Mittwoch, 27. Mai 2026

Brigitte Doppagne: Clara

Buchinfo
Ein Sommerabend 1900 in Worpswede. Die Bildhauerin Clara Westhoff ist zusammen mit ihren Malerfreunden Paula Becker und Otto Modersohn bei Heinrich Vogeler in seinen gastfreundlichen "Barkenhoff" eingeladen. Neben dem Kamin sitzt an diesem Abend ein Fremder: Rainer Maria Rilke, der, aus Rußland kommend, auf der Durchreise ist.

Mit wenigen Strichen, aber präzise und genau schildert die Autorin die ersten Stunden der Begegnung von Clara Westhoff und Rainer Maria Rilke und fängt dabei die Aufbruchstimmung in der Worpsweder Künstlergemeinschaft ein: die Beziehungen der Freunde untereinander, ihr Suchen nach einem eigenständigen Weg, bei dem Kunst und Leben vereint sind, und nicht zuletzt die Faszination, die die Worpsweder Landschaft in ihrer Ruhe und Schönheit auf alle ausübt.

Buchbeginn
Zwischen hohen Kiefern schimmerten die weißen Wände eines großen Hauses. Eine Gestalt in einem hellen Kleid sprang vom Fahrrad und schob es den Waldhang hinauf, der Giebelfassade des Hauses und der davorgelegenen Estrade, an der rote und weiße Rosen emporrankten, entgegen. Vor der Tür und an den Enden der Estrade standen kleine Lorbeer- und Oleanderbäume. Die grünen Läden an den Fenstern waren aufgeklappt.

Zitate
"Tanzen Sie? fragte Clara atemlos, als hätte sie bereits etliche Runden durch den Raum gedreht. Verzeihen Sie. Nein. Ich hasse den Tanz, sagte Rilke. Er preßte die Lippen leicht aufeinander. Als hätte er eine Speise angeboten bekommen, deren Anblick ihm widerwärtig ist, dachte Clara. Sie tanzte."

"Ich will die Dinge so malen, wie sie sind, sagte Paula, riß einen blühenden Grashalm ab und begann, damit Muster in Claras Gesicht zu zeichnen. Oft fällt es mir schwer, die Zeit abzuwarten, bis ich etwas kann. Ich bin atemlos in der Arbeit, will weiter und weiter. Das Zeichnen befriedigt mich nicht, auch wenn ich weiß, daß es wichtig ist. Die Ölfarben, die liebe ich, sie sind so saftig, man kann seinen ganzen Schwung und seine Lust hineinlegen. Ich möchte zur Einfachheit der Form kommen, zur Tiefe der Farbe, zur Bewegung in der Farbe. Ich will erreichen, daß ein Gegenstand durch die Farbe des anderen vibriert. Und ich glaube, ich weiß jetzt, wie ich die Farben im Schatten, in der Dämmerung, zum Leuchten bringe:..."


Luchterhand Literaturverlag, Muenchen
2. Auflage, 1. März 1993
128 Seiten
ISBN-10: ‎3630868088
ISBN-13: ‎978-3630868080 
 

Montag, 25. Mai 2026

Hertha Vogel-Voll

Hertha Vogel-Voll, geb. Hertha Romana Voll (1898 – 1975)
von Sabine Neuhauß


Hertha Vogel-Voll wurde am 15. Oktober 1898 als Hertha Romana Voll in Bad Kissingen geboren. Ihre Eltern waren Künstler: der Bildhauer Roman Voll und eine Malerin, deren Name nicht zu finden war. Nach dem frühem Tod des Vaters an Tuberkulose geriet die Familie in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Mehrere Kinder wurden zeitweise in katholischen Waisenhäusern und Klostereinrichtungen untergebracht. Die dortigen Erfahrungen prägten die Autorin nachhaltig und finden in ihrem späteren Werk in Form religiöser Bildsprache sowie wiederkehrender Motive von Prüfung, Angst und Erlösung ihren Niederschlag.
Im Alter von acht Jahren kehrte Hertha zur Mutter, die erneut geheiratet hatte, zurück. Die Familie zog in die Nähe von Dresden; der Stiefvater plante für Hertha eine Laufbahn als Lehrerin. Im Zuge der geplanten Ausbildung zur Lehrerin besuchte sie das Dominikanerinnenkloster Wettenhausen. Dort erhielt sie neben schulischer Bildung auch musikalische und religiöse Prägungen, die sich später in ihren Werken widerspiegelten. Anschließend absolvierte sie eine Handelsschule in Dresden. Nach dem ersten Weltkrieg nahm sie eine Berufstätigkeit zunächst außerhalb des literarischen Betriebs auf.
Parallel dazu begann sie mit dem Verfassen von Märchen und fantastischen Erzählungen. Ihre frühen Texte zeigen Einflüsse romantischer Traditionen sowie eine deutliche Orientierung an symbolisch aufgeladenen Erzählformen. Einige der Arbeiten wurden in Zeitschriften veröffentlicht.
Im Jahr 1926 wirkte Hertha Voll am Aufbau großer Ausstellungen mit. Dabei lernte sie den Arzt Dr. Martin Vogel kennen, der am Deutschen Hygiene-Museum tätig war. Sie heirateten noch im selben Jahr. Ein Jahr später kam die gemeinsame Tochter Annemarie zur Welt. Die Familie lebte in Dresden-Hellerau, einem kulturell geprägten Stadtteil mit reformorientiertem Umfeld.
Neben ihrer familiären Tätigkeit arbeitete Hertha Vogel-Voll kontinuierlich an literarischen Texten. Bereits in den 1930er Jahren begann sie mit der Ausarbeitung des Stoffes, aus dem später ihr Hauptwerk Die Silberne Brücke hervorging.
1933 musste ihr Mann, der es zum Professor und wissenschaftlichen Direktor gebracht hatte, aus dem Hygiene-Museum ausscheiden. Er ließ sich als Arzt in Dresden nieder und begründete ab 1937 ein Forschungsinstitut für Ernährung.
Der Zweite Weltkrieg brachte erneut tiefe Einschnitte. Die Zerstörung Dresdens vernichtete auch das wissenschaftliche Institut ihres Mannes. Zwar baute er sich zu Hause eine neue Praxis auf, jedoch starb Martin Vogel 1947 bei einem Motorradunfall. Für Hertha Vogel-Voll brach damit nicht nur die Existenzgrundlage weg; durch den Verlust und die Trauer wäre sie selbst beinahe zerbrochen.
Gerade in dieser Zeit gelang ihr jedoch der literarische Durchbruch. 1948 wurde ihr Theaterstück Verwunschen, verzaubert in Dresden uraufgeführt und mit großem Erfolg aufgenommen. In einer frühen Aufführung spielte der junge Schauspieler Rolf Ludwig eine der Rollen. Der Erfolg ermutigte die Autorin, die bereits länger geplante Prosafassung zu veröffentlichen.
1949 erschien schließlich Die Silberne Brücke. Das Kinderbuch erzählt auf märchenhafte Weise von den Kindern Rose und Heinrich, die losziehen, um die Blaue Blume zu suchen, ohne die die Menschenherzen zu Stein werden und keine Freude mehr auf der Erde herrscht. Außerdem treibt das „Dicke Ende“ sein Unwesen, ein Ungeheuer, das die beiden
Kinder verfolgt. Nur wer ein reines Herz hat, kann die Blaue Blume finden; nur Kinder sind dazu in der Lage.
Das Buch versteht es, Kindern von der Welt zu erzählen und ein wenig Philosophie einfach nahezubringen, etwa dass Menschen leicht auf andere hören und blind für viele Dinge sind. Das Märchen verbindet klassische Motive der Romantik mit den Erfahrungen einer zerstörten Nachkriegswelt. Viele Leser empfanden das Buch als Trostschrift in einer Zeit moralischer und materieller Verwüstung.
Das Buch erreichte hohe Auflagen und wurde später durch weitere Märchensammlungen ergänzt, darunter Das blaue Wunder. Besonders in der DDR entwickelte sich Die Silberne Brücke zu einem viel gelesenen Werk, das bis heute aus den Köpfen der - eher älteren -Leserinnen und Leser nicht verschwunden ist. Das ist vermutlich auf die ungewöhnliche und ergreifende emotionale Tiefe der Geschichte zurückzuführen.
Die letzte Ausgabe der DDR erschien 1958, danach war es zwar nicht verboten, Neudrucke scheiterten jedoch, obwohl es durchaus eine Nachfrage gegeben hätte, immer wieder an den verweigerten staatlichen Papierzuteilungen.
Ende der 1950er Jahre schrieb Hertha Vogel-Voll das Theaterstück … und dann das goldene Lachen, einen Einakter über Frieden und Menschlichkeit. Obwohl das Stück zunächst erfolgreich aufgeführt wurde, wurde die Theaterleitung nach wenigen Wochen zur Absetzung des Stückes angewiesen. Eine offizielle Begründung erhielt die Autorin nie. Danach wurden ihre Werke in der DDR faktisch nicht mehr gedruckt.
Als Ursache wird in der Forschung vor allem die schwierige Vereinbarkeit ihres literarischen Ansatzes mit den kulturpolitischen Vorgaben des sozialistischen Realismus gesehen. Vogel-Volls Texte konzentrieren sich weniger auf gesellschaftspolitische Entwicklungen als auf moralische und spirituelle Fragestellungen. Ihre Werke zeichnen sich durch symbolische Verdichtung, religiöse Motive und eine ausgeprägt metaphysische Perspektive aus. Damit stand die Autorin nicht im Rahmen der kulturpolitischen Erwartungen der DDR.
In den folgenden Jahren arbeitete sie weiter an Romanen und fantastischen Erzählungen, darunter Das Licht auf dem vergessenen Stern. Veröffentlichungen blieben ihr jedoch weitgehend verwehrt. Die Autorin wurde kulturell isoliert und geriet zunehmend in Vergessenheit.
Hertha Vogel-Voll starb am 13. Juli 1975 in Dresden. Als Todesursache wird ein langjähriges Magenleiden genannt, das sie seit ihrer Kindheit belastete.
Erst Jahrzehnte später wurde ihr Werk erneut stärker wahrgenommen. 2004 erschien Die Silberne Brücke in einer Neuauflage mit einem Vorwort von Peter Sodann. Später folgte auch eine Hörbuchfassung, gelesen von Volker Lechtenbrink. Zusätzliche Bekanntheit erlangte das Werk durch eine Verfilmung im Rahmen der ARD-Märchenreihe Sechs auf einen Streich.
Hertha Vogel-Volls Werke stehen in der Tradition des deutschen Kunstmärchens. Sie verbinden fantastische Handlungselemente mit religiösen und symbolischen Motiven. Inhaltlich beschäftigen sich ihre Texte häufig mit den Themen Angst, Mitgefühl, Hoffnung und moralischer Bewährung.
Literaturwissenschaftlich wird ihr Werk gelegentlich in die Nähe romantischer Märchentraditionen gestellt. Gleichzeitig spiegeln ihre Texte die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts wider, insbesondere Krieg, Verlust und gesellschaftliche Umbrüche.

