Das Cover ziert ein Selbstbildnis von Charlotte. Ernst schaut sie darauf aus. Ein schönes Leben hat sie aber auch nicht gehabt.
Als ich das Buch aufschlug, habe ich mich gewundert: Verse? David Foenkinos hat seine ganz eigene Art, über das Leben der Charlotte Salomon zu schreiben. Er erklärt es, und dann passt es auch. Ich empfinde jeden Satz wie in Stein gemeißelt. Keine Schnörkel. Nur, worauf es ankommt.
Zu Beginn erfahre ich, wie sich Charlottes Eltern kennengelernt haben. Als sie dann geboren wurde, bekam sie den Namen ihrer Tante Charlotte, Schwester ihrer Mutter, die von der Brücke ins eisige Wasser sprang und einen qualvollen Tod starb.
Als Charlotte neun ist, bringt sich ihre Mutter um, springt aus dem Fenster. Es liegt wohl in der Familie.
Das erste Weihnachtsfest ohne die Mutter. Charlotte spielt ein bisschen Theater, damit es nicht ganz so traurig ist.
Es ist 1930, der Vater lernt die Konzertsängerin Paula kennen und als er Charlotte eröffnet, dass sie heiraten werden, ist diese glücklich. Und mit Paula zieht Leben in die Wohnung. Kunst und Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Erich Mendelsohn oder Albert Schweitzer. Charlotte wird zur leidenschaftlichen Leserin: Goethe, Hesse, Remarque, Nietzsche und Döblin verschlingt sie regelrecht.
Doch sie hat keine Freunde. Nur Paula.
1933. Ein Jahr, bevor Charlotte ihr Abitur machen kann, muss sie die Schule verlassen. Der Hass gegen die Juden schlägt Wellen. Paula darf nicht mehr auftreten. Die vom Vater erbrachten medizinischen Leistungen werden nicht mehr abgerechnet. Bücher werden verbrannt.
Doch immer noch halten einige an dem Glauben fest, dass alles schnell vorbei geht. Doch Charlotte, jung wie sie ist, glaubt nicht daran.
"Das sind nicht ein paar Spinner, das ist ein ganzes Volk.
Das Land wird von einer gewalthungrigen Meute regiert."
In dieser Zeit entdeckt Charlotte ihre Liebe zur Malerei. Die Großeltern nehmen sie mit nach Italien, wo sie die Berufung zur Künstlerin spürt.
Zurück in Deutschland holt sie die Wirklichkeit ein. Die Großeltern verlassen das Land.
Warum glauben so viele zu dieser Zeit immer noch, dass alles gut wird?
Charlotte schafft es, an der Staatsschule für Freie und Angewandte Kunst zu studieren.
Und dann erfahren wir vom Autoren, wie er Charlotte gefunden hat. Und wie er gegrübelt hat, über sie zu schreiben:
"Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
Notizen über Notizen, jahrelang.
Ich blätterte dauern in meiner Ausgabe von Leben? Oder Theater?
Charlotte fand in meinen anderen Romanen Erwähnung.
Ich saß immer da und wollte dieses Buch schreiben.
Aber wie?
Durfte ich selbst darin vorkommen?
Konnte ich aus Charlottes Geschichte einen Roman machen?
Welche Form sollte das Ganze annehmen?
Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich verspürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.
Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste."
Die Lage wird immer brenzliger. Kristallnacht. Der Vater wird abgeholt. In ein Lager gebracht und kommt nach Wochen wieder nach Hause. Paula kennt noch einige Leute, die ihr wohlgesonnen sind. Doch er ist kaum mehr zu erkennen.
Charlotte soll zu den Großeltern nach Frankreich. Sie brauchen lange, um sie zu überzeugen. Und sie gibt nur widerstrebend nach und verlässt das Land und ihren Liebsten Albert.
Doch auch in Frankreich marschiert der Feind ein. Um nicht verrückt zu werden, malt Charlotte. Malt ihr ganzes Leben. Und dann, bevor es zu spät ist:
"Nun steht Charlotte vor Moridis' Tür.
Sie läutet.
