfe Beobachterin.

Gabriele Wohmann: Einsamkeit - Erzählungen

Buchinfo
Die siebzehn neuen Erzählungen Gabriele Wohmanns lesen sich, so unterschiedlich sie auch aufgebaut sind, wie Variationen eines Themas. Einfühlsam und Distanziert ironisch registrieren sie einen Mangel:
Die Hauptpersonen sind einsam.
Aber: Ausschließlich auf sich selbst gestellt ist niemand von Gabriele Wohmanns neuen "Helden". Sie leben in Familien, haben Freunde, Bekannte, die sich um sie kümmern. Trotzdem können sie, bei aller Gemeinsamkeit, eine Erfahrung nicht wegwischen. Ob nun Toby, dem Intellektuellen, seine Gewohnheit, allabendlich das Fernsehgerät einzuschalten, peinlich ist, und er fürchtet, von seinen Freunden dafür belächelt zu werden, ob eine Witwe sich darüber ärgert, daß sie sich bei ihrer betriebsamen Nachbarin eingeladen hat, ob eine Mutter es sich in den Kopf setzt, für ihren Sohn einen Schulaufsatz über das Thema "Schuld und Buße" zu schreiben - das Erlebnis, in der vertrautesten Umgebung allein zu sein, bleibt keinem erspart.
Gabriele Wohmann spürt dieser Einsamkeit, diesem Gefühl, das alle Wünsche und Sehnsüchte, auch die kurzen Augenblicke des Glücks überschatten, in scheinbar beiläufigen Ereignissen nach. Präzise schildert sie Alltagssituationen und notiert, daß viel geredet, aber nur wenig gesprochen wird. Immer wieder beschreibt sie gerade die Momente, in denen harmlose Gespräche zwischen Ehepartnern, Eltern und Kindern, Geschwister und Freunden umkippen und trotzdem lächelnd, so als wäre nichts gewesen, zu Ende geführt werden. Mitgefühl teilt sich dabei unüberhörbar mit.
 

Buchinfos 

Luchterhand, 1. Auflage 1982
‎ISBN-10 ‏ : ‎ 3472865504
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3472865506  

Freitag, 24. April 2026

Emma Smith

Die öffentliche literarische Wahrnehmung der britischen Schriftstellerin Emma Smith, die am 21. August 1923 in Newquay, Cornwall, als Elspeth Hallsmith geboren wurde, war ein Auf und Ab. Doch erst etwas über ihr Leben:

Ihre Eltern führten eine unglückliche Ehe; die Mutter und Elspeth Hallsmith und ihre Geschwister hatten unter der Gewalttätigkeit und Missachtung des tyrannischen Vaters zu leiden. Elspeth teilte das künstlerische Interesse des Vaters, von daher kam sie noch einigermaßen gut davon. Es schien kein Alkohol gewesen zu sein, das erklärt ja immer so einiges. Nein, der Vater litt darunter, dass er nach dem Ersten Weltkrieg und Kriegsgefangenschaft nicht als Künstler tätig sein konnte. Entsprechende Bewerbungen für Ausstellungen wurden abgelehnt. Und so musste er sein Leben als Bankangestellter fristen. Zugang zu Bildung erhielten Elspeth und ihre Schwester erst, als Elspeth zwölf Jahre jung war. "Wunderbar" wurde es dann, als der Vater nach einem Nervenzusammenbruch die Familie verließ.

Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie erst als Sekretärin im britischen War Office, dann ab 1943 bis zum Ende des Krieges als Kanalschifferin. Sie führte da zwar einerseits ein eingeschränktes Leben, doch andererseits gab ihr die Tätigkeit eine Freiheit der Lebensführung, wie sie eine damalige Frau sonst kaum hatte.

Nach dem Krieg arbeitete sie beim Film, traf den Dichter, Romancier und Drehbuchautor Laurie Lee, auf dessen Idee sie den Künstlernamen Emma Smith annahm und wurde Regieassistentin seines Filmteams, das sie 1946 für neun Monate nach Indien begleitete. Dann ging sie nach Paris und versuchte sich als Schriftstellerin.

Es war immer ihr Traum, einmal Schriftstellerin zu werden. Sie pflegte ihn, indem sie fleißig Tagebuch schrieb. Als Kanalschifferin und auf der Reise nach Indien hatte sie sicherlich viel Erzählenswertes erlebt. Als sie in Paris lebte, veröffentlichte sie dann Kurzgeschichten, doch sie konnte davon nicht leben. Erst ihr Debüt-Roman Maidens' Trip, in dem sie die Erlebnisse als Kanalschifferin verarbeitet, brachte den ersehnten Erfolg. Es wurde ausgezeichnet, zum Bestseller, und finanziell so erfolgreich, dass sie ihren Traum weiterleben konnte. Auch ihr zweiter Roman, The Far Cry (beschäftigt sich mit ihrer Indienfahrt) wurde ein Erfolg und als Der Ruf der Ferne sogar ins Deutsche übersetzt.

Dann wurde es ruhig um Emma Smith. 1951 heiratete sie, war nur Ehefrau und Mutter, die ihre Kinder nach dem frühen Tod des Mannes 1957 alleine großzog (wie es halt vielen Schriftstellerinnen ergeht). Sie ging mit den Kindern nach Radnorshire in Wales, zog 1980 in den Londoner Stadtteil Putney, wo sie bis zu ihrem Tode am 24. April 2018 lebte.

Sieben Jahre stand ihre Schreibmaschine unbenutzt rum. Sie begann nach dem Tod ihres Mannes wieder zu schreiben, erfolgreiche Kinderbücher, 1978 noch mal einen Roman - jedoch wurde sie von der literarischen Öffentlichkeit nicht mehr wahrgenommen.

Doch dann fand die britische Schriftstellerin Susan Hill auf einem Flohmarkt The Far Cry und schrieb eine begeisterte Rezension, was dazu führte, dass es 50 Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe noch einmal veröffentlicht wurde. Und es führte dazu, dass sich Emma Smith noch einmal an die Schreibmaschine setzte und ihre Memoirenwerke The Great Western Beach (2008, über die Kindheit in Newquay) und As Green as Grass (2013, über die Jugend bis zur Hochzeit), schrieb. Diese wurden in England als Entdeckung gefeiert, und Emma Smith gelangte noch einmal zu literarischem Ruhm. Vielleicht schaffen es ihre Kinderbücher ja auch, noch einmal entdeckt zu werden.