Heute gilt Hertha Vogel-Voll als eine eigenständige Stimme der deutschsprachigen Märchenliteratur, deren Werk nach längerer Vergessenheit wieder zunehmende Aufmerksamkeit erfährt.
Allerdings ist die Aufmerksamkeit noch nicht so groß, dass wirklich viel über sie zu erfahren wäre. Die Datenlage ist eher eingeschränkt.

https://taz.de/Von-Exponat-zu-Exponat/!734680/
https://de.wikipedia.org/wiki/Hertha_Vogel-Voll
https://coloradio.org/?p=11642
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Silberne_Br%C3%BCcke
https://scifinet.org/scifinetboard/index.php/blog/70/entry-7891-hertha-vogel-voll-die-silberne-br%C3%BCcke/ 

Doris Hermanns: Meerkatzen, Meißel und das Mädchen Manuela: Die Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe

Kennt jemand Christa Winsloe? Ehrlich gesagt, bisher wusste ich nichts von ihr, obwohl ich mir das Buch schon im März 2020 gekauft habe. Dabei war sie in den 1930er Jahren weltberühmt.
Vielleicht könnte man sich an den Namen erinnern, sofern er denn im Vor- oder Abspann des Films "Mädchen in Uniform" aufgeführt wurde: "Nach einem Theaterstück von Christa Winsloe" in etwa.
Über Christa Winsloe ist nur wenig bekannt, und das oftmals fehlerhaft, was Doris Hermanns dazu bewegte, "weiter in Archiven zu forschen und Unbekanntes zutage zu fördern".

Ich war wirklich neugierig auf diese Künstlerin, zumal ich beim AvivA Verlag schon öfter auf ihren Namen gestoßen war. Was mich aber doch enttäuscht, sind die vielen vorhandenen Schreibfehler. Wenn es sich um einen Roman gehandelt hätte, hätte ich das Buch abgebrochen.

Buchinfo
Für kurze Zeit war sie weltberühmt. Nach ihrer Karriere als Bildhauerin widmete sich Christa Winsloe (1888-1944) dem Schreiben. Ihr erstes Theaterstück wurde 1931 unter dem Titel "Mädchen in Uniform" mit großem Erfolg verfilmt.
Die erste Biografie über Christa Winsloes bewegtes Leben von Deutschland nach Italien, Ungarn, Amerika und Frankreich, das mit ihrer Ermordung tragisch endete.

"Sie war immer eine ,von denen'. Immer zwischen allen Stühlen, zwischen den Fronten. Keine menschliche Gesellschaft fing sie auf." - Christa Reinig

Buchbeginn
"Die so entsetzlich unbegabten Engländer..."

Am 23.12.1888 wurde Christa Winsloe in Darmstadt geboren. Ihre Eltern waren der Rittmeister Arthur Winsloe und Katharina Elisabeth Winsloe, geborene Scherz.

Zitate
"Rückblickend auf ihre Jugend schrieb Winsloe später: ,Ich persönlich habe mich (…) unbeschreiblich langsam entwickelt, obwohl ich äußerlich sehr selbständig war. Aber erotisch und geistig von einer rührenden Naivität, verschwärmt und unreif bis weit über die zwanzig Jahre. Sehr unglücklich und sehr verlassen.'"

"Frauen wurde um die Jahrhundertwende lediglich Zeichnen, Malen, Musizieren (vornehmlich Klavier und Gesang), Sticken und Fremdsprachen als Äußerungen ihrer Kreativität zugestanden. Bildhauerei galt als Männersache, für die Muskeln und Stärke benötigt wurden. Bei der Arbeit bekam man rauhe Hände, wurde dreckig und staubig.
Das konnte nichts für bürgerliche Frauen sein, deren erstes Ziel im Leben eine Ehe war und die auf ihr Äußeres Wert legen sollten. Zudem galt die Arbeit an großen Werken als gefährlich, ermüdend und erforderte Ausdauer, auch dies war etwas, das man Frauen nicht zutraute."

Klaus Mann in einem Brief an die Malerin Eva Herrmann:
",Gleichfalls hingerichtet: meine Freundin Christa Hatvany-Winsloe (Du kanntest sie doch auch?); diese von der französischen ,résistance'. In ihrem Riviera-Haus sollen deutsche Offiziere versteckt gewesen sein. So wurde ihr dann der Prozeß gemacht, ein sehr kurzer Prozeß, der mit standrechtlicher Erschießung endete. War dies ungerecht? Vielleicht; denn für die Nazis hatte unsere Christa gewiß nichts übrig. Aber sie war wohl gar zu großzügig und zu tolerant, tolerant bis zur Schlampigkeit. Wenn man nichts für die Nazis übrig hat, tut man gut daran, den Umgang mit Nazi-Offizieren zu meiden, besonders in einem noch besetzten, fast schon befreiten Land. Die Unterdrückten verstehen keinen Spaß, wenn ihre Stunde kommt. Trotzdem tut es uns leid um unsere Christa, braves altes Stück. Es tut mir ganz entschieden leid um sie.'
Klaus Mann maßt sich hier ein Urteil über eine Situation an, über die er nur Gerüchte gehört hatte. Dieses Urteil wurde jedoch von zahlreichen Nachschlagewerken übernommen, die Winsloe aufgrund dieser Bemerkung bis heute als Nazi-Kollaborateurin verurteilen."