Der Doktor selbst macht ihr auf.
Ah... Charlotte, sagt er.
Sie erwidert nichts.
Sie schaut ihn an.
Und hält ihm ihren Koffer hin.
C'est toute ma vie, sagt sie schließlich."
Mordis haben wir es zu verdanken, dass wir diesen Satz kennen.
C'EST TOUTE MA VIE.
Das ist mein ganzes Leben.
Charlotte lernt Alexander kennen. Eine neue Liebe? Sie wächst nur sehr langsam. Und sie wird schwanger.
Die beiden heiraten und leben in der Villa L'Ermitage. Doch sie werden denunziert. Ein Anruf bei einem der grausamsten SS-Männer, Alois Brunner, ging ein und verrät die junge deutsche Jüdin.
"Der Lastwagen fährt leise vor.
Die Soldaten haben die Scheinwerfer abgeblendet.
Dann betreten sie von zwei Seiten den Garten.
Charlotte kommt gerade aus dem Haus.
Sie läuft den Soldaten regelrecht in die Arme.
Die Männer greifen zu, packen Charlotte am Arm.
Sie schreit aus vollem Hals.
Schlägt um sich, will weglaufen.
Einer der Männer zieht sie heftig an den Haaren.
Und tritt sie in den Bauch.
Charlotte fleht um Gnade, sie sei doch schwanger.
Ich bitte Sie, lassen Sie mich gehen.
Den Männern ist das vollkommen egal."
Eingepfercht in einem Zug kommen Charlotte und Alexander in dem Durchgangslager Drancy an, dem Wartezimmer des Todes.
Dann müssen sie wieder in einen Zug. Drei Tage später sind sie am Ziel. Über einem Eingangstor ist zu lesen: Arbeit macht frei.
Bei der Registrierung werden Charlotte und Alexander getrennt. Alexander bricht nach drei Monaten tot zusammen.
Für Charlotte bleibt der Weg in die Duschbäder.
Und ich? Ich sitze hier und weine und weiß nicht, wohin mit meiner Wut.
Aber Charlotte hat ein Platz in meinem Herzen.
Buchinfo
"Das ist mein ganzes Leben" - mit diesen Worten übergibt Charlotte einem Vertrauten 1942 einen Koffer voller Bilder. Sie sind im französischen Exil entstanden und erzählen, wie sie als kleines Mädchen nach dem Tod der Mutter das Alleinsein lernt, während sich ihr Vater, ein angesehener Arzt, in die Arbeit stürzt. Dann die Jahre, in denen das kulturelle Leben wieder Einzug hält bei den Salomons, mit der Stiefmutter, einer berühmten Sängerin; man ist bekannt mit Albert Einstein, Erich Mendelsohn, Albert Schweitzer. Charlotte beginnt zu malen, und es entstehen Bilder, in denen das einzelgängerische, verträumte Mädchen sein Innerstes nach außen kehrt, Bilder, die von großer Begabung zeugen. Doch 1933 ergreift der Hass die Macht, und bald ist in Charlottes Leben nichts mehr, wie es einmal war.
Buchbeginn
An einem Grabstein lernt Charlotte ihren Namen lesen.
Es hat also schon eine andere Charlotte vor ihr gegeben.
Ihre Tante, die Schwester ihrer Mutter Franziska.
Charlotte und Franziska waren ein Herz und eine Seele.
Bis zu einem Abend im November 1913.
Die beiden Schwestern singen, tanzen und lachen zusammen.
Sie treiben es nicht allzu wild.
Es geht bei diesen Glücksbestrebungen gesittet zu.
Das hat vielleicht auch mit der Persönlichkeit des Vaters zu tun.
Einen Kunst- und Antiquitätenliebhaber, einem steifen Intellektuellen.
Er hat nichts anderes als römische Staubkörner im Sinn.
Die Mutter ist von eher sanftmütiger Natur.
Doch in ihrer Sanftmut liegt etwas Trauriges.
Ihr Leben war eine einzige Aneinanderreihung von Katastrophen.
Davon wird wohl besser später die Rede sein.