Vita Sackville-West: Schloss Chevron

Buchinfo
"Schloss Chevron" ist Vita Sackville-Wests berühmtester Roman und wurde 1930 sofort zum Bestseller: Erzählt wird die Geschichte von Sebastian und Viola, zwei jungen reichen Erben, die umgeben sind von Menschen, die das gute und feine Leben schätzen – bis es zum unaufhaltsamen Fall kommt. Ein brillantes Porträt der britischen High Society Anfang des 20. Jahrhunderts.

Buchbeginn
Unter den vielen Problemen, die den Schriftsteller bedrängen, ist die Wahl des Augenblicks, in welchem er seinen Roman beginnen lassen soll, nicht das leichtestwiegende. Es ist notwendig, ja es ist unumgänglich, dass er das Leben seiner "Personae dramatis" zu irgendeiner bestimmten Stunde anschneidet; bleibt nur die Wahl, zu entscheiden, welche Stunde das sein und in welcher Situation man sie antreffen soll.

Zitat
Wahrheit war ein Bazillus, der nur verstohlen auf eine ungeimpfte Welt losgelassen werden durfte. Dann nur konnte er sich nutzbringend vermehren und tödlich wirken.

Buchdaten
Aus dem Englischen von Käthe Rosenberg und Hans B. Wagenseil
Fischer Klassik, 2. Auflage 2019
Die Originalausgabe erschien 1930 unter dem Titel "The Edwardians"

ISBN-10: 3596906717
ISBN-13: 978-3596906710

 

Mittwoch, 22. April 2026

Paula Fox: Was am Ende bleibt

Die US-amerikanische Schriftstellerin Paula Fox (22. April 1923 - 1. März 2017) war lange Zeit vergessen, bis man sie nun als eine Klassikerin der Moderne sieht. 
Wenn man Wikipedia glauben mag, hatte sie ein interessantes, nicht immer leichtes Leben. 

Buchinfo
Paula Fox’ bis heute berühmtester Roman "Was am Ende bleibt", der seinerzeit mit Shirley MacLaine verfilmt wurde, gehört inzwischen zum Kanon der amerikanischen Literatur. Er erzählt von Sophie und Otto Brentwood, einem kinderlosen, recht wohlhabenden Ehepaar, das ein Backsteinhaus in Brooklyn bewohnt. Sophie, die gelegentlich französische Bücher übersetzt und Drehbücher schreibt, lebt vor allem vom Geld ihres als Anwalt sehr gut verdienenden Mannes, fühlt sich in ihrer Ehe aber immer unwohler und leerer.
Ein kleiner Vorfall, der Biss einer streunenden Katze, wächst sich zur lebensbedrohenden Krise aus, Pannen, Missverständnisse und Streitigkeiten enthüllen die Fragilität ihres Ehe- und Gesellschaftslebens. Faszinierend ist, wie Paula Fox privates Unglück und gesellschaftliche Verfallserscheinungen subtil aufeinander bezieht und dabei ganz im Bereich des Menschlich- Abgründigen bleibt.

Buchbeginn
Mr. und Mrs. Otto Bentwood zogen ihre Stühle gleichzeitig hervor. Während Otto sich hinsetzte, betrachtete er das Strohkörbchen, in dem die Baguettescheiben lagen, eine Tonkasserolle, gefüllt mit sautierten Hühnerlebern, geschälte, aufgeschnittene Tomaten auf einem ovalen Porzellanteller mit chinesischem Weidenbaummotiv, den Sophie in einem Antiquitätenladen in Brooklyn Heights aufgestöbert hatte, und den Rsotto Milanese in einer grünen Keramikschüssel. Ein starkes Licht fiel, vom bunten Glas eines Tiffany-Lampenschirms ein wenig gedämpft, auf dieses Mahl. 


C.H.Beck
1. Auflage, 12. März 2013
251 Seiten
ASIN: ‎3406647111
ISBN-13: ‎978-3406647116
Originaltitel: ‎Desperate Characters  

Madame de Staël: Corinna oder Italien

  

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
1. Auflage, 1. März 1985
616 Seiten 
Das Original erschien 1807

Buchinfo
Corinna oder Italien (1807) ist ein Schlüsselwerk der europäischen Romantik, das in Form einer Reiseromanze die Begegnung zweier gegensätzlicher Charaktere nutzt, um über Kunst, Nation und Geschlechterrollen zu reflektieren. Der junge schottische Adlige Lord Oswald Nelvil reist, von Schuldgefühlen und nordischer Schwermut gezeichnet, nach Italien, um Heilung zu suchen. In Rom begegnet er Corinna, einer gefeierten Dichterin, Improvisatorin und Symbolfigur weiblicher Genialität. Ihre erste Begegnung auf dem Kapitol – Corinna wird gerade zur "Königin des Festes" gekrönt – setzt einen Dialog in Gang, der die Handlung trägt: Oswald begleitet sie durch Rom, Neapel, Florenz und Venedig, während Corinna ihm die Schätze antiker Kunst, die Musik Rossinis und die leidenschaftliche italienische Lebensart erschließt.
Die Beziehung bleibt von Konflikten durchzogen. Oswalds Pflichtgefühl gegenüber seinem streng protestantischen Vaterland und Corinnas Wunsch nach künstlerischer Autonomie kollidieren. Als Oswald nach England zurückkehrt und auf Druck seiner Familie die konventionelle Lucile heiratet, zerbricht Corinna an der Entwurzelung – ... (Spoiler entfernt).

Staël entfaltet hier ein Panorama des "Nord‑Süd‑Kontrasts": rationales Pflichtethos versus sinnliche Kreativität. Zugleich verteidigt sie das Recht der Frau auf geistige Größe und Selbstbestimmung. Der Roman prägte die romantische Italien‑Begeisterung, beeinflusste Autoren wie Stendhal und George Sand und bereitete die Idee des Bildungsreisens für Frauen vor. Seine Mischung aus Reisebericht, kulturhistorischem Essay und Liebestragödie macht ihn zu einem frühen interdisziplinären Kunstwerk.