AvivA Verlag
1. Auflage 2012
317 Seiten
ISBN-10: 3932338537
ISBN-13: 978-3932338533
 

Donnerstag, 21. Mai 2026

Barbara Sichtermann und Ingo Rose: Frauen, einfach genial - 18 Erfinderinnen, die unsere Welt verändert haben

Fantastische Erfindungen

Die Welt ist voller phantastischer Erfindungen. Erfindungen, die man damals wie heute wohl kaum mit einer Frau in Verbindung bringen würde. Bis lange ins 20. Jahrhundert hinein wirkten Frauen vorwiegend für die Familie. Und doch, oder gerade deshalb, konnte es geschehen, dass die Kreativen unter ihnen Dinge erfanden - für Haushalt, Kindererziehung, Körperpflege oder Mode. Aber auch in männliche Domänen wagten sich einige Mutige. Die Schauspielerin Hedy Lamarr entwickelte in den 1930er Jahren eine Fernsteuerung für Torpedos, deren Prinzip noch heute in Geräten wie dem Funktelefon genutzt wird. Auch der Scheibenwischer, den Mary Anderson austüftelte, der Paketfallschirm von der Luftfahrtpionierin Käthe Paulus und das Tortendiagramm von Florence Nightingale kommen nicht aus der häuslichen Welt.

In Vertretung der vielen einfallsreichen Frauen sei hier eine näher vorgestellt: Josephine  M. Cochrane, die Erfinderin des Geschirrspülers.

Josephine M. Cochrane wurde am 8. März 1839 in Ashtabula County, Ohio, in den USA geboren. Bis zum Tod ihres Mannes lebte sie im Wohlstand. Sie hatte Angestellte, die alle häuslichen Arbeiten verrichteten, doch waren sie unachtsam im Umgang mit dem wertvollen Familien-Porzellan. So übernahm die Dame des Hauses den Abwasch lieber selbst, obwohl sie diese Arbeit hasste. 

So entstand die Idee zu einer Maschine, die das Geschirr reinigen sollte. Nachdem ihr Mann 1883 gestorben war und ihr 1000 Dollar hinterlassen hatte, begann sie mit der Umsetzung ihres Vorhabens. Mit Hilfe des Eisenbahnmechanikers George Butters entwickelte sie die erste funktionierende Geschirrspülmaschine. Auf der Weltausstellung in Chicago erhielt sie dafür 1893 einen Preis für "die beste mechanische Konstruktion, Haltbarkeit und Zweckentsprechung". 

Zunächst interessierten sich vor allem Restaurants und Hotels für die neue Erfindung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Geschirrspülautomat so erschwinglich, dass er auch in Privathaushalten Einzug hielt.

Zwar konnte Josephine Cochrane von den Erträgen ihrer Erfindung leben, doch musste sie dafür viel reisen und Kundenkontakte pflegen. Das lag ihr wenig. Sie war viel mehr eine Erfinderin als Unternehmerin. Kurz vor ihrem Tod sagte sie: "Wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich nie den Mut gehabt, anzufangen."

Josephine M. Cochrane starb am 3. August 1913 im Alter von 74 Jahren.

 
Knesebeck, 2010
128 Seiten
ISBN-10: ‎3868731172
ISBN-13: ‎978-3868731170 

Vicki Baum: Vor Rehen wird gewarnt

Buchinfo 

"Vor Rehen wird gewarnt." Diesen Satz, den er einmal in einem Wildpark gelesen hat, kann Rechtsanwalt Watts nur jedem entgegnen, der von der zarten und aufopferungsvollen Ann Ambros spricht. Denn so rehäugig Ann auch durchs Leben geht, so rücksichtslos nimmt sie sich, was sie will. Sie verführt den Mann ihrer Schwester, treibt nicht nur San Francisco, sondern auch Wien zur Verzweiflung, sorgt dafür, dass sie stets das Beste bekommt und dass man ihr noch dankbar ist, wenn man ihr das letzte Hemd schenken darf. Vicki Baum erzählt von einer Frau, der man nicht in die Quere kommen will – und deren Bann man sich doch bis zur letzten Seite nicht entziehen kann.


 Buchbeginn
"Ach, du liebe Güte", seufzte die schmächtige alte Dame beim Anblick der hohen Stufen, die es zu besteigen galt, um in den Eisenbahnwagen zu gelangen; ihre gebrechliche Zierlichkeit, ihr halb humoristischer, halb verzweifelt-hilfloser Ausdruck machten aus diesen drei einfachen Stufen ein Hindernis ersten Grades, eine uneinnehmbare Festung, ein unbezwingliches Gebirge. Selbst der Pullmanschaffner spürte etwas davon, und mit einem fröhlich-verlegenen "Entschuldigen die Dame -" unterstützte er sachte das zierliche Leichtgewicht am Ellbogen und hob es behutsam hinauf. 

Arche Literatur Verlag AG
Aus dem amerikanischen Englisch von Carl Heinz Ostertag
2. Auflage 23. April 2021
Auflage ‏ : ‎ 2.
416 Seiten
ISBN-10: ‎3716040320
ISBN-13: ‎978-3716040324 

Dienstag, 19. Mai 2026

Julie Phillips: Das Doppelleben der Alice B. Sheldon

James Tiptree Jr (eigentlich Alice B. Sheldon; 24.8.1915 - 19.5.1987) benutzte dieses Pseudonym zwischen 1968 und 1987 für die Veröffentlichung der meisten ihrer Science-Fiction-Kurzgeschichten sowie zweier SF-Romane. Weitere Erzählungen erschienen auch unter dem Pseudonym Raccoona Sheldon. Alice Sheldon gilt heute als eine der besten Kurzgeschichten-Autorinnen des Science-Fiction-Genres.
Der Septime-Verlag hat ihr Gesamtwerk rausgebracht.

Buchinfo
Tiptrees geheimnisvolle Identität faszinierte die Fans und gab Anlass zu vielen Spekulationen, freilich glaubten alle, sie sei ein Mann. Die Aufdeckung noch zu Lebzeiten war ein Schlag: Diese knappen, harten und frechen Kurzgeschichten, die nur allzu häufig mit dem Tod endeten, waren von einer alten Dame mit weißen Federlöckchen geschrieben worden … Alice Bradley Sheldon, die mit 51 Jahren erste Erzählungen unter dem männlichen Pseudonym James Tiptree Jr. veröffentlichte und schnell zu Ruhm kam, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein ungewöhnliches und dichtes Leben hinter sich. Als bildhübsche, intelligente und verwöhnte Tochter einer oberen Mittelschichtfamilie aus Chicago verbringt sie große Teile ihrer Kindheit in Afrika, wird Malerin und Kunstkritikerin und ist im 2. Weltkrieg in der US-Armee tätig. Sie arbeitet für die CIA, bewirtschaftet eine Hühnerfarm, promoviert in Psychologie. Die amerikanische Journalistin Julie Phillips erzählt die spannende Biografie einer faszinierenden Persönlichkeit. Es wird die komplexe und tragische Geschichte einer Frau geschildert, die ein halbes Jahrhundert zu früh geboren wurde: immerfort im Schatten der erfolgreichen Mutter, frühe dysfunktionale Ehe, ein tiefgründiges Unbehagen über die eigene, vor allem sexuelle Identität und das damit einhergehende Gefühl der Isolation; langfristige Amphetaminabhängigkeit und Depressionen. Nach einem vorab geschlossenen Selbstmordpakt erschießt Sheldon im Alter von 71 Jahren erst ihren Mann und dann sich selbst.
 

Marie Under

Marie Under wurde am 27. März 1883 in Tallinn geboren und starb am 25. September 1980 in Stockholm. Sie war eine estnische Dichterin, deren Gedichte vom Lebensdurst sowie einer Hingabe an Liebe und Natur geprägt sind.

Marie Under wurde als Tochter des Schullehrers Priidu (Friedrich) Under und seiner Frau Leena Under (geborene Kerner) geboren. Die Familie stammte ursprünglich von der Insel Hiiumaa. Von 1891 bis 1900 besuchte sie die Deutsche Mädchenschule in Tallinn. Marie Under begann bereits als Elfjährige, erste Gedichte zu schreiben, zunächst vor allem in deutscher Sprache. 1902 heiratete sie Carl Hacker und war als Buchhändlerin tätig. Die Familie lebte bis 1906 in Moskau.

Gefördert durch den Maler Ants Laikmaa widmete sich Marie Under mehr und mehr der Dichtkunst in estnischer Sprache. Sie gehörte von Anfang an der stark dem Symbolismus verpflichteten Bewegung Siuru an. Bereits ihr erster Gedichtband Sonetid ("Sonette") wurde 1917 ein literarischer Erfolg. Ihre Gedichte sind geprägt vom Lebensdurst sowie einer Hingabe an Liebe und Natur. 1927 heiratete sie den estnischen Dichter Artur Adson und wurde eine der einflussreichsten estnischen Lyrikerinnen.

1944 floh Marie Under vor der Besetzung Estlands durch die Sowjetunion nach Schweden. Dort mischten sich verstärkt Töne des Heimwehs nach Estland in ihr Werk. Von 1945 bis 1957 war sie am Theatermuseum von Stockholm tätig. 

