Samstag, 10. Mai 2025

Tove Ditlevsen

Schreiben heißt, sich selbst auszuliefern, sonst ist es keine Kunst. Man muss das verschleiern, aber letzten Endes schreibt man doch immer über sich selbst.

Tove Ditlevsen, Kindheit


Tove Ditlevsen (14.12.1917 - 07.03.1976) entstammte aus dem Kopenhagener Arbeitermilieu des Stadtteils Vesterbro