Buchbeginn
Oswald, Lord Nelvil, Peer von Schottland, verließ im Winter der Jahre 1794 bis 1795 Edinburg, um nach Italien zu reisen. Er war von schöner und edler Gestalt, von vielem Geist, besaß einen großen Namen und ein unabhängiges Vermögen; aber tiefes Seelenleiden hatte seine Gesundheit zerrüttet, und die Aerzte, die für seine Brust fürchteten, verordneten ihm die Luft des Südens. Er folgte ihrem Rath, ob er gleich um die Erhaltung seines Lebens wenig besorgt schien; doch hoffte er in der Neuheit und Mannigfaltigkeit der wechselnden Umgebungen sich mindestens etwas zu zerstreuen. 

Dienstag, 21. April 2026

Pat O'Shea: Die Meute der Mórrigan

Aus dem Englischen von Bettine Braun
Verlag Freies Geistesleben

Buchinfo
Beste irische Erzähltradition - Abenteuer trifft Fantasy und verzaubert beim Lesen! Die Welt der irischen Götter ist in Aufruhr - Mórrígan, die Göttin des Krieges und des Schlechten überhaupt, will die Herrschaft über alle Lebewesen übernehmen. Der zehnjährige Pidge und seine kleine Schwester Brigit geraten zwischen die Fronten von Gut und Böse. Ein ungleicher Kampf beginnt... Können sie die mächtige Mórrígan und ihre Meute aufhalten? Pat O’Shea hat eine einzigartige Geschichte über zwei mutige Kinder im Kampf zwischen Gut und Böse in der Welt der irischen Mythologie geschaffen. Ein fantasiereiches Buch voller Spannung, Humor und Tiefe in bester irischer Erzähltradition.

Buchbeginn
Prolog
Sie stiegen auf, hoch in die Lüfte und durchflogen die Himmel. Von Westen und von jenseits des Westens her, mit dem Wind und gegen den Wind, an zahllosen Monden und Sonnen vorbei. Die eine lachte und trug für Augenblicke einen Schleier aus Regentropfen im Haar; dann trat sie boshaft nach einer Wolke, sodass deren Regen ein ganzes Boot füllte.
 

Freies Geistesleben
1. Auflage 2023
575 Seiten
ISBN-10: ‎3772529100
ISBN-13: ‎978-3772529108
Ab 12 Jahren
Originaltitel: ‎The Hounds of the Mórrigan  

Vera Lourié: Briefe an Dich. Erinnerungen an das russische Berlin

Die russisch-deutsche Dichterin Vera Lourié (21. April 1901 - 11. September 1998) war im Petrograder "Haus der Künste" Schülerin des Dichters Nikolaj Gumiljow. Dort gehörte sie einem Kreis junger Dichter an, der sich "Die tönende Muschel" nannte. Nach der Ermordung Gumiljows emigrierte sie im Herbst 1921 mit ihrer Familie aus Petrograd nach Berlin, wo sie bis zu ihrem Tode lebte.
Sie gehörte in den 1920er Jahren zur russischen literarischen Szene Berlins. 

Herausgegeben von Doris Liebermann

Schöffling & Co., 2014
280 Seiten

Buchinfo
"Briefe an Dich" sind die Erinnerungen der letzten Zeitzeugin des "russischen Berlins" der zwanziger Jahre. In einer Mischung aus Tagebuch und Briefen schildert Vera Lourié ihre Kindheit und Jugend in St. Petersburg, wo sie behütet aufwuchs und sich als junge Frau der Schauspiel- und Dichtkunst zuwandte. Sie erzählt von der dramatischen Flucht der Familie nach der Oktoberrevolution ebenso anschaulich wie von den russischen Kreisen in Berlin. Hier verkehrte sie in einer Bohème aus Künstlern und Literaten, erlebte Intrigen und Liebesaffären. Die Zeit des Nationalsozialismus überlebte sie trotz Kontakten zum deutschen Widerstand, der Festnahme durch die Gestapo und der Inhaftierung ihrer Mutter im KZ Theresienstadt. Ihre beherzte Geistesgegenwart kam ihr auch zugute, als die sowjetische Armee einmarschierte, die den bürgerlichen russischen Flüchtlingen feindlich gesonnen war. Sie überstand Not und Hunger der Nachkriegszeit und war dann lange vergessen, bis sie als Literatin und Zeitzeugin wiederentdeckt wurde und sich im hohen Alter noch einmal verliebte. Dies beflügelte sie zur Niederschrift ihrer Memoiren, die hier, um autobiographische Texte, Dokumente und Fotos aus dem Nachlass ergänzt, erstmals vollständig veröffentlicht werden.

Buchbeginn
Liebste,
das Wetter ist kühl, regnerisch, keine Sonne. Die schreckliche Stille in der Wohnung. Du würdest es sicher wunderschön finden! Aber die letzten Tage habe ich sogar Angst, bis zum Bäcker allein zu gehen, und dieser Zwang, zu Hause zu bleiben, geht auf die Nerven. Schluss mit dem Jammern, es wird dich nur ärgern.
Heute will ich weit zurückwandern in das Jahr 1917. 
 

Montag, 20. April 2026

Dorothea Zeemann: Reise mit Ernst

Die österreichische Schriftstellerin Dorothea Zeemann (20. April 1909 - 11. Dezember 1993) begann Anfang der 1930er Jahre, ermutigt durch den engen Freund Egon Friedell, ihre literarische Karriere; doch erst zehn Jahre später wurde ihr erstes Werk veröffentlicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie freiberufliche Publizistin und Kritikerin.

1979 hatte sie dann endlich mit ihren zwei autobiographischen Romanen den literarischen Durchbruch. In ihrem Spätwerk befasst sie sich mit dem Thema der weiblichen Sexualität im Alter.


Deuticke Verlag, 1. Auflage 1991
122 Seiten
ISBN-10: ‎3854631073
ISBN-13: ‎978-3854631071

Buchinfo

Ein Mann und eine Frau reisen nach Rom, in die "ewige Stadt". Unterwegs lernt man einander kennen oder findet bestätigt, was man ohnedies schon voneinander weiß. Es ist die Reise einer Frau, die sich im Klimakterium befindet, mit einem homosexuellen Intellektuellen. Ernst - so heißt der Mann - bedient sich ihrer, sie dient ihm - aber wer da wirklich der Stärkere ist, ist durch den Anschein nicht ausgemacht. Ernst hat soviel Ordnung in seinem Kopf geschaffen, daß kein Chaos mehr in der Lage ist, ihn für länger aus seiner Ordnung hervorzulocken. Die Frau an seiner Seite macht dagegen Erfahrungen, aber wie weit sie damit kommen wird, bleibt ihr selber in dieser ach so geordneten, männlichen Welt ungewiß.