Freitag, 15. Mai 2026

Maria Gustaava Jotuni

Maria Gustaava Jotuni wurde am 9. April 1880 in Kuopio (eine kleine Stadt in Ostfinnland) geboren. Sie war eine große finnische Schriftstellerin und Dramatikerin.

Ihr Vater war Schmied und Alkoholiker. Obwohl die Familie arm war, ermöglichte sie es den sechs Kindern (Maria war die zweitälteste), höhere Schulen zu besuchen. Maria Jotuni studierte an der Universität von Helsinki Geschichte, vergleichende Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte. Während des Studiums lernte sie Autoren kennen wie Strindberg, Ibsen, Hamsun, Altenberg und Tschechov.

Sie war ihrer Zeit immer voraus. Ihr Werk wurde anerkannt und gleichzeitig kritisiert. Sie engagierte sich sozial, schreckte nicht davor zurück, gesellschaftliche Tabu-Themen anzusprechen. Das machte sie in der etablierten finnischen Gesellschaft nicht gerade beliebt. Viljo Tarkiainen jedoch, Professor für finnische Literatur an der Universität Helsinki und ihr späterer Ehemann, war unter vielen anderen einer der großen Verteidiger des dramatischen Werkes von Maria Jotuni.

Maria Gustaava Jotuni starb am 30. September 1943 in Helsinki.

 

Dienstag, 12. Mai 2026

Clara Schulte: Das Haus am Ring

Buchinfo

Die in diesem Roman geschilderte Entwicklung zweier Breslauer Firmen entspricht den geschichtlichen Tatsachen, wie sie in der Firmengeschichte der Bergwerksgesellschaft "Georg von Giesches Erben" und in der des Verlages Korn enthalten sind. Die Ausgestaltung der auftretenden Persönlichkeiten - seien diese dem Namen nach auch historisch - beruht auf freier Erfindung. - C. Sch.


Buchbeginn

Georg von Giesche
1712
 
Über den Breslauer Ring sank langsam die Dämmerung eines warmen, fast schwülen Septembertages. Nur auf dem Gipfel eines stattlichen Patrizierhauses spielte noch der farbige Abglanz des Sonnenunterganges und ließ die drei kleinscheibigen Dachfenster unter ihrer schöngeschwungenen Mauerumrahmung aufleuchten. Zu gleicher Zeit wurden in den beiden darunterliegenden Stockwerken die Kerzen angezündet. Bald drang aus den geöffneten Fenstern, die schon seit Stunden einen vielstimmigen Festlärm, vermischt mit den Klängen eines Konzerts, hinausströmen ließen, ein mattrötlicher Schimmer, der sich in der rasch einfallenden Dunkelheit vertiefte.


Herbert Stubenrauch Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1941

Autorin 

 

Clara Schulte: Genie im Schatten. Das Leben der Charlotte Brontë

Buchinfo
Das Buch schildert Charlottes Leben vor dem Hintergrund des viktorianischen England und konzentriert sich besonders auf ihren inneren Konflikt zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und ihrem künstlerischen Anspruch.
 

Buchbeginn
Die Umwelt der ersten neun Jahre
Wie ein Bild von Picasso, in graubraun und violett gestimmt, liegt das Yorkshiredorf Haworth aufgebaut am Berghange. Kahle Steineinfassungen statt lebender Hecken, nüchterne, kubische Häuschen, hungrige Haferfelder, die gleich graugrünen Tupfen über der Landschaft verteilt sind - und darüber der großartig-unheimliche Bogenschwung der Hochmoore.


Wolfgang Jeß Verlag in Dresden, 1936
251 Seiten
Autorin

Zum Reinlesen
 

Clara Schulte

 Die Schriftstellerin Clara Schulte, geborene Clara Ebert, (12. Oktober 1888 - nach 1946) heiratete 1917 den Wirtschaftsjuristen Eduard Schulte, das Paar trennte sich 1946. 

Warum man so wenig über sie findet:

- offenbar kein erhaltener literarischer Nachlass,
- keine bekannte Korrespondenz,
- keine größere wissenschaftliche Rezeption,
- vermutlich nach 1945 literarisch schnell vergessen.

Ich habe nur drei Bücher von ihr gefunden, die auch nicht neu aufgelegt wurden:

Genie im Schatten. Das Leben der Charlotte Brontë. Jefs, Dresden 1936.
Das Haus am Ring. Stubenrauch, Berlin 1941.
Der Ritter mit dem Drachen. Ein Nettelbeckroman. Stubenrauch, Berlin 1943.

Diese sind keinem speziellen Genre zuzuordnen, sondern zeigen drei verschiedene Richtungen:

literarische Biografie,
Gesellschaftsroman,
historischer Roman.

Margit Kaffka

Margit Kaffka wurde am 10. Juni 1880 in Großkarol, Siebenbürgen (heute Rumänien) geboren. Sie war eine ungarische Schriftstellerin, Dichterin, Feministin und Publizistin.

Nach dem frühen Tod ihres Vaters konnte sie nur in einer Klosterschule studieren. Als sie 21 Jahre alt war, erschienen erste Gedichte von ihr in der Zeitschrift "Magyar Géniusz".

1902 erhielt sie das Lehrdiplom für bürgerliche Schulen und unterrichtete in Miskolc. Schon während ihrer Tätigkeit als Lehrerin in Miskolc war sie ständige Mitarbeiterin der literarischen Gruppe Nyugat (deutsch West).

1905 heiratet sie Brunó Fröhlich, einen Forstingenieur. Die Ehe hält nur fünf Jahre, Kaffka geht nach Budapest, wo sie weitere fünf Jahre unterrichtet und Ervin Bauer, einen Arzt-Biologen heiratet, mit dem sie eine glückliche Ehe führt. Ab 1915 war Kaffka nur mehr literarisch tätig.

Die Schriftstellerin und auch ihr Sohn wurden 1918 Opfer der weltweiten Spanischen Grippe.

Die Krise des verarmten Adels und die Lage der zeitgenössischen Frau waren ihre zwei großen literarischen Themen. In ihrem zweiten Roman "Ameisennest" setzte sie sich kritisch mit der Klostererziehung auseinander. Kaffka erhob ihre Stimme gegen unvernünftiges Blutvergießen und Kriegspropaganda. Als Publizistin war sie hoch angesehen.

Margit Kaffka starb am 1. Dezember 1918 in Budapest. 

Sonntag, 10. Mai 2026

Man könnte meinen, die Autorin stammt aus dem 19. Jahrhundert und ward vergessen. Doch nein, sie wurde am 26. May 1934 geboren. Nach mehreren Kinderbüchern ist dies der erste und einzige Roman für Erwachsene, der 1981 erschien, sofort auf der Shortlist für den Booker Prize 1981 landete und nun erstmals für die Büchergilde ins Deutsche übersetzt wurde.

Buchinfo
Im Sommer 1851 begleitete Charlotte Morrison die Familie ihres Bruders auf einer Dampfschiffsreise von Baden-Baden bis nach Köln. Nach den Unruhen der Revolution von 1848 kommen englische Touristen wie sie wieder in den Genuss der romantischen Landschaften des Rheintals. Erst vor Kurzem ist Charlottes Großonkel verstorben, dessen Haushälterin sie lange war. Mit dem Geld, das er ihr vermacht hat, steht sie vor einem Neuanfang. Allerdings scheint es nahezu unumgänglich, dass sie als ledige Frau zu ihrem Bruder, einem frommen Reverend und seiner Familie zieht. Bereits an Bord des Schaufelraddampfers zeigt sich, dass man in ihr vor allem die Kammerzofe und Gouvernante der siebzehnjährigen Ellie sieht, die Charlotte wie ihr eigenes Kind liebt. Dass ihr selbst einst verwehrt wurde, eine eigene Familie zu gründen, wird Charlotte wieder schlagartig bewusst, als sie in Koblenz einen fremden und doch seltsam vertrauten Mann unter den Mitreisenden entdeckt. Und plötzlich werden schmerzhafte Erinnerungen und unterdrückte Sehnsüchte in ihr wach. Denn wie der Fluss, auf dem die Gesellschaft reist, birgt auch Charlottes Seele verborgene Abgründe.
Ein so zarter wie eindringlicher Roman über Reue und unerfüllte Träume, aber auch über die Hoffnung, entgegen gesellschaftlicher Widerstände selbstbestimmt zu leben.