Samstag, 4. April 2026
David Foenkinos: Charlotte
Freitag, 3. April 2026
Emily Brontë: Die Sturmhöhe
Vor Jahrzehnten sah ich nachts mal eine Schwarz-weiß-Verfilmung, ohne zu wissen, dass es sich um eine Literaturverfilmung handelte.
Es ist eine sehr düstere Geschichte, brutal und irgendwie am menschlichen Abgrund. Der einzig positiv denkende Mensch ist Ellen, die Erzählerin.
Aber obwohl es so deprimierend ist, war ich trotzdem gefangen von der Geschichte und wartete auf den Hoffnungsschimmer, der am Ende noch kommen sollte. Er hat sich dann zwar noch eingestellt, aber zu welchem Preis. Wie viele Menschen wurden erniedrigt, unglücklich gemacht.
Buchinfo
In der Abgeschiedenheit der rauen Moorlandschaft Yorkshires spielt sich das Drama zwischen dem zügellosen und aufbrausenden Heathcliff und der willensstarken und temperamentvollen Catherine ab, die sich über Stand, Moral und Zeit hinweg lieben und sich in einen unaufhaltsamen Strudel aus Leidenschaft und Zerstörung reißen.
Wild, düster, leidenschaftlich: Bis heute ist Emily Brontës zeitlose Liebesgeschichte – im Original Wuthering Heights – eines der mitreißendsten und weltweit meistgelesenen Werke der englischen Literatur.
Buchbeginn
1801. Ich bin gerade von einem Besuch bei meinem Gutsherrn zurückgekehrt - diesem einsamen Nachbarn, der mir zu schaffen machen wird.
Donnerstag, 2. April 2026
Tanja Kinkel: Wahnsinn, der das Herz zerfrisst
Erfahren habe ich aber erst in diesem Buch, warum Byron in Italien war oder sich auch ansonsten in seinen letzten Jahren im Ausland aufhalten musste: Er hatte eine Liebesbeziehung zu seiner Halbschwester Augusta. Und wenn ich mich recht erinnere, stand darauf im damaligen England die Todesstrafe.
Als er aus England floh, ließ er Augusta mit fünf Kindern zurück. Und was ihn mir absolut unsympathisch macht, ist, dass er seine Gefühle zu ihr in seinen Werken thematisierte, sodass Augusta in England einen ziemlich schweren Stand hatte.
Eigentlich werde ich bei Büchern, die mir besonders gut gefallen, am Ende immer langsamer mit dem Lesen, weil ich die Geschichte noch nicht verlassen möchte.
Hier war es das Gegenteil. Fast atemlos las ich dem Ende entgegen, um zu erfahren, was aus Augusta geworden ist.
Buchinfo
Seine Zeitgenossen umlagerten ihn, Goethe war von ihm fasziniert, und Chateaubriand beneiden ihn um Erfolg und Anerkennung. Sein Privatleben wurde von der sensationslüsternen Öffentlichkeit verfolgt. Aber nur von einem Menschen fühlte sich der berühmte englische Dichter Lord Byron wirklich verstanden: von seiner fünf Jahre älteren Halbschwester Augusta Leigh. Er liebte sie. Im puritanischen England war indessen kein Raum für diese Beziehung. Byrons Schicksal war eine unstete, lebenslange Wanderschaft durch Europa.
Buchbeginn
Zehn Tage vor ihrem Tod reiste Augusta Leigh mit dem Zug nach Brighton, um ihre Schwägerin Annabella zu besuchen. Augustas Tochter Emily, die dieses Zusammentreffen arrangiert hatte, stand dem Unternehmen mit großer Skepsis gegenüber. "Hältst du es wirklich für vernünftig, Mamee?" fragte sie, während sie ihre Mutter zum Bahnhof brachte. "Ich meine, glaubst du nicht, daß sie noch immer... noch immer..." Es war weder Emilys Art, ihre Sätze unvollendet zu lassen, noch hegte sie für gewöhnlich Zweifel an Dingen, die sie selbst eingefädelt hatte, so daß Augusta das Ausmaß ihrer Befürchtungen erkennen konnte.