Freitag, 17. April 2026

Tania Blixen: Gespensterpferde - Nachgelassene Erzählungen

Aus dem Dänischen von Ursula Gunsilius
Übertragung der Gedichte von Kristian Pech
Hinstorff Verlag, 1982
ISBN-10: ‎3356002082
ISBN-13: ‎978-3356002089 

Buchinfo
Die alte Sattelkammer bewahrt ihr kostbares Geheimnis; ein "schwarzes Schaf" garantiert einer bürgerlichen Familie von Generation zu Generation Ansehen und Wohlstand; der Scharfrichter erweist der Delinquentin vor der Hinrichtung seine Reverenz; ein Kindermörder wird von seinem eigenen Gewissen in den Tod getrieben; der Kuß einer uralten Lappin macht einem armen Studenten die Märchenwelt des Nordlandes lebendig.
Phantastisches und Mystisches begibt sich in den Erzählungen Tania Blixens. Sie versetzt den Leser in vergangene Zeiten und in fremde Länder.
Eine Meisterin dänischer Kurzprosa mit zehn Geschichten, die über fünfzig Jahre ihres schriftstellerischen Wirkens umreißen.

Buchbeginn
Meine Leser, ich will euch nicht dazu verleiten, etwas zu lesen, was ihr später bereuen könntet. Hier ist eine Geschichte, die kein anderes Verdienst hat als eine ganz ausgezeichnete Moral.
Aber es gab vor hundert Jahren in Amsterdam eine Familie, und es gibt sie vielleicht noch, die, obwohl sie bürgerlich war, in Achtbarkeit und Rechtschaffenheit alle anderen übertraf. Da das viele Jahre so gewesen war und es den Anschein hatte, daß sich ihre große Rechtschaffenheit vom Vater auf den Sohn vererbte, war bald im ganzen Land die Zugehörigkeit zur Familie de Cats gleichbedeutend mit dem Ruf, ein ausgezeichneter Mensch zu sein. Sie hatten die höchsten Ämter inne, sowohl geistliche als auch weltliche, und das entsprach dem Wunsch des ganzen Volkes, denn sie waren nicht nur für ihre Rechtschaffenheit bekannt, sie waren auch tüchtige Leute, sie waren klug und stark und sehr reich. 
 

Donnerstag, 16. April 2026

Aphra Behn: Werke

"Ein wildes Fest der Geschlechter

Oroonoko ist ein westafrikanischer Prinz, der als Sklave in die Kolonien verkauft wird und dort einen Aufstand anzettelt. Die schöne Miranda nutzt ihr blendendes Aussehen, um daraus Profit zu schlagen, und schreckt auch vor Mord nicht zurück. Der Freibeuter Willmore stellt auf dem Karneval von Neapel Frauen nach und wird von Hellena gebändigt, die ein Leben in – sexueller – Freiheit dem Kloster vorzieht. Der an ,Mondwahn' leidende Doktor Baliardo schließlich erlebt sein blaues Wunder, als ihm vermeintlich Außerirdische einen Besuch abstatten.

Aphra Behn – eine Feministin avant la lettre – ist die erste bekannte freie Schriftstellerin Englands und "Erfinderin" des realistischen Romans, wie wir ihn kennen. Ob in ihrem Prosawerk oder in ihren Erfolgskomödien, ihr Figurenarsenal könnte unterschiedlicher nicht sein. Doch all ihre Heldinnen und Helden eint, dass sie sich keinen Zwängen und Konventionen fügen wollen. Behns Themenspektrum reicht von Gender Trouble bis zur Zivilisationskritik und stets begehrt sie auf gegen die unterdrückte Stellung der Frauen in ihrer Epoche.

Virginia Woolf und Vita Sackville-West machten zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Aphra Behn aufmerksam. Ist sie die berühmte Schwester Shakespeares, die Woolf in ihrem Essay "Ein Zimmer für sich allein" imaginiert?
Ja und nein. Sie schrieb einige der erfolgreichsten Komödien der englischen Restaurationszeit, beeinflusste Schriftstellerinnen wie Delarivier Manley, Charlotte Lennox, Eliza Haywood und Mary Astell und kritisierte die Kolonialgeschichte Englands, kaum dass es sie gab. Trotzdem geriet sie fast vollständig in Vergessenheit. Ihre Renaissance in England läuft hochtourig. In Deutschland ist sie bislang lediglich ein Geheimtipp – höchste Zeit, dass sich daran etwas ändert.

Neben dem autofiktionalen Roman ,Oroonoko' enthält diese Werkauswahl in Neu- und Erstübersetzungen die Erzählungen ,Die schöne Scheinheilige', ,Liebesbriefe an einen Edelmann' und ,Die Abenteuer der schwarzen Lady', die Komödien ,Der Freibeuter' und ,Der Herrscher des Mondes' sowie eine breite Auswahl aus Aphra Behns lyrischem Schaffen."

Quelle: Mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Pressestimmen gibt es beim AvivA-Verlag, der vergessene Autorinnen dem Vergessen entreißt und sie ins rechte Licht rückt: https://www.aviva-verlag.de/programm/ich-lehne-es-ab-meine-zunge-im-zaum-zu-halten-fliegen-sollst-du/

AvivA, 2021
620 Seiten
ISBN-10: ‎ 3949302018
ISBN-13: ‎ 978-3949302015

Dienstag, 14. April 2026

Liesbet Dill: Tagebuch einer Mutter

Herausgegeben von Magda Birkmann und Nicole Seifert
Rowohlt-Verlag
Reihe: rororo-Entdeckungen, 2024 (1943)
432 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3499014688
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3499014680 

Buchinfo
Eine literarische Wiederentdeckung von großer erzählerischer und emotionaler Kraft, ein mitreißendes Leseerlebnis. Ein Roman über Mutterschaft, über Möglichkeiten, über Lebensentwürfe von Frauen.

