Hertha Vogel-Voll, geb. Hertha Romana Voll (1898 – 1975)
von Sabine Neuhauß
Hertha Vogel-Voll wurde am 15. Oktober 1898 als Hertha Romana Voll in Bad Kissingen geboren. Ihre Eltern waren Künstler: der Bildhauer Roman Voll und eine Malerin, deren Name nicht zu finden war. Nach dem frühem Tod des Vaters an Tuberkulose geriet die Familie in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Mehrere Kinder wurden zeitweise in katholischen Waisenhäusern und Klostereinrichtungen untergebracht. Die dortigen Erfahrungen prägten die Autorin nachhaltig und finden in ihrem späteren Werk in Form religiöser Bildsprache sowie wiederkehrender Motive von Prüfung, Angst und Erlösung ihren Niederschlag.
Im Alter von acht Jahren kehrte Hertha zur Mutter, die erneut geheiratet hatte, zurück. Die Familie zog in die Nähe von Dresden; der Stiefvater plante für Hertha eine Laufbahn als Lehrerin. Im Zuge der geplanten Ausbildung zur Lehrerin besuchte sie das Dominikanerinnenkloster Wettenhausen. Dort erhielt sie neben schulischer Bildung auch musikalische und religiöse Prägungen, die sich später in ihren Werken widerspiegelten. Anschließend absolvierte sie eine Handelsschule in Dresden. Nach dem ersten Weltkrieg nahm sie eine Berufstätigkeit zunächst außerhalb des literarischen Betriebs auf.
Parallel dazu begann sie mit dem Verfassen von Märchen und fantastischen Erzählungen. Ihre frühen Texte zeigen Einflüsse romantischer Traditionen sowie eine deutliche Orientierung an symbolisch aufgeladenen Erzählformen. Einige der Arbeiten wurden in Zeitschriften veröffentlicht.
Im Jahr 1926 wirkte Hertha Voll am Aufbau großer Ausstellungen mit. Dabei lernte sie den Arzt Dr. Martin Vogel kennen, der am Deutschen Hygiene-Museum tätig war. Sie heirateten noch im selben Jahr. Ein Jahr später kam die gemeinsame Tochter Annemarie zur Welt. Die Familie lebte in Dresden-Hellerau, einem kulturell geprägten Stadtteil mit reformorientiertem Umfeld.
Neben ihrer familiären Tätigkeit arbeitete Hertha Vogel-Voll kontinuierlich an literarischen Texten. Bereits in den 1930er Jahren begann sie mit der Ausarbeitung des Stoffes, aus dem später ihr Hauptwerk Die Silberne Brücke hervorging.
1933 musste ihr Mann, der es zum Professor und wissenschaftlichen Direktor gebracht hatte, aus dem Hygiene-Museum ausscheiden. Er ließ sich als Arzt in Dresden nieder und begründete ab 1937 ein Forschungsinstitut für Ernährung.
Der Zweite Weltkrieg brachte erneut tiefe Einschnitte. Die Zerstörung Dresdens vernichtete auch das wissenschaftliche Institut ihres Mannes. Zwar baute er sich zu Hause eine neue Praxis auf, jedoch starb Martin Vogel 1947 bei einem Motorradunfall. Für Hertha Vogel-Voll brach damit nicht nur die Existenzgrundlage weg; durch den Verlust und die Trauer wäre sie selbst beinahe zerbrochen.
Gerade in dieser Zeit gelang ihr jedoch der literarische Durchbruch. 1948 wurde ihr Theaterstück Verwunschen, verzaubert in Dresden uraufgeführt und mit großem Erfolg aufgenommen. In einer frühen Aufführung spielte der junge Schauspieler Rolf Ludwig eine der Rollen. Der Erfolg ermutigte die Autorin, die bereits länger geplante Prosafassung zu veröffentlichen.
1949 erschien schließlich Die Silberne Brücke. Das Kinderbuch erzählt auf märchenhafte Weise von den Kindern Rose und Heinrich, die losziehen, um die Blaue Blume zu suchen, ohne die die Menschenherzen zu Stein werden und keine Freude mehr auf der Erde herrscht. Außerdem treibt das „Dicke Ende“ sein Unwesen, ein Ungeheuer, das die beiden
Kinder verfolgt. Nur wer ein reines Herz hat, kann die Blaue Blume finden; nur Kinder sind dazu in der Lage.