Dienstag, 24. März 2026
Christian Grawe: "Darling Jane" - Jane Austen - Eine Biographie
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Buchinfo
Elizabeth Bennett, Emma und natürlich Mr Darcy – die Lieben und Leiden der Figuren aus Jane Austens Werken sind bekannt. Doch was weiß man über die Frau, die sie erschuf?
Die Biographie des Literaturwissenschaftlers und Austen-Experten Christian Grawe bietet eine lebendige Darstellung von Austens Leben und entwirft zugleich ein Gesamtbild des sozialen, politischen und literarischen Umfelds um 1800, das den Hintergrund der Romane bildet.
Buchbeginn
Erstes Kapitel
Steventon 1775-1801
Janes Lebenszeit (1775-1817) umfasst eine der ereignisreichsten und turbulentesten Epochen der europäischen Geschichte. In dieser Zeit wurde in Frankreich der Staat von 1789 bis 1799 durch die Revolution vollständig umgeformt und Europa durch Napoleons Herrschaft von 1799 bis 1815 in Krieg und Chaos gestürzt. Die politische Ordnung des europäischen Kontinents wurde erschüttert, die soziale vorübergehend infrage gestellt.
Zitate
"Es ist deshalb auch kein Wunder, dass ihre Romane gerade in der höheren Gesellschaft besonders geschätzt wurden, wie der Brief einer Mrs Pele bestätigt, den Jane Austen kopierte:
,Alle Werke Miss Austens zu lesen ist ein besonderes Vergnügen. Sie sind so offensichtlich von einer Gentlewoman geschrieben. Die meisten Romanschriftstellerinnen versagen und verraten sich bei dem Versuch, Familienszenen in der höheren Gesellschaft zu beschreiben; irgendeine Vulgarität schleicht sich immer ein und zeigt, dass sie nicht aus eigener Anschauung das kennen, was sie schreiben, aber hier ist es ganz anders. Alles wirkt natürlich, und die Situationen und Ereignisse werden auf eine Weise erzählt, die deutlich beweist, dass die Autorin zu der Gesellschaft gehört, deren Lebensart sie so gekonnt schildert.'"
"Ich wähle eine Heldin, für die niemand außer mir viel übrighaben wird."
Jane Austen über 'Emma'
Sonntag, 22. März 2026
Isidora Sekulic: Briefe aus Norwegen
Ausgewählte Texte aus den Jahren 1913 bis 1951
Aus dem Serbischen übersetzt und herausgegeben von Tatjana Petzer
3932109961
Buchinfo
Im Herbst 1913 reist Isidora Sekulic durch Norwegen. Die junge Autorin lässt sich von der Natur verzaubern: von den steilen Fjorden und endlosen Fjells, von der majestätischen Stille und den Lichtern des Nordens. Neben Gastfreundschaft und Geselligkeit erlebt sie die Melancholie und Einsamkeit in den entlegenen Winkeln des Landes, lernt das Wesen der norwegischen Kultur und Gesellschaft kennen.
Besonders beeindruckt ist Isidora Sekulic davon, wie selbstverständlich auch alleinstehende Frauen dazugehören - etwas, das sie in ihrer Heimat Serbien schmerzlich vermisst.
Buchbeginn
Oslo (Kristiana), Ende August [1913]
Vor langer Zeit lebte ein König namens Gylfi, und es geschah einmal, dass durch sein Land eine seltsame Frau zog, die ihn unterhielt und betörte mit ihren Zauberkünsten. Der König versprach ihr als Belohnung so viel Land, wie vier Ochsen an einem Tag und in einer Nacht umpflügen können.