Buchbeginn
Der Anleger von Koblenz
"Das Gepäck ist einfach auf Deck liegen geblieben", sagte Reverend Charles Morrison. "Ich dachte, du hättest darauf aufgepasst, Charlotte."
Charlotte, seine Schwester, für deren Sommerurlaub er großzügig aufkam (was ihr in diesem Moment überaus bewusst war) sagte: "Aber du hast mich doch nicht darum gebeten."

Büchergilde Gutenberg
1. Auflage 2026
Mit einem Nachwort von Lauren Groff
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
bedrucktes Leinen, farbiges Vorsatzpapier, Lesebändchen, 
208 Seiten
Einbandgestaltung von Franziska Neubert
ISBN: 978-3763277186

 

Samstag, 9. Mai 2026

Ilse Korn

 Ilse Korn wurde am 23. April 1907 in Dresden geboren. Der Vater war Steuerberater. In Leipzig erlernte sie den Beruf der Bibliothekarin und arbeitete nach der Ausbildung an der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden. Dort arbeitete sie bis zu ihrer Verhaftung im Jahr 1943.

Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 war für sie ein so einschneidendes Erlebnis, dass sie beschloss, etwas gegen die Nazis zu unternehmen. Ihr Mann Vilmos Korn - mit ihm zusammen veröffentlichte sie das bekannte Kinderbuch "Mohr und die Raben von London" (Schullektüre) - lebte als kommunistischer Schriftsteller und Journalist illegal. Weil sie ihn nicht als Vater der am 19. Juni 1938 geborenen Tochter angeben konnte, musste sie diese zu Pflegeeltern geben.

Während des anglo-amerikanischen Bombenangriffs auf Dresden konnte sie aus dem Dresdner Frauengefängnis fliehen und sich im Erzgebirge verstecken.

Schon im Juni 1945 wurde sie von der Sowjetischen Militäradministration in der Dresdner Landesbibliothek als Leiterin eingesetzt. Sie war die geistige Urheberin des „Gesetzes über die Demokratisierung des Büchereiwesens“ und folgte dem Ruf ins Ministerium für Volksbildung der DDR. Sie übernahm die Leitung einer Sonderkommission, die damit beauftragt war, im ganzen Land Bibliotheken eigens für Kinder zu gründen. Da sie jedoch die Schriftstellerei und die Arbeit im Ministerium zeitlich nicht vereinbaren konnte, schied sie „aus persönlichen Gründen“ bereits 1952 dort aus und arbeitete fortan als freischaffende Autorin.

Bei Kinderbibliotheks-Eröffnungen trat sie mangels Büchern als Märchenerzählerin auf; Kinder wie Erwachsene waren so begeistert, dass sie immer öfter als Märchenerzählerin zu Veranstaltungen eingeladen wurde, als die sie bis zu ihrem Tod am 14. Juni 1975 bekannt und beliebt blieb.

Donnerstag, 7. Mai 2026

Edith Holden: Vom Glück, mit der Natur zu leben - Das Tagebuch der Edith Holden. Naturbetrachtungen aus dem Jahre 1906

Buchinfo
"Dieses Buch ist eins der bezauberndsten Bücher, das ich je in der Hand hatte...
Der Text und die ausgesuchten liebenswerten Gedichte führen den Leser und Betrachter ruhig und gelassen beobachtend durch ein ganzes Jahr in der Natur." 

Hannelore (Loki) Schmidt

Flora und Fauna ihrer englischen Heimat im Wandel der Jahreszeiten: Alles, was Edith Holden auf ihren Spaziergängen und Wanderungen beobachten konnte, hat sie sorgfältig niedergeschrieben, ihre Lieblingsgedichte und Sprüche zur Jahreszeit hinzugesetzt, die Monatsnamen erläutert, vor allem aber ihre Eintragungen mit eigenen Aquarellen von Pflanzen und Tieren illustriert: Vögeln, Schmetterlingen, Bienen, Blumen und Kräutern.

Blatt für Blatt zeugt von ihrer Liebe zur Natur und ihrer Begabung, das Erlebte empfindungsreich zu vermitteln.

Leseprobe
April
Der Name dieses Monats ist abgeleitet vom griechischen Wort für "Öffnung". In vielen Ländern Europas gibt es seit langem einen witzigen Brauch, der an den ersten April gebunden und dessen Ursprung nie befriedigend geklärt worden ist: Einen ahnungs- oder arglosen Menschen "in den April zu schicken", ist das allgemeine Anliegen an diesem Tage.
In England nennt man das Opfer eines solchen Spaßes einen "Aprilnarren". In Schottland sagt man, daß der Nasgeführte "den Kuckuck jagt", und in Frankreich heißt er "poisson d'Avril", Aprilfisch. 



dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Aus dem Englischen von Anneke Lüders-Knegtsmans
1. Auflage März 1982
ISBN-10 ‏ : ‎ 342301766X
Originaltitel ‏ : ‎ The Country Diary of an Edwardian Lady
 

Edith Holden

Foto: Winterbeeren: Privet, Hips und Haws von Edith Holden's Die Phenologie der englischen Midlands nach Monat, 1905-1906


Die Künstlerin Edith Blackwell Holden (26. September 1871 - 15. März 1920, der Name Blackwell ehrt die Ärztin Elizabeth Blackwell) besuchte eine Kunstschule und war tätig als Buchillustratorin. Sie spezialisierte sich auf die Malerei von Tieren und Pflanzen. Sie lebte mit der Familie in Olton, einem kleinen Ort in Warwickshire, wo ihr Tagebuch "Vom Glück, mit der Natur zu leben" entstand.

Von 1906-1909 war Holden Lehrerin an der Solihull School for Girls. Für den Unterricht gestaltete sie ihre "Naturnoten für 1906". Dann war sie tätig als Illustratorin. Sie lieferte die Zeichnungen für die vier Bände, 1907-10, von The Animal's Friend, einer Zeitschrift des National Council for Animals' Welfare, und eine Reihe von Kinderbüchern, darunter "The Three Goats Gruff".

1911 heiratete sie den sieben Jahre jüngeren Bildhauer Ernest Smith. Die Ehe blieb kinderlos. Das Paar zog nach London, wo Holden Hauptassistentin von Gräfin Feodora Gleichen wurde. Im Atelier der Gräfin kam das Paar mit führenden Künstlern wie Sir George Frampton, Bildhauer der Statue von Peter Pan in Kensington Gardens, und königlichen Besuchern wie König Faisal von Arabien zusammen.

Edith Holden blieb weiterhin als Illustratorin tätig. Ihre Zeichnung mit dem Titel Young Bears Playing wurde 1917 in der Royal Society of Arts ausgestellt.
Im März 1920 stürzte Edith Holden beim Sammeln blühender Kastanienzweige in die Themse und ertrank.

Von 1890-1907 wurden ihre Zeichnungen von der Royal Birmingham Society of Artists und von der Royal Academy of Arts in den Jahren 1907 und 1917 ausgestellt.

Berühmt wurde Holden erst 1977, als ihre "Nature Notes für 1906" unter dem Titel "The Country Diary of an Edwardian Lady" posthum veröffentlicht wurde. Eigentlich waren ihre saisonalen Beobachtungen nie für die Öffentlichkeit gedacht. 


Bücher
Vom Glück, mit der Natur zu leben - Das Tagebuch der Edith Holden. Naturbetrachtungen aus dem Jahre 1906 

 

Jens Andersen: Astrid Lindgren. Ihr Leben

Die Biografie hat sich einfach wunderbar gelesen. Da ich mich mit der Person Lindgren noch nie näher beschäftigt habe, erfahre ich hier natürlich viel Neues.

Nicht so sehr über ihre Kindheit, sondern mehr über ihre Jugend. Über ihre Männer, die Geburt des Sohnes Lasse und wie das überhaupt damals so war in Schweden mit alleinstehenden Frauen, die Kinder bekamen. Und vor allem, wie es für Lasse war, der ja nach der Geburt nicht bei der Mama bleiben konnte.

Das Buch ist gespickt mit vielen Fotos und vielen Briefausschnitten an die Familie und Freunde. Sie hat sich regelmäßig Notizen gemacht über das Aufwachsen ihrer Kinder.