Oliva Nordeck lebt nach dem Kriegstod ihres Mannes nahezu mittellos und allein mit vier kleinen Kindern. Jahrelang schlägt sich die Familie mehr schlecht als recht in einer namenlos bleibenden mitteldeutschen Stadt durch, bevor sie schließlich ein kleines, baufälliges Häuschen am Stadtrand beziehen. Hier hat Oliva alle Hände voll zu tun mit den großen und kleinen Katastrophen des Alltags als alleinerziehende Mutter von vier äußerst lebhaften Teenagern, deren Eigenheiten und Bedürfnissen sie immer wieder mit großer Gelassenheit, Verständnis und Selbstaufopferung begegnet. Nur hier und da gelingt es ihr, ein paar Minuten Zeit für sich selbst zu stehlen, um auf ihrem geliebten Flügel zu spielen, Bücher zu lesen oder selbst kleine literarische Versuche zu unternehmen, die sie dann heimlich an Zeitungen verschickt. Und immer wieder gerät sie in Situationen, in denen sie die Möglichkeiten eigener Selbstverwirklichung gegen das Glück ihrer Kinder abwägen muss ...

Buchbeginn
"Wie kommt es, Ma, dass die Kleider im Schrank immer kürzer werden?" Ulla, die mir hilft, die Wintersachen auf dem Balkon auszuklopfen, hat festgestellt, dass ihre Kleider ihr alle nicht mehr passen, denn Ulla wächst schrecklich rasch und schießt in die Höhe, dass einem angst werden kann. Sie ist darüber nicht unglücklich, denn nun wird sie die Sachen von ihrer Schwester Margot bekommen, und da Margot meine Kleider aufträgt, die noch aus meiner besseren Zeit stammen und von guten Schneidern gemacht sind freut sie sich darauf. Auf Ullas Leib ist noch nie ein neues Stück gekommen außer einer Wachstuchschürze oder wenn Tante Constanze aus Dresden mal eine selbst gehäkelte Mütze oder einen Schal schickt.
 

Links
"Nacht und Tag"-Blog von Nicole Seifert
 

Alice Schwarzer: Simone de Beauvoir. Weggefährtinnen im Gespräch

Kiepenheuer & Witsch
1. Auflage 2007
122 Seiten
ISBN-10: ‎ 3462039563
ISBN-13: ‎ 978-3462039566 

Klappentext
Zum ersten Mal begegnet Alice Schwarzer in Paris Simone de Beauvoir im Jahre 1971. Aus der politischen Zusammenarbeit wird eine persönliche Freundschaft. In den Jahren 1972 bis 1982 führt Schwarzer fünf Interviews mit der bedeutendsten feministischen Theoretikerin des 20. Jahrhunderts. Diese Gespräche mit der Schriftstellerin und Philosophin gelten nicht nur als die persönlichsten, die je mit ihr geführt wurden, sondern erregten auch weltweit Aufsehen als Dokument einer politischen Wende. Die Weggefährtinnen sprechen über Politik, die Frauenbewegung und die Linke, über Liebe, Sexualität und Männer, über Leidenschaft und Alter.

Buchbeginn
Simone de Beauvoir:
Ich konnte ganz offen antworten

Diese Interviews mit Alice Schwarzer haben zwischen Anfang 1972 und September 1982 stattgefunden: zehn Jahre. Dank unserer feministischen wie persönlichen Freundschaft war sie in der Lage, mir die Fragen zu stellen, die mich interessierten, und konnte ich ihr ganz und gar offen antworten. Diese Gespräche spiegeln also sehr genau meine Haltung zum Feminismus in der Zeitspanne, in der sie geführt wurden - eine Haltung, die ich bis heute habe.

Zitate
"Nichts war ihr zu radikal. Doch in ihrem Auftritt war sie oft überraschend wohlerzogen - die Art, wie sie ihre Handtasche auf den Knien umklammert halten konnte..." - (Alice Schwarzer) 


"Da man den Frauen nicht die Schönheit des Geschirrspülens preisen kann, preist man ihnen die Schönheit der Mutterschaft." - (Simone de Beauvoir) 

Montag, 13. April 2026

Petra Oelker: Das klare Sommerlicht des Nordens

Rowohlt Taschenbuch
24. April 2015
1. Auflage
416 Seiten
ISBN-10: ‎ 3499267780
ISBN-13: ‎ 978-3499267789 

 

"Das klare Sommerlicht des Nordens" von Petra Oelker verschlägt mich in das Hamburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ich begegne zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können.

Sidonie Wartberger ist verheiratet und führt aus materieller Sicht ein sorgenfreies Leben. Aber sie ist nicht mehr die glückliche junge Frau, die sie war, als sie ihren Mann geheiratet hat.

Und dann ist da Dora Lenau, die in einer Näherei arbeitet und auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag durch das Hamburg kommt, das im Umbruch ist; und das nicht nur technisch und kulturell. Sie lebt mit ihrer Tante Anna Römer und ihrem Cousin Theo in einer Wohnung. Die ärmlichen Behausungen werden abgerissen und neue Wohnungen gebaut. Die Bewohner der Armenhäuser werden einfach auf die Straße gesetzt. Frauen mit Kindern, alte und kranke Leute, spielt alles keine Rolle.

Dora will nicht ewig in der Näherei arbeiten. Sie hat ihre eigenen Träume. Sie möchte Avantgarde-Mode machen. Ihrem Chef hat sie auch schon einige Vorschläge unterbreitet, doch der bekommt sie in dieser Gegend nicht verkauft. Also träumt Dora erst mal weiter.

Es ist anfangs nicht ganz leicht, einen Leserhythmus zu finden. Denn die Geschichte, oder besser die Geschichten, springen von einer zur anderen.

Sidonie erlitt in der sechsjährigen Ehe zwei Fehlgeburten und verfällt in Melancholie, wie Schwiegermutter Esther Wartberger meint. Kein Verständnis dafür, dass sich Sidonie in ihre Traurigkeit einhüllt. Auch Viktor, ihr Ehemann, weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Einerseits versteht er sie, andererseits: Es muss doch mal wieder gut sein.

Ich verstehe die negativen Rezensionen, die ich gelesen habe, nicht. Wahrscheinlich passiert anderen Leserinnen* nicht genug. Aber es ist doch so: Meistens fließt das Leben einfach so dahin. Interessant ist aber doch, wie die Menschen damals gelebt haben, die Armen, die Mittelschicht und die Reichen, wie Politik gemacht, Städtebau betrieben wurde. Wie das mit den Standesunterschieden war, und was geschieht, wenn jemand aus dem eingefahrenen Regelwerk ausbricht.