Ich liebe es, wenn jemand auf schöne Weise über Maritimes schreiben kann. Wenn ich solche Zeilen lese, bekomme ich Fernweh, obwohl ich mich doch lieber auf Land befinde. Ja, am Meer bin ich gerne, aber es zieht mich in Wirklichkeit nicht hinaus. Und schon gar nicht, wenn ich diese Zeilen lese:
"Wir stachen in eine graue, kalte, träge und schwere See und starrten aufmerksam in das Gesicht dieses sozusagen bösen Wassers. Das sind keine geschmeidigen Wellen, die sich wiegen, fließen und schäumen; das sind starre Platten, die aufeinanderstoßen, herabstürzen und zerbrechen. Dieser Raum ist nicht mit Wasser gefüllt, dieser Raum ist mit Wasser gepflastert. Wenn die Flüssigkeit an einer Stelle doch aufschäumt, ist der Schaum hart und scharf wie Steinsplitter, aber am häufigsten sieht man helle, gerade und scharfe Kanten auf den starren Wellen, die vermutlich kalt wie Messer sind. Und wenn nur ein leichter, flinker Wind aufkommt, der die Oberfläche des Mittelmeers in winzige blaue Schüsselchen mit etwas rosa oder grüner Farbe am Grund aufwirbelt, schnellen hier, gepeitscht und heftig, kantige kleine Wellen empor, deren weiße, harte Spitzen wie Eiszacken aussehen. Vielleicht treibt und trägt auch dieses seltsame Wasser Schwerter und Messer mit sich, so wie der Strom Slidur aus dem nordischen Epos, aus den Versen der ,Edda'.
Freitag, 20. März 2026
Almudena Grandes: Die wechselnden Winde
Buchinfo
"Ein andalusisches Vom Winde verweht." (Cosmopolitan)
Als Sara Gómez sich für das Haus Nr. 31 in einer südspanischen Ferienanlage entscheidet, will sie fliehen, vor sich und vor ihrem Leben in Madrid. Auch Juan Olmedo, ihr neuer Nachbar, hütet ein dunkles Geheimnis: die große Liebe seines Lebens war Charo, die Frau seines Bruders. Nun ist Charo tot und für Juan hat das Leben keinen Sinn mehr.
Sara und Juan eint nichts als eine Vergangenheit, der sie zu entkommen hoffen. Doch vielleicht könnten sie gerade deshalb eine Zukunft haben.
Ein Roman über eine Liebe, wie sie sein muss. In einem Leben, wie es ist.
Buchbeginn
Als die Olmedos zu ihrem neuen Haus kamen, blies der Ostwind. Er blähte die Markisen, riss sie aus ihrem Aluminiumgestänge hoch, ließ sie wieder in sich zusammensacken, um sie sogleich erneut aufzublasen. Das unablässige Wallen klang dumpf und schwer wie der Flügelschlag eines Schwarms großer Vögel. Sobald der Wind einen Augenblick abflaute, war hier und da das Quietschen von rostigem Metall zu hören. Die Nachbarn holten eilig an ihren Häusern die identisch grünen Markisen ein. Juan Olmedo deutete das Kurbelgeräusch der Eisenstangen in den Ösen auf Anhieb richtig und dachte: Pech gehabt.
Dienstag, 17. März 2026
Elizabeth Forsythe Hailey: Jeder Tag ein neuer Anfang
Buchinfo
Zu Beginn dieses außergewöhnlichen Briefromans ist Bess 18 Jahre alt. Am Ende ist sie 87.
Dreiviertel eines Jahrhunderts begleitet der Leser eine lebenslustige, warmherzige und ehrgeizige Frau durch ihr Leben. Glück und Liebe, aber auch stürmische Veränderungen, schweres Schicksal und tragische Ereignisse begegnen ihr - doch Bess' Mut ist nicht zu erschüttern.
Ihr Motto: Jeder Tag bringt eine neue Chance!
Buchbeginn
Honey Grove, Texas, den 10.12.1899
Lieber Rob,
eben habe ich Miss Appleton gebeten, dass sie uns für den Wettbewerb im Rechtschreiben in die gleiche Gruppe steckt. Wir sind die Einzigen in der Vierten, die ,perspicacious' richtig buchstabieren können, und damit ist der Sieg unser!