Das Buch versteht es, Kindern von der Welt zu erzählen und ein wenig Philosophie einfach nahezubringen, etwa dass Menschen leicht auf andere hören und blind für viele Dinge sind. Das Märchen verbindet klassische Motive der Romantik mit den Erfahrungen einer zerstörten Nachkriegswelt. Viele Leser empfanden das Buch als Trostschrift in einer Zeit moralischer und materieller Verwüstung.
Das Buch erreichte hohe Auflagen und wurde später durch weitere Märchensammlungen ergänzt, darunter Das blaue Wunder. Besonders in der DDR entwickelte sich Die Silberne Brücke zu einem viel gelesenen Werk, das bis heute aus den Köpfen der - eher älteren -Leserinnen und Leser nicht verschwunden ist. Das ist vermutlich auf die ungewöhnliche und ergreifende emotionale Tiefe der Geschichte zurückzuführen.
Die letzte Ausgabe der DDR erschien 1958, danach war es zwar nicht verboten, Neudrucke scheiterten jedoch, obwohl es durchaus eine Nachfrage gegeben hätte, immer wieder an den verweigerten staatlichen Papierzuteilungen.
Ende der 1950er Jahre schrieb Hertha Vogel-Voll das Theaterstück … und dann das goldene Lachen, einen Einakter über Frieden und Menschlichkeit. Obwohl das Stück zunächst erfolgreich aufgeführt wurde, wurde die Theaterleitung nach wenigen Wochen zur Absetzung des Stückes angewiesen. Eine offizielle Begründung erhielt die Autorin nie. Danach wurden ihre Werke in der DDR faktisch nicht mehr gedruckt.
Als Ursache wird in der Forschung vor allem die schwierige Vereinbarkeit ihres literarischen Ansatzes mit den kulturpolitischen Vorgaben des sozialistischen Realismus gesehen. Vogel-Volls Texte konzentrieren sich weniger auf gesellschaftspolitische Entwicklungen als auf moralische und spirituelle Fragestellungen. Ihre Werke zeichnen sich durch symbolische Verdichtung, religiöse Motive und eine ausgeprägt metaphysische Perspektive aus. Damit stand die Autorin nicht im Rahmen der kulturpolitischen Erwartungen der DDR.
In den folgenden Jahren arbeitete sie weiter an Romanen und fantastischen Erzählungen, darunter Das Licht auf dem vergessenen Stern. Veröffentlichungen blieben ihr jedoch weitgehend verwehrt. Die Autorin wurde kulturell isoliert und geriet zunehmend in Vergessenheit.
Hertha Vogel-Voll starb am 13. Juli 1975 in Dresden. Als Todesursache wird ein langjähriges Magenleiden genannt, das sie seit ihrer Kindheit belastete.
Erst Jahrzehnte später wurde ihr Werk erneut stärker wahrgenommen. 2004 erschien Die Silberne Brücke in einer Neuauflage mit einem Vorwort von Peter Sodann. Später folgte auch eine Hörbuchfassung, gelesen von Volker Lechtenbrink. Zusätzliche Bekanntheit erlangte das Werk durch eine Verfilmung im Rahmen der ARD-Märchenreihe Sechs auf einen Streich.
Hertha Vogel-Volls Werke stehen in der Tradition des deutschen Kunstmärchens. Sie verbinden fantastische Handlungselemente mit religiösen und symbolischen Motiven. Inhaltlich beschäftigen sich ihre Texte häufig mit den Themen Angst, Mitgefühl, Hoffnung und moralischer Bewährung.
Literaturwissenschaftlich wird ihr Werk gelegentlich in die Nähe romantischer Märchentraditionen gestellt. Gleichzeitig spiegeln ihre Texte die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts wider, insbesondere Krieg, Verlust und gesellschaftliche Umbrüche.
Heute gilt Hertha Vogel-Voll als eine eigenständige Stimme der deutschsprachigen Märchenliteratur, deren Werk nach längerer Vergessenheit wieder zunehmende Aufmerksamkeit erfährt.
Allerdings ist die Aufmerksamkeit noch nicht so groß, dass wirklich viel über sie zu erfahren wäre. Die Datenlage ist eher eingeschränkt.
https://taz.de/Von-Exponat-zu-Exponat/!734680/
https://de.wikipedia.org/wiki/Hertha_Vogel-Voll
https://coloradio.org/?p=11642
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Silberne_Br%C3%BCcke
https://scifinet.org/scifinetboard/index.php/blog/70/entry-7891-hertha-vogel-voll-die-silberne-br%C3%BCcke/
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