Auch das Thema Antisemitismus spielt hier eine nicht kleine Rolle. Besonders zu spüren in Doras kleiner Familie. Dora wurde von ihrem Arbeitgeber in einen jüdischen Haushalt ausgeliehen. Durch Zufall lernt sie Sidonie Wartberger, die Frau des Hauses, kennen. Doras Cousin (bzw. Nicht-Cousin; wie das zusammenhängt, lest selbst) Theo, der sich auf die falsche Seite schlägt, übt Druck auf sie aus und erpresst Dora, die Leute auszuspionieren.

Ob sie das mit sich machen lässt und ob die Frauen ihren Weg finden, lest ihr am besten selbst.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, der Schreibstil ist einfach toll. Allerdings bin ich vom Ende des Buches ein wenig enttäuscht. Es geht nicht darum, ob es ein Happy end gibt oder nicht, aber die Geschichte endet irgendwie abrupt. Und dann tauchen plötzlich auf ein paar Seiten in einem Epilog alle Protagonistinnen* auf und es wird kurz geschildert, was aus ihnen geworden ist.  

Mittwoch, 8. April 2026

Elizabeth Strout: Amy & Isabelle

Amy & Isabelle sind Mutter und Tochter. Sie leben in der Kleinstadt Shirley Falls, New England. Es ist ein drückend heißer Sommer, der von einem Skandal heimgesucht werden soll.

Isabelle, alleinerziehende Mutter, arbeitet als Sekretärin in einer Fabrik. Amy besucht die Schule, Stacy ist ihre Freundin. Mit der geht sie zum Rauchen in der Pause in den Wald. Eines Tages steht nicht mehr Miss Dayble vor der Klasse, sondern ein neuer Lehrer: Mr. Robertson. Und in den verliebt sich Amy. Als ob dies noch nicht genug wäre, wird in einer anderen Stadt ein kleines Mädchen entführt, Amy erhält zu Hause einen obszönen Anruf und ihre Freundin Stacy ist im siebten Monat schwanger.

Amy & Isabelle erleben eine schwierige Zeit. Ausgerechnet Isabelles Chef hat Amy und den Lehrer am Waldrand in einem Auto erwischt. Isabelle schneidet Amy in einem Wutanfall die schönen, lockigen blonden Haare ab und besucht den Lehrer, um ihn aufzufordern, die Stadt zu verlassen. Amy wartet vergebens auf einen Anruf von ihm und hat keinen guten Gedanken mehr für ihre Mutter.

Nicht nur können sie sich zu Hause kaum aus dem Weg gehen, nein, in diesem Sommer arbeitet Amy nun auch noch im Großraumbüro, wo ihre Mutter als Sekretärin arbeitet. Und dem Chef, der sie erwischt hatte, läuft sie so auch immer über den Weg.

So weit die Geschichte, wie ich sie Dir verrate, ohne zu viel zu sagen. Denn zu lesen, wie sie sich weiterentwickelt, macht einfach nur Spaß. Obwohl es schon ernste Themen sind, die die Frauen zu bewältigen haben. Ja, es ist ein Frauenbuch, ein Buch über Frauen, für Frauen - aber keines in der Art wie die sogenannten "Lit Chicks".

Elizabeth Strout schreibt einfach toll. Sie bleibt in ihrer Geschichte nicht an der Oberfläche. Sie zeigt nicht nur das Schöne, Glänzende, das man zumeist nach außen transportieren möchte. Nein, es werden ganz menschliche, auch eklige Dinge angesprochen - wo man am liebsten sagen möchte: Oh nein, so genau möchte ich das gar nicht wissen.

Alle Frauen haben ihre Probleme, sind sympathisch oder weniger sympathisch - aber sie entwickeln sich in der Geschichte - und das zu lesen, lege ich Dir ans Herz. Für mich war es definitiv nicht mein letztes Buch von Elizabeth Strout.


Buchinfo

In der Kleinstadt Shirley Falls in New England herrscht ein drückend heißer Sommer, der die Menschen träge und gereizt macht. Die sechzehnjährige Amy arbeitet mit ihrer Mutter Isabelle im Büro der Holzfabrik und lauscht errötend Fat Bevs anzüglichen Klatschgeschichten. Fat Bev ist so ganz anders und so viel interessanter als ihre spröde Mutter, mit der sie kaum noch ein Wort wechselt. In vielerlei Hinsicht lieben und hassen sich Amy und Isabelle wie alle Mütter und Töchter. Aber seit die bis über beide Ohren verliebte Amy mit ihrem Mathematiklehrer Mr. Robertson hinter beschlagenen Autofenstern ertappt wurde, scheint die Distanz unüberbrückbar. Damals, im Juni, verließ Mr. Robertson die Stadt, und Isabelle schnitt ihrer Tochter voller Wut die langen blonden Haarer ab. Der Skandal, den Isabelle so fürchtet, reißt alte Wunden auf und konfrontiert sie mit ihrer eigenen Vergangenheit. Während Amy woanders nach Zuneigung sucht, stellt sich Isabelle ihren Ängsten und lernt, wie man Freundschaft schließt. Und endlich finden auch Mutter und Tochter wieder zueinander.


Buchbeginn

Der Sommer, in dem Mr. Robertson die Stadt verließ, war furchtbar heiß, und lange Zeit wirkte der Fluß wie tot. Nichts als ein totes, braunes schlangenartiges Etwas, das sich flach mitten durch die Stadt zod und an dessen Rand sich schmutziggelber Schlamm sammelte. Fremde, die auf der Schnellstraße vorüberfuhren, kurbelten wegen des widerwärtigen Schwefelgeruchs ihre Autoscheiben hoch und fragten sich, wie man nur leben konnte mit diesem Gestank, der vom Fluß und von der Fabrik kam. Aber die Menschen in Shirley Falls waren daran gewöhnt, und selbst in der furchtbaren Hitze nahmen sie ihn nur beim ersten Aufwachen wahr; nein, der Gestank störte sie nicht sonderlich. 

Samstag, 4. April 2026

David Foenkinos: Charlotte

 Das Cover ziert ein Selbstbildnis von Charlotte. Ernst schaut sie darauf aus. Ein schönes Leben hat sie aber auch nicht gehabt.