Kannst du nach der Schule vorbeikommen? Der Gärtner gräbt das Malvenbeet um, so dass wir mehr Platz zum Fangenspielen haben. Meine Idee! Bess
Sonntag, 15. März 2026
Helga Königsdorf: Der Lauf der Dinge (1982)
Buchinfo
"Besonderes Kennzeichen: unauffällig", hätte für alle Zeiten im Steckbrief dieser Leute stehen können, wenn nicht aus heiterem Himmel Unvorhergesehenes geschehen wäre. Der geheimnisvolle Nachbar bringt Mamas Regime ins Wanken, der renommierte Professor riskiert den Aufstand, und die unbescholtene Hausfrau erwacht eines Morgens als Dichterin. Die gewohnte Ordnung ist aus den Fugen geraten, und hinter den Rissen offenbaren sich plötzlich die Lebenslügen. Wie dieser und jener in solchen heiklen Momenten seine Haut und seinen Seelenfrieden rettet, erzählt Helga Königsdorf in ihren grotesken und absurden Parabeln auf den menschlichen Hang zum Selbstbetrug. "Wer Ähnlichkeiten findet, muß Gründe haben", heißt die Warnung der Autorin.
Buchbeginn
Ehrenwort - ich will nie wieder dichten
Hiermit gebe ich allen Anfragern, gleich welche Motive, Vorstellungen oder Gerüchte sie bewegen, zur Kenntnis: Noch geht es mir gut. Allerdings bitte ich, den folgenden Bericht, in dem ich ehrlich und selbstkritisch darlegen werde, wie es zu jenen peinlichen Entgleisungen kam, vertraulich zu behandeln.
Zitate
Die Wahrheit, vor allem die eigene innere, ist ein kompliziertes Ding. Wir tragen sie wie Sedimentgestein in uns. Hinter jede Schicht kommt eine neue, und ganz unten wird sie stets ein bißchen unangenehm. Deshalb ist es vielleicht gar nicht zweckmäßig, über sich selbst Auskunft zu geben. Auch sollten wir der Nachwelt eine Chance lassen, ihre Probleme in uns hineinzuinterpretieren.
Die Dichter vergangener Epochen sind fast immer Männer gewesen. Ihre Frauen durften sich als Musen betätigen oder hatten ihnen den trivialen Alltag vom Leib zu halten. Lösten sie diese Aufgabe gut, fiel ein schwacher Abglanz des Ruhmes auf sie. Aber uns fehlt jede historische Einstellung zum Ehemann einer Dichterin, und ich litt sehr darunter, daß ich Robert diese Schmach nicht ersparen konnte.
Samstag, 10. Januar 2026
Vicki Baum: Der große Ausverkauf
Buchinfo
Liebe und Intrigen im New York der 1930er: Nina und Erik arbeiten in einem großen Kaufhaus und schmieden Hochzeitspläne, als die ruchlose Lilian Erik verführt und in die Unterwelt zieht. Als Erik nach einem Einbruch im Gefängnis landet, reicht es selbst der sonst so sanftmütigen Nina. In der Konfektionsabteilung des Zentral-Warenhauses kommt es zum Showdown zwischen den beiden so unterschiedlichen Frauen …
Buchbeginn
"Du lieber Gott!", dachte Nina und schaute der Gestalt entgegen, die fünf Minuten vor sechs Uhr bei der Glastüre hereinkam, die das neue Gebäude vom alten und die Lebensmittelabteilung von den Porzellanwaren trennte. Was die Lebensmittel betraf, so war dort heute Fischtag gewesen, Einheitspreis, jede Sorte das Pfund zu zwanzig Cent; man roch es durch das ganze Stockwerk.