So richtig mit dem Bücher schreiben hat Astrid Lindgren erst mit ungefähr 35 Jahren begonnen. Zuvor arbeitete sie als Volontärin bei der Ortszeitung Vimmerby Tidning. Dort lernte sie das Journalistenhandwerk und Reinhold Blomberg, den Eigentümer und Chefredakteur der Zeitung, kennen. Sie weigerte sich aber, ihn zu heiraten. Die ersten drei Jahre musste sie ihren Sohn Lasse in eine Pflegefamilie geben, was ihr schier das Herz brach. Doch dann zogen die beiden nach Stockholm, wo sie in einem Zimmer lebten, bis Astrid ihn zu ihren Eltern nach Näs bringen konnte. Ein letztes Mal umziehen musste der kleine Mann dann, als Astrid Sture Lindgren kennenlernte und sie beschlossen, zu heiraten. Am 21. Mai 1934 wurde ihre Tochter Karin geboren.

Astrid arbeitete für den Kriminologen Harry Söderman als Sekretärin; durch seine Vermittlung wurde sie "1940 vom schwedischen Geheimdienst als 'Kontrolleurin' eingestellt - eine Geheimtätigkeit in der Abteilung für Postzensur im Stockholmer Zentralpostamt". Hier dachte sie eher wirtschaftlich, da sie unbedingt in eine größere Wohnung ziehen wollte. Durch das Lesen der Briefe war sie allerdings auch viel näher dran am Krieg.

Nach dem Krieg sah Astrid einen Hoffnungsschimmer, wenn sie an die Kinder und Jugendlichen von morgen denkt. Sie geht leise davon aus, dass diese Kinder glücklicher aufwachsen und so eine humanere und großzügigere Generation heranwächst. Eine, die sich gegenseitig das Leben gönnt.

Ich glaube, wenn Astrid Lindgren heute noch leben würde, wäre sie erschüttert, was Kinder heute wieder bzw. immer noch erleben und erleiden müssen.

1944 reichte Astrid ein Manuskript über "Pippi Langstrumpf" beim Verlagshaus Albert Bonniers Förlag ein, von dem sie abgewiesen wurde. Albert Bonnier sollte das auf immer und ewig bereuen.

Warum? Das lest selbst. Lernt Astrid Lindgren und ihre Familie und Freunde kennen. Sie war so viel mehr als "nur" eine Kinderschriftstellerin. Sie war Humanistin, Zivilisationskritikerin, politische Aktivistin.

Zum Abschluss möchte ich aber dann doch noch ein Zitat von Astrid Lindgren bringen und eine Bresche für das Buch schlagen:

"Es gibt keine Medien, die das Buch als Nährboden der Fantasie ersetzen können. Die heutigen Kinder schauen Filme, hören Radio und sehen fern, lesen Comics - das alles kann sicherlich amüsant sein, hat aber nichts mit der Fantasie zu tun. Ein Kind allein mit seinem Buch schafft sich irgendwo in den heimlichen Räumen der Seele seine eigenen Bilder, die alles andere übertreffen. Diese Bilder sind notwendig für den Menschen. An dem Tag, an dem die kindliche Fantasie nicht mehr imstande ist, sie zu erschaffen, an dem Tag wird die Menschheit ärmer."

Wenn ihr mehr über Astrid Lindgrens Eltern erfahren wollt und über ihre eigene glückliche Kindheit auf Näs, dann empfehle ich euch das Buch "Das entschwundene Land".

Meiner Meinung nach kann man sich die Geldausgabe für "Astrid Lindgren" von Sybil Gräfin Schönfeldt sparen, da da sehr viele Zitate aus dem "entschwundenen Land" auftauchen.


Pantheon Verlag
10. Auflage 2017
448 Seiten
ISBN-10: ‎3570553523
ISBN-13: ‎978-3570553527
Originaltitel: ‎Denne dag, et liv. En Astrid Lindgren-biografi 

Mittwoch, 6. Mai 2026

Julia von Brencken: Anemonen pflückt man nicht

Uneingeschränkte Freiheit des Handelns gibt es nicht.
Die Bedingungen unserer eigenen Natur, alle Bande,
die uns an andere knüpfen, sind Beschränkungen
der individuellen Freiheit. Frei ist nur, wer die notwendigen
Fesseln anerkennt und dadurch in dem Allerheiligsten
seiner Seele nicht gestört wird.

     Malwida von Meysenbug

Malwida von Meysenbug wurde als Malwida Rivalier am 28. Oktober 1816 in Kassel geboren. Sie war das neunte von zehn Kindern. Ihr Vater, der Hofbeamte Carl Rivalier, wurde 1825 mit Namensmehrung durch von Meysenbug in den erblichen kurhessischen Adelsstand erhoben. Somit wurde Malwida geadelt und stieg in den Rang einer Freiin auf.
Als ihr Bruder im Säuglingsalter starb, kamen erste Zweifel an Gott in ihr auf:

"Segen strömte aus der Machtvollkommenheit eines gütigen Gottes, wußte Malwida, wenn es sich ihr auch einfacher darstellte. Wie aber konnte der gleiche Gott einen Tag wie den heutigen zulassen? Hatte Gott zwei Gesichter, mußte man, statt ihm grenzenlos zu vertrauen, doch besser ein wenig auf der Hut sein vor diesem Gott?"

Fast neunjährig, wurde Malwida zu Hause unterrichtet. Und sie war eine begierige Schülerin. Lesen und Schreiben beherrschte sie längst, dazu kamen

"Französisch zum Lehrplan, ohne es dabei mit Grammatik und Orthographie allzu genau zu nehmen, Historie, soweit sie sich im Lernen von Jahreszahlen erschöpft, und Geographie kaum über die Grenzen des Landes hinweg. Das Fach Religion übernahm ein Geistlicher gesetzten Alters, der sich durch Zwischenfragen nicht erschüttern ließ, statt dessen aber fehlerfreies Hersagen von Sprüchen und getragenen Liedtexten forderte. Blieben noch Tanz und Handarbeit..."

Doch Malwida erhoffte sich vom Unterricht "Einblick in Literatur und Geisteswissenschaft, systematisches Durchnehmen und Kennenlernen der Werke und Namen von Gottsched bis Goethe" - jedoch hoffte sie darauf vergeblich. Ihren Lesehunger stillte sie heimlich in Mamas Bibliothek.

Als Kurfürst Wilhelm II., für den Malwidas Vater tätig war, wegen Unruhen auf Reisen ging, musste der Vater ihn begleiten. Das wiederum belastet die Ehe der Eltern. Bis die Mutter darauf bestand, dass die Familie ihm folgte. Was doch sehr beschwerlich war, da sie nie lange an einem Ort blieben.
1832 kam von Kammerherr Funck von Senftenau, den die heißgeliebte Schwester Louise geheiratet hat, der Vorschlag, nach Detmold zu kommen.
Hier wurde sie konfirmiert und galt nun als erwachsen, was ihr einige Freiheiten erlaubte. So langsam überlegte sie, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Einen ersten Heiratsantrag, den sie mit zwanzig bekam, schlug sie aus.

"Noch biegsame und empfängliche Naturen, in die Form einer Ehe gegossen, nehmen Gestalt nach dem Diktat eines anderen an und bleiben abhängige Geschöpfe, die durch die Augen dieses anderen sehen, ja nach dessen Willen handeln." 

Mit dem Tod ihrer geliebten Schwester Louise war trotz der Entfremdung der letzten Jahre ihre Kindheit dahingegangen.

Nach einer unglücklichen Liebe kam bald ein Brief vom Vater, der sich fünf Monate freistellen ließ, und die Familie zog nach Potsdam. Hier nahm Malwida Unterricht beim Landschaftsmaler Carl Morgenstern.
Nach einiger Zeit begannen die Leute zu reden. Wie sie rumlief, mit diesem Malerkittel, und immer alleine mit dem Mann im Atelier, was da passieren könnte. Wenn es der Alte wäre, aber der Junge, im heiratsfähigen Alter. Doch Malwidas Eltern vertrauten ihr.

Bis zu dem Tag, als der Vater wieder zum Fürsten muss, und die Frauen wieder zurück nach Detmold sollen.

Nach einer Predigt von Theodor Althaus gründete Malwida mit ihrer Schwester Laura einen Verein der Arbeit für Arme. In diesem Verein sollten Kleider, Strümpfe, Schürzen und Ähnliches hergestellt werden, die dann an Arme verteilt werden. Es begann schleppend, doch nachdem die ersten Produkte hergestellt und bedürftigen Familien übergeben wurde,

"setzte geradezu eine Flut von Nachfragen um Mitgliedschaft ein. Unter den Töchtern der Detmolder Gesellschaft galt es als unabdingbar, dem Verein beizutreten, ja jede wollte der anderen zuvorkommen".