Als ich das Buch aufschlug, habe ich mich gewundert: Verse? David Foenkinos hat seine ganz eigene Art, über das Leben der Charlotte Salomon zu schreiben. Er erklärt es, und dann passt es auch. Ich empfinde jeden Satz wie in Stein gemeißelt. Keine Schnörkel. Nur, worauf es ankommt.

Zu Beginn erfahre ich, wie sich Charlottes Eltern kennengelernt haben. Als sie dann geboren wurde, bekam sie den Namen ihrer Tante Charlotte, Schwester ihrer Mutter, die von der Brücke ins eisige Wasser sprang und einen qualvollen Tod starb.
Als Charlotte neun ist, bringt sich ihre Mutter um, springt aus dem Fenster. Es liegt wohl in der Familie.

Das erste Weihnachtsfest ohne die Mutter. Charlotte spielt ein bisschen Theater, damit es nicht ganz so traurig ist.

Es ist 1930, der Vater lernt die Konzertsängerin Paula kennen und als er Charlotte eröffnet, dass sie heiraten werden, ist diese glücklich. Und mit Paula zieht Leben in die Wohnung. Kunst und Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Erich Mendelsohn oder Albert Schweitzer. Charlotte wird zur leidenschaftlichen Leserin: Goethe, Hesse, Remarque, Nietzsche und Döblin verschlingt sie regelrecht.
Doch sie hat keine Freunde. Nur Paula.

1933. Ein Jahr, bevor Charlotte ihr Abitur machen kann, muss sie die Schule verlassen. Der Hass gegen die Juden schlägt Wellen. Paula darf nicht mehr auftreten. Die vom Vater erbrachten medizinischen Leistungen werden nicht mehr abgerechnet. Bücher werden verbrannt.
Doch immer noch halten einige an dem Glauben fest, dass alles schnell vorbei geht. Doch Charlotte, jung wie sie ist, glaubt nicht daran.

"Das sind nicht ein paar Spinner, das ist ein ganzes Volk.
Das Land wird von einer gewalthungrigen Meute regiert."

In dieser Zeit entdeckt Charlotte ihre Liebe zur Malerei. Die Großeltern nehmen sie mit nach Italien, wo sie die Berufung zur Künstlerin spürt.

Zurück in Deutschland holt sie die Wirklichkeit ein. Die Großeltern verlassen das Land.

Warum glauben so viele zu dieser Zeit immer noch, dass alles gut wird?

Charlotte schafft es, an der Staatsschule für Freie und Angewandte Kunst zu studieren.

Und dann erfahren wir vom Autoren, wie er Charlotte gefunden hat. Und wie er gegrübelt hat, über sie zu schreiben:

"Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
Notizen über Notizen, jahrelang.
Ich blätterte dauern in meiner Ausgabe von Leben? Oder Theater?
Charlotte fand in meinen anderen Romanen Erwähnung.
Ich saß immer da und wollte dieses Buch schreiben.
Aber wie?
Durfte ich selbst darin vorkommen?
Konnte ich aus Charlottes Geschichte einen Roman machen?
Welche Form sollte das Ganze annehmen?
Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich verspürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.

Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste."

Die Lage wird immer brenzliger. Kristallnacht. Der Vater wird abgeholt. In ein Lager gebracht und kommt nach Wochen wieder nach Hause. Paula kennt noch einige Leute, die ihr wohlgesonnen sind. Doch er ist kaum mehr zu erkennen.
Charlotte soll zu den Großeltern nach Frankreich. Sie brauchen lange, um sie zu überzeugen. Und sie gibt nur widerstrebend nach und verlässt das Land und ihren Liebsten Albert.

Doch auch in Frankreich marschiert der Feind ein. Um nicht verrückt zu werden, malt Charlotte. Malt ihr ganzes Leben. Und dann, bevor es zu spät ist:

"Nun steht Charlotte vor Moridis' Tür.
Sie läutet.
Der Doktor selbst macht ihr auf.
Ah... Charlotte, sagt er.
Sie erwidert nichts.
Sie schaut ihn an.
Und hält ihm ihren Koffer hin.
C'est toute ma vie, sagt sie schließlich."

Mordis haben wir es zu verdanken, dass wir diesen Satz kennen.
C'EST TOUTE MA VIE.
Das ist mein ganzes Leben.

Charlotte lernt Alexander kennen. Eine neue Liebe? Sie wächst nur sehr langsam. Und sie wird schwanger.

Die beiden heiraten und leben in der Villa L'Ermitage. Doch sie werden denunziert. Ein Anruf bei einem der grausamsten SS-Männer, Alois Brunner, ging ein und verrät die junge deutsche Jüdin.

"Der Lastwagen fährt leise vor.
Die Soldaten haben die Scheinwerfer abgeblendet.
Dann betreten sie von zwei Seiten den Garten.
Charlotte kommt gerade aus dem Haus.
Sie läuft den Soldaten regelrecht in die Arme.
Die Männer greifen zu, packen Charlotte am Arm.
Sie schreit aus vollem Hals.
Schlägt um sich, will weglaufen.
Einer der Männer zieht sie heftig an den Haaren.
Und tritt sie in den Bauch.
Charlotte fleht um Gnade, sie sei doch schwanger.
Ich bitte Sie, lassen Sie mich gehen.
Den Männern ist das vollkommen egal."

Eingepfercht in einem Zug kommen Charlotte und Alexander in dem Durchgangslager Drancy an, dem Wartezimmer des Todes.

Dann müssen sie wieder in einen Zug. Drei Tage später sind sie am Ziel. Über einem Eingangstor ist zu lesen: Arbeit macht frei.
Bei der Registrierung werden Charlotte und Alexander getrennt. Alexander bricht nach drei Monaten tot zusammen.
Für Charlotte bleibt der Weg in die Duschbäder.

Und ich? Ich sitze hier und weine und weiß nicht, wohin mit meiner Wut.

Aber Charlotte hat ein Platz in meinem Herzen.