Somerville & Ross: Durch Connemara: Mit dem Eselskarren in Irland
Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Elvira Willems
AvivA, 2022
Buchinfo
Hinter dem Schreibduo »Somerville & Ross« verbergen sich die beiden irischen Großcousinen Edith OEnone Somerville (1858–1949) und Violet Florence Martin alias Martin Ross (1862–1915), die mit großem Erfolg Romane, Reisebücher, Kurzgeschichtensammlungen und zahlreiche Artikel und Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften schrieben. In dem 1893 erschienenen Bericht ihrer Reise durch Connemara bürsten sie das Bild Irlands als pittoreske Idylle gnadenlos gegen den Strich, voller Humor, mit großem Interesse und aufmerksamem Blick für das Kuriose und Außergewöhnliche, verfasst in einem wunderbar lakonischen, selbstironischen Stil. Die Autorinnen verbinden eine Leichtigkeit und eine leise Ironie im Tonfall mit messerscharfer Beobachtungsgabe und einer stimmigen Abbildung sozialer und politischer Verhältnisse. Ihr amüsanter Reisebericht ist zugleich eine scharfsinnige Auseinandersetzung mit den gewaltigen politischen und sozialen Umbrüchen in Irland zum Ende des 19. Jahrhunderts. Herausgegeben, erstmals ins Deutsche übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Elvira Willems.
Buchbeginn
Mitte Juni letzten Jahres fuhren meine Großcousine und ich für zehn Tage nach London, und wir blieben ganze drei Wochen dort, denn wir warteten auf einen schönen Tag.
Wir sind Irinnen, und sämtliche Engländer, mit denen wir bis dato in Kontakt gekommen waren, hatten uns ausnahmslos eingeschärft, solange wir noch nie in England gewesen seien, könnten wir einfach nicht wissen, was schönes Wetter sei. Vielleicht hatten wir ja eine schlechte Zeit erwischt, in der das Wetter, genau wie die Läden, Ausverkauf machte.
Willa Cather: Meine Antonia (1918)
Anaconda, 2023
Buchinfo
Nebraska, die Prärie der Great Plains: Hier lebt das Mädchen Antonia, seit sie mit ihrer Familie aus Böhmen in die USA eingewandert ist. Die mühevolle Existenz als Siedler schmeckt nicht jedem, doch die zupackende Antonia liebt die Weite und Ursprünglichkeit der Landschaft und erschafft sich allen Widrigkeiten zum Trotz ihr ganz eigenes Stück neue Heimat. Davon erzählt in der Rückschau ihr Jugendfreund Jim Burden, der eines Tages loszog, sein Glück in den Städten der Ostküste zu suchen. Dieser Roman rund um eine starke junge Frau voller Pioniergeist ist ein Klassiker der amerikanischen Literatur.
Buchbeginn
Das erste Mal hörte ich von Antonia während einer schier endlosen Reise durch die riesigen Ebenen Nordamerikas. Ich war damals zehn Jahre alt; innerhalb eines Jahres hatte ich Vater und Mutter verloren, und meine Verwandten in Virginia hatten mich zu meinen Großeltern geschickt, die in Nebraska lebten. Ich reiste in der Obhut von Jake Marpole, einem Jungen aus den Bergen und Gehilfen auf der Farm meines Vaters am Fuß der Blauen Berge, der nun nach Westen fuhr, um für meinen Großvater zu arbeiten. Jake hatte noch nicht viel mehr von der Welt gesehen als ich. Bis zu jenem Morgen, an dem wir uns aufmachten, unser Glück in einer neuen Welt zu versuchen, war er noch nie mit dem Zug gefahren.
Freitag, 2. Januar 2026
Deborah Hopkinson: Von einem Mädchen, das das Schreiben liebte - Jane Austen
Illustriert von Qin Leng
Buchinfo
Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, dass Jane Austen eine der brillantesten Schriftstellerinnen aller Zeiten ist. Deswegen wird es dich bestimmt überraschen, dass Jane als Kind ein einfaches Leben führte. Sie wohnte mit ihren sieben Geschwistern in einem turbulenten Haushalt, beobachtete die Welt und las so viel sie konnte. Denn Jane liebte Bücher!
Aber am liebsten erfand sie ihre eigenen Geschichten. Tief in ihrem Herzen hatte Jane einen großen Traum: Sie wollte Schriftstellerin werden. Das war für junge Frauen zu jener Zeit gar nicht so einfach. Doch Jane gab nicht auf...
Heute, 250 Jahre später, kennen Menschen auf der ganzen Welt ihre Geschichten.
Zitat
Geschichten zum Lesen gab es genug.
Die Bibliothek ihres Vaters umfasste fünfhundert Bücher (fast alle von Männern geschrieben).