Malwida, inzwischen 29 Jahre, hatte noch kein eigenes Leben - sprich, sie war noch nicht verheiratet. Doch sie liebte den Theologiestudenten Theodor Althaus. Er kam so oft wie möglich in ihr Elternhaus, sie schrieben sich Briefe. Darin ging es aber weniger um ihre persönliche Beziehung, als viel mehr um Fragen der Religion, der Politik und vor allem sozialer Belange.
Als er doch persönlicher und liebevoller in seinen Briefen wird, verweigert sich Malwida ihm als Frau. Er ist einige Jahre jünger als sie, noch Student, könnte keinen eigenen Hausstand gründen. Und eine Verbindung käme ja in ihren Kreisen nur durch eine Heirat infrage. Nach einiger Zeit fügt er sich. Ihnen fehlte auch die Möglichkeit, sich in der Hinsicht auszusprechen. Sie sahen sich zwar fast täglich, doch es war ständig eine Anstandsperson dabei.

Durch den Umgang mit Theodor Althaus entwickelte sich immer mehr ihr aufklärerisches Gedankengut. Sie regte sich maßlos auf, wenn ein "Sachverhalt unlogisch motiviert war und zudem darauf abzielte, einen Menschen oder eine Gruppe von Menschen zu verletzen. Diese Eigenschaft Malwidas sollte ihr Leben lang die treibende Kraft zu all ihren Handlungen bleiben".
Das brachte ihr aber mehr und mehr Probleme ein. Familienmitglieder mieden und distanzierten sich von ihr. Ganz besonders diejenigen, die in fürstlichen Diensten standen, wie zum Beispiel ihr Bruder Carl.

Doch dann nahm das Leben eine Wendung: Theodor beschloß, nach Leipzig zu gehen. Kurfürst Wilhelm II. starb und Malwidas Vater kehrte - müde und krank - zur Familie zurück, die nach Frankfurt zog.
So trennten sich die Liebenden und Malwida nahm Theodor das Versprechen ab, dass er ehrlich zu ihr sein sollte, falls er eine andere Frau kennenlernen sollte.

1847, Malwida ist 31 Jahre, stirbt der Vater. Außer ein paar Kleinigkeiten ist kein Erbe vorhanden. Nichts, von dem man leben könnte - weder für die Töchter noch für die Söhne. Die Witwe hofft auf eine fragliche Pension. Während die Brüder die jungen Frauen verheiraten wollen, begehren Laura und Malwida auf. Malwida sucht sich lieber einen Broterwerb, was den Bruch mit den Brüdern zur Folge hat. Nach einigem Überlegen steht fest: Sie möchte Erzieherin werden. So kann sie auch die Mutter unterstützen.

Sie kam mit sozialistischen Kreisen zusammen, trat für Frauenemanzipation ein, unterstützte die Märzrevolution von 1848 und nahm als Zuschauerin am Vorparlament in der Frankfurter Paulskirche teil.
Und dann plötzlich mussten die Frauen wieder nach Detmold zurück. Das Geld reichte in Frankfurt nicht mehr zum Leben. Im Detmolder Pfarrhaus erfuhr Malwida dann auch, warum sie immer weniger Briefe von Theodor erhielt. Er hatte eine andere Liebe gefunden.
Nachdem sie in Detmold von der Gesellschaft geschnitten wurde, fuhr Malwida zu einer Freundin nach Berlin, unglücklich darüber, dass immer noch ihr Bruder über ihr Leben zu entscheiden hatte. In Berlin erlebte sie die Niederschlagung der Revolution mit, musste die Stadt verlassen und kam bei Theodors Großvater in Potsdam unter.

Ab 1850 studierte Malwida an der Hamburger Hochschule für das weibliche Geschlecht, um Erzieherin zu werden. Auch hierfür brauchte sie wieder die Erlaubnis der Familie, was der 33-Jährigen wie eine Schmach erschien. Hier kam sie mit dem Ehepaar Johanna und Karl Friedrich Fröbel zusammen. An der Hochschule lernte sie nicht nur, sondern war bald selbst Lehrerin für andere junge Mädchen.
Als Malwida einen Antrag bekam, lehnte sie ab, weil die Familie dagegen war. Es war wie ein Zwiespalt: "Malwidas Geist, ihre Ideen und Überzeugungen waren modern und fortschrittlich, ihr innerer Mechanismus aber noch in den Vorstellungen ihrer Generation und ihrer Klasse befangen."

Hier lernte sie auch Carl Schurz - ein radikaldemokratischer Revolutionär - kennen, der mal seinen Eindruck über Malwida beschrieb:

"Sie sah zwar älter aus, als sie wirklich war, und die Natur hatte sie ihrem Aussehen nach nicht gerade begünstigt, aber sobald man mit ihr Freund war, vergaß man ihr Äußeres schnell. Das eifrige Interesse, mit dem sie alle Ereignisse verfolgte, ihre große Belesenheit und ihr Mut, sich auf dem politischen Felde zu behaupten, sprachen mich besonders an.
Ein fast ungestümer Enthusiasmus für alles Schöne und Edle beseelte sie, was sie zuweilen zu einer strengen Richterin über das Frivole machte. Dabei aber war ihr Wesen so einfach und anspruchslos, ihre Herzensgüte so unerschöpflich, daß jeder, der sie näher kennenlernte, nicht umhin kam, sie auf das höchste zu achten."


Im Frühjahr 1852 schloss die Frauenschule und Theodor Althaus, mit dem Malwida weiterhin befreundet blieb, starb am 2. April des Jahres. Den Jahreswechsel hatte sie an seinem Krankenbett verbracht.
Malwida ging nach Berlin, wo sie sich immer politischer betätigte. Sie nahm kein Blatt vor den Mund und berichtete auch nach Hamburg. Sie mochte den Gerüchten, die besagten, dass Briefpost stichprobenartig von den preußischen Polizeiorganen geöffnet und geprüft würden, nicht glauben. Doch bei der amtlichen Behörde gab es eine Akte über sie, die immer dicker wurde. Sie missachtete alle Warnungen von Freunden und Bekannten. Und wurde tatsächlich vorgeladen und einem Verhör unterzogen. Man riet ihr, die Stadt zu verlassen, um keinen weiteren Ärger zu bekommen. Nach einem Gespräch mit den engsten Freunden entschloss sie sich, nach England zu gehen.

Von nun an war sie Flüchtling, sobald sie an Bord war, schrieb sie einen Brief an die Familie:

"Diesmal gehe ich, ohne euch um Erlaubnis zu bitten. Ich brauche sie nicht mehr. Ich gehe als Flüchtling, als Verstoßene aus einer Heimat, die mich und mein Anliegen nicht verstehen will.
      Eure Tochter und Schwester Malwida."


In London traf sie Carl Schurz wieder und lernte unter anderen Gottfried und Johanna Kinkel, Therese Pulszky und Alexander Herzen kennen. Schon bald erzog sie mit mütterlicher Wärme die beiden Töchter Olga (1844–1912) und Natalie (1844–1936). Auch mit seinem Sohn Alexander Alexandrowitsch verstand sie sich gut.
Sie traf Richard Wagner, der schlecht gelaunt war, in Paris wieder, wohin sie fuhr, weil sie durch eine Meinungsverschiedenheit nicht mehr im Hause Herzens bleiben konnte. Über Wagner kam sie in Kontakt mit der Philosophie Arthur Schopenhauers, welche sie – in eigener Interpretation – für sich selbst übernahm.
Malwida lebte sich ein in Paris und sie fühlte sich hier wohl. Traurige Erinnerungen konnte sie vergessen und neue Eindrücke sammeln. Sie arbeitete, schrieb Artikel und Essays und war mittlerweile finanziell unabhängig. Doch dann kam ein Brief von Herzen: Die Mädchen würden sie vermissen, sie möchte doch bitte nach London zurückkommen. Bei Natalie merkte Malwida, dass sie nicht mehr viel ausrichten konnte, aber für Olga konnte sie wieder die Mutterrolle übernehmen. Wegen der Gesundheit zog es Malwida wieder in den Süden und Herzen erlaubte, dass Olga mit ihr reisen durfte. Die beiden hielten sich 1860/61 in Paris auf. Dann vertrug Malwida auch dessen Witterung nicht mehr. Zusammen mit Olga und nun auch Natalie ging es nach Italien. Schon bald sollte Natalie wieder nach Hause. Sie war alt genug, in die Gesellschaft eingeführt zu werden. Malwida akzeptierte das, aber sie war der tiefen Überzeugung,

"... daß keineswegs wie bisher der Gedanke an die Ehe den jungen Gemütern um jeden Preis eingepflanzt und als einziges Lebensziel für die Frau hingestellt werden muß! Diese unheilvolle Ansicht, die die meisten Mütter noch vertreten, muß unbedingt aufgehoben werden. Das Mädchen muß so gut wie der Knabe von klein auf seine Fähigkeiten entwickeln können, danach streben dürfen, aus sich ein möglichst vollkommenes und umfassendes Wesen zu machen. Wieviel häßliche Täuschung und auch Selbsttäuschung, wie sie jetzt oft den jungen Mädchen gelehrt werden, würden damit wegfallen. Wieviel Unglück als Folge konventionell geschlossener Ehen würde vermieden werden! Kommt dem entwickelten Charakter, dem gereiften, in sich ruhenden Wesen, die wahre Liebe als Krone des Lebens hinzu - nun wohl dem Glücklichen! Eine Ehe aber, in das ein Mädchen aus Vorurteil und schierem Brauchtum gestürzt wird, kommt der Prostitution gleich."