Buchinfo
"Das ist mein ganzes Leben" - mit diesen Worten übergibt Charlotte einem Vertrauten 1942 einen Koffer voller Bilder. Sie sind im französischen Exil entstanden und erzählen, wie sie als kleines Mädchen nach dem Tod der Mutter das Alleinsein lernt, während sich ihr Vater, ein angesehener Arzt, in die Arbeit stürzt. Dann die Jahre, in denen das kulturelle Leben wieder Einzug hält bei den Salomons, mit der Stiefmutter, einer berühmten Sängerin; man ist bekannt mit Albert Einstein, Erich Mendelsohn, Albert Schweitzer. Charlotte beginnt zu malen, und es entstehen Bilder, in denen das einzelgängerische, verträumte Mädchen sein Innerstes nach außen kehrt, Bilder, die von großer Begabung zeugen. Doch 1933 ergreift der Hass die Macht, und bald ist in Charlottes Leben nichts mehr, wie es einmal war.

Buchbeginn
An einem Grabstein lernt Charlotte ihren Namen lesen.

Es hat also schon eine andere Charlotte vor ihr gegeben.
Ihre Tante, die Schwester ihrer Mutter Franziska.
Charlotte und Franziska waren ein Herz und eine Seele.
Bis zu einem Abend im November 1913.
Die beiden Schwestern singen, tanzen und lachen zusammen.
Sie treiben es nicht allzu wild.
Es geht bei diesen Glücksbestrebungen gesittet zu.
Das hat vielleicht auch mit der Persönlichkeit des Vaters zu tun.
Einen Kunst- und Antiquitätenliebhaber, einem steifen Intellektuellen.
Er hat nichts anderes als römische Staubkörner im Sinn.
Die Mutter ist von eher sanftmütiger Natur. 
Doch in ihrer Sanftmut liegt etwas Trauriges.
Ihr Leben war eine einzige Aneinanderreihung von Katastrophen.
Davon wird wohl besser später die Rede sein.

Freitag, 3. April 2026

Emily Brontë: Die Sturmhöhe

Bevor ich es endlich mit Begeisterung las, schmorte es jahrelang im Regal: Sturmhöhe (Originaltitel: Wuthering Heights, erschien 1847 (dt. 1951) war Brontës einziger Roman.
Vor Jahrzehnten sah ich nachts mal eine Schwarz-weiß-Verfilmung, ohne zu wissen, dass es sich um eine Literaturverfilmung handelte.

Es ist eine sehr düstere Geschichte, brutal und irgendwie am menschlichen Abgrund. Der einzig positiv denkende Mensch ist Ellen, die Erzählerin.
Aber obwohl es so deprimierend ist, war ich trotzdem gefangen von der Geschichte und wartete auf den Hoffnungsschimmer, der am Ende noch kommen sollte. Er hat sich dann zwar noch eingestellt, aber zu welchem Preis. Wie viele Menschen wurden erniedrigt, unglücklich gemacht.

Buchinfo
In der Abgeschiedenheit der rauen Moorlandschaft Yorkshires spielt sich das Drama zwischen dem zügellosen und aufbrausenden Heathcliff und der willensstarken und temperamentvollen Catherine ab, die sich über Stand, Moral und Zeit hinweg lieben und sich in einen unaufhaltsamen Strudel aus Leidenschaft und Zerstörung reißen.

Wild, düster, leidenschaftlich: Bis heute ist Emily Brontës zeitlose Liebesgeschichte – im Original Wuthering Heights – eines der mitreißendsten und weltweit meistgelesenen Werke der englischen Literatur.

Buchbeginn
1801. Ich bin gerade von einem Besuch bei meinem Gutsherrn zurückgekehrt - diesem einsamen Nachbarn, der mir zu schaffen machen wird.  


Donnerstag, 2. April 2026

Tanja Kinkel: Wahnsinn, der das Herz zerfrisst

Der bekanntere in dieser Romanbiografie ist Lord Byron, von dem ich bisher nur wusste, dass er mit anderen Schriftstellern oder Dichtern in Italien war und sie dort bei schlechtem Wetter jeder für sich eine Gruselgeschichte schreiben wollten. Bekanntermaßen entstand auf diese Weise "Frankensteins Monster" von Mary Shelley.
Erfahren habe ich aber erst in diesem Buch, warum Byron in Italien war oder sich auch ansonsten in seinen letzten Jahren im Ausland aufhalten musste: Er hatte eine Liebesbeziehung zu seiner Halbschwester Augusta. Und wenn ich mich recht erinnere, stand darauf im damaligen England die Todesstrafe.
Als er aus England floh, ließ er Augusta mit fünf Kindern zurück. Und was ihn mir absolut unsympathisch macht, ist, dass er seine Gefühle zu ihr in seinen Werken thematisierte, sodass Augusta in England einen ziemlich schweren Stand hatte.

Eigentlich werde ich bei Büchern, die mir besonders gut gefallen, am Ende immer langsamer mit dem Lesen, weil ich die Geschichte noch nicht verlassen möchte.
Hier war es das Gegenteil. Fast atemlos las ich dem Ende entgegen, um zu erfahren, was aus Augusta geworden ist.

Buchinfo
Seine Zeitgenossen umlagerten ihn, Goethe war von ihm fasziniert, und Chateaubriand beneiden ihn um Erfolg und Anerkennung. Sein Privatleben wurde von der sensationslüsternen Öffentlichkeit verfolgt. Aber nur von einem Menschen fühlte sich der berühmte englische Dichter Lord Byron wirklich verstanden: von seiner fünf Jahre älteren Halbschwester Augusta Leigh. Er liebte sie. Im puritanischen England war indessen kein Raum für diese Beziehung. Byrons Schicksal war eine unstete, lebenslange Wanderschaft durch Europa.

Buchbeginn
Zehn Tage vor ihrem Tod reiste Augusta Leigh mit dem Zug nach Brighton, um ihre Schwägerin Annabella zu besuchen. Augustas Tochter Emily, die dieses Zusammentreffen arrangiert hatte, stand dem Unternehmen mit großer Skepsis gegenüber. "Hältst du es wirklich für vernünftig, Mamee?" fragte sie, während sie ihre Mutter zum Bahnhof brachte. "Ich meine, glaubst du nicht, daß sie noch immer... noch immer..." Es war weder Emilys Art, ihre Sätze unvollendet zu lassen, noch hegte sie für gewöhnlich Zweifel an Dingen, die sie selbst eingefädelt hatte, so daß Augusta das Ausmaß ihrer Befürchtungen erkennen konnte.