Jane, die nur wenige Jahre in eine Schule gehen konnte, machte die Bibliothek zu ihrem Klassenzimmer.
Sie verschlang alles,
von Geschichtsbüchern über Gedichte bis hin zu Biografien, aber am meisten liebte sie Romane.
Alexandra Harris: Virginia Woolf
1907, im Alter von fünfundzwanzig Jahren und als Schriftstellerin, die noch nichts veröffentlicht hatte, musste sich Virginia Stephen noch alles beweisen. Sie sah sich an eine Weggabelung gekommen: „Ich werde entweder unglücklich oder glücklich sein, mich wortreich und sentimental verbreiten oder aber ein solches Englisch schreiben, dass die Seiten einmal Funken sprühen.“ Und Virginia Woolfs Prosa hat Funken geschlagen, vielleicht brennt sie heute sogar heller denn je. Alexandra Harris erzählt die Geschichte einer jungen Frau mit Notizbuch, die zu einer der größten Schriftstellerinnen aller Zeiten wurde. Virginia Woolfs Leben war in jedem Augenblick intensiv; es war mutig, unabhängig von Konventionen und von psychischem Leid gezeichnet. Die Biografie wirft Schlaglichter auf die einschneidenden Ereignisse dieses Lebens, zeichnet die künstlerische Entwicklung Woolfs nach und gibt Einblick in ihre Gedankenwelt. Sie führt uns von einer strikt getakteten viktorianischen Kindheit zur geistigen und künstlerischen Freiheit der Bloomsbury-Boheme und zu den immer neuen schriftstellerischen Herausforderungen, denen sich Virginia Woolf mit Leidenschaft hingibt. Diese fachkundige und hochspannende Einführung in das Leben und Schaffen Virginia Woolfs betrachtet jeden Roman im Kontext seiner Entstehung und führt uns vor Augen, warum diese einzigartige Autorin noch siebzig Jahre nach ihrem Freitod durch unsere Gedanken spukt und uns inspiriert.
Buchbeginn
Viktorianer: 1882-1895
Als Virginia Stephen im großen elterlichen Schlaffenster im ersten Stock des Hauses Hyde Park Gate Nummer 22 in Kensington zur Welt kam, lebten dort bereits sehr viele Menschen. Ihre Eltern, Julia und Leslie Stephen, hatten beide Kinder aus einer früheren Ehe. Gerald und George waren Julias Söhne aus ihrer Verbindung mit Herbert Duckworth; die beiden verbrachten zwar den Großteil des Jahres im Internat, wurden aber bei Ferienbeginn immer tränenreich empfangen.
Elke Heidenreich: Wo Frauen schreiben
"Alles wird notiert, Ideen, Gedanken, einzelne Wörter, Sätze, und manchmal - hui - eine ganze Geschichte." - Elke Heidenreich
Welches Lebensgefühl strahlen die Schreibrefugien von Frauen aus, und wie färben diese auf ihr Leben und Schreiben ab?
Dieses Buch bietet erhellende Einblicke für alle, die sich für die lebendige Welt der Buchstaben interessieren. Es zeigt Bilder der Lebensräume von Frauen, ihre Orte, wo sie beim Schreiben ihr ganz eigenes Glück finden.
Buchbeginn
Elke Heidenreich
Das Glück am eigenen Schreibtisch
Eigentlich ist die Frage ja nicht nur, wo, sondern wie Frauen ihre Bücher schreiben. Früher war das eine Sache von Tinte und Papier. Dazu braucht man einen festen Tisch für's Tintenfass, eine Unterlage für das Papier, sowas ließ sich in Postkutschen und auf Reisen nicht gut machen. Wahrscheinlich schrieben Frauen in der Küche, waren sie begütert, im Salon, sonst in ihrem Schlafzimmer - auf dem Bett, wie die kranke Colette? Oder stand da ein Schreibtisch?
Zitat
"Ich habe mir nie vorgenommen, zu schreiben. Ich habe damit angefangen, als ich mir nicht anders zu helfen wusste." - Herta Müller