1869 erschien anonym und erfolgreich der erste Band ihrer persönlichen Memoiren, zunächst auf französisch; nach einer erweiterten Übersetzung erschienen 1875 und 1876 auch ein zweiter und dritter Band.
Nach 18-jähriger Freundschaft verlor Malwida Alexander Herzen an den Tod. Auf ihre Weise hatte sie den Mann geliebt. Er "aber hat auf mehr als vierhundert Druckseiten seiner Lebenserinnerungen Malwida von Meysenbug nicht ein einziges Mal erwähnt". 
Olga heiratete und ging mit ihrem Mann nach Paris. So war Malwida nun wieder alleine. Ganz passend kam da eine Einladung von Richard Wagner und so zog sie 1873 nach Bayreuth. Ein Jahr später, Malwida war mittlerweile 58 Jahre alt, musste sie der Gesundheit wegen nach Italien. Sie lud oft junge Künstler und Schriftsteller zu sich ein, so etwa Nietzsche (dessen Gönnerin und Freundin sie wurde und blieb) und Paul Rée 1876/1877 nach Sorrent. Auch Lou von Salomé wurde von ihr und Rée mit Nietzsche bekanntgemacht.

Malwida hat inzwischen das "hohe Alter" von 63 Jahren erreicht. Was sie erreichen wollte, als sie ihr Elternhaus verließ, hat sie geschafft:

"Selbständigkeit, Bewährung, Unabhängigkeit, und damit das Wunder einer Frau ihrer Zeit. Seit zwanzig Jahren lebte sie von den Früchten ihrer Feder, seit drei Jahren von den reichlich fließenden Tantiemen ihrer ,Memoiren einer Idealistin' und seit April 1879 von ihren bei Reißner in Leipzig erschienenen ,Stimmungsbilder'."

Sie brachte sich Ludwig Sigismund Ruhl in Kassel in Erinnerung und ein Briefwechsel begann, der bis zu Ruhls Tod anhalten sollte.
Die Bekanntschaft mit der erst 20jährigen Lou von Salomé ist dagegen nicht von Sympathie getragen. Malwida war zwar eine Verfechterin geistiger Freiheit, dennoch war sie in den Grenzen konventioneller Erziehung aufgewachsen, deren übliche Schranken Lou verachtete.

1885 erschien, wieder bei Reißner in Leipzig, ihr Roman "Phädra" in drei Teilen. Ebenfalls wieder mit Erfolg.

In Alexander von Warsberg hatte Malwida einen Freund gefunden. Für sie war die Verbindung mit ihm eine Freundschaft, "die wie ein heller Lichtschein auf meinen Weg fällt, der sich dem letzten Ziele nähert".  - Warsberg starb am 28. Mai 1889.
In diesem Jahr lernte Malwida den 50 Jahre jüngeren Romain Rolland kennen, der ihr letzter Vertrauter wurde. Sie ermöglichte dem jungen Mann, sein Klavierspiel zu üben. So trafen sie sich wöchentlich mehrmals und freundeten sich an. Rolland drückte es später so aus: "Der Freund, der dich versteht, erschafft dich. In diesem Sinne bin ich von Malwida erschaffen worden." 
Leider war er nicht anwesend, als Malwina ihren letzten Weg ging.

Malwida von Meysenbug starb am 26. April 1903 in Rom.


Salzer, 1995
349 Seiten
ISBN-10: ‎3793603385
ISBN-13: ‎978-3793603382
 

Herward Sieberg: Die Dichterin Irene Forbes-Mosse: Enkelin der Romantik in stürmischen Zeiten

Georg Olms Verlag
1. Auflage, 2022
3487161370
978-3487161372 


Buchinfo

Die deutsche Dichterin Irene Forbes-Mosse (1864–1946) war vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und während der Weimarer Republik eine angesehene Schriftstellerin, die durch mehrere Gedichtbände, einige Romane und zahlreiche Novellen beim anspruchsvollen Lesepublikum hohe Wertschätzung erlangte. Zu ihrer Bekanntheit trug bei, dass sie als Nachfahrin ihrer berühmten Großeltern Achim und Bettine von Arnim deren geistiges Erbe verwaltete. Wiederholt hat man sie in der Presse als „Enkelin der Romantik“ gerühmt, zumal sich in vielen ihrer Gedichte und manchen Prosastücken romantische Anklänge finden. Ende der 1920er Jahre machte Irene Forbes-Mosse die Schweiz zu ihrer Wahlheimat. Nach 1933 hat sie deutschen Boden nie wieder betreten. Während der NS-Diktatur wurde es still um sie. In grenzenloser Borniertheit nahm man Anstoß an ihrem Namen, den sie, eine gebürtige Gräfin Flemming, seit ihrer Heirat mit einem englischen Offizier trug. Das Fehlen jeglicher Publizität bewirkte, dass Irene Forbes-Mosse fast ganz in Vergessenheit geriet. Der Autor Herward Sieberg hat bereits eine umfangreiche Biographie über Irenes ältere Schwester vorgelegt, die Schriftstellerin und Diplomatenfrau Elisabeth von Heyking. In seinem neuen Buch zeichnet er den Lebensweg der Dichterin Forbes-Mosse nach. Es geht um die Wiederentdeckung einer außergewöhnlichen Frau. Nicht allein ihr schriftstellerisches Werk ist bedeutsam. Von hohem Interesse sind auch ihre Korrespondenzen, in denen sie als engagierte Zeitzeugin die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen ihrer Epoche begleitete.

Montag, 4. Mai 2026

Margaret Goldsmith: Patience geht vorüber

Die US-amerikanische Schriftstellerin Margaret Goldsmith (4. Mai 1895 - 27. Juni 1970) schrieb ab 1928 sechs Romane und mehr als zwanzig Biografien und Sachbücher. Zudem übersetzte sie viele Bücher aus dem Deutschen ins Englische. In den 1930er Jahren deutsche Schriftsteller im Exil.

Buchinfo
Während im Frühjahr 1918 an der Front gekämpft wird, feiern Patience und Grete in einer kleinen Konditorei in Berlin ihr Abitur. Grete ist Sozialistin, Patience, deren englische Mutter aus adliger Familie stammt, gehört nirgends so recht dazu. 
So schwungvoll wie gelassen schildert Goldsmith in ihrem 1931 veröffentlichten Roman die Lebensentwürfe und Enttäuschungen ihrer sympathischen Hauptfigur Patience: Von der leidenschaftlichen Liebe zu Grete und der kurzen Ehe mit dem jungen Soldaten Joachim bis zum "neusachlichen" Umgang mit Beziehungen Ende der 1920er Jahre, der Arbeit als Journalistin zwischen Deutschland und England und der zweiten Karriere als Medizinerin. Aus dem Blickwinkel einer zwischen den Nationen stehenden "Outsiderin" entwirft Goldsmith dabei ein lebendiges Bild der deutschen und englischen Gesellschaften zwischen 1918 und 1930 - voller Humor und überraschend aktuell.

Buchbeginn
Damals war man eben noch sehr sentimental. Auch die jüngere Generation feierte alles: die Geburt eines strammen Jungen (zehn Pfund), Schulschluß, wenn man Oberregierungsrat wurde, nicht um sich sozusagen darüber lustig zu machen, sondern so richtig mit echtem Gemüt, beinah' wie vor dem Krieg, mit Tränen der Rührung, mit Händedruck und was dazu gehörte. Patience von Zimmern und Grete Linsenmeyer feierten ihr bestandenes Abiturexamen.


Herausgegeben und mit einem Nachwort von Eckhard Gruber
AvivA Verlag, 2020
224 Seiten
ISBN-10: ‎3932338944
ISBN-13: ‎978-3932338946