Dienstag, 21. April 2026

Vera Lourié: Briefe an Dich. Erinnerungen an das russische Berlin

Die russisch-deutsche Dichterin Vera Lourié (21. April 1901 - 11. September 1998) war im Petrograder "Haus der Künste" Schülerin des Dichters Nikolaj Gumiljow. Dort gehörte sie einem Kreis junger Dichter an, der sich "Die tönende Muschel" nannte. Nach der Ermordung Gumiljows emigrierte sie im Herbst 1921 mit ihrer Familie aus Petrograd nach Berlin, wo sie bis zu ihrem Tode lebte.
Sie gehörte in den 1920er Jahren zur russischen literarischen Szene Berlins. 

Herausgegeben von Doris Liebermann

Schöffling & Co., 2014
280 Seiten

Buchinfo
"Briefe an Dich" sind die Erinnerungen der letzten Zeitzeugin des "russischen Berlins" der zwanziger Jahre. In einer Mischung aus Tagebuch und Briefen schildert Vera Lourié ihre Kindheit und Jugend in St. Petersburg, wo sie behütet aufwuchs und sich als junge Frau der Schauspiel- und Dichtkunst zuwandte. Sie erzählt von der dramatischen Flucht der Familie nach der Oktoberrevolution ebenso anschaulich wie von den russischen Kreisen in Berlin. Hier verkehrte sie in einer Bohème aus Künstlern und Literaten, erlebte Intrigen und Liebesaffären. Die Zeit des Nationalsozialismus überlebte sie trotz Kontakten zum deutschen Widerstand, der Festnahme durch die Gestapo und der Inhaftierung ihrer Mutter im KZ Theresienstadt. Ihre beherzte Geistesgegenwart kam ihr auch zugute, als die sowjetische Armee einmarschierte, die den bürgerlichen russischen Flüchtlingen feindlich gesonnen war. Sie überstand Not und Hunger der Nachkriegszeit und war dann lange vergessen, bis sie als Literatin und Zeitzeugin wiederentdeckt wurde und sich im hohen Alter noch einmal verliebte. Dies beflügelte sie zur Niederschrift ihrer Memoiren, die hier, um autobiographische Texte, Dokumente und Fotos aus dem Nachlass ergänzt, erstmals vollständig veröffentlicht werden.

Buchbeginn
Liebste,
das Wetter ist kühl, regnerisch, keine Sonne. Die schreckliche Stille in der Wohnung. Du würdest es sicher wunderschön finden! Aber die letzten Tage habe ich sogar Angst, bis zum Bäcker allein zu gehen, und dieser Zwang, zu Hause zu bleiben, geht auf die Nerven. Schluss mit dem Jammern, es wird dich nur ärgern.
Heute will ich weit zurückwandern in das Jahr 1917. 
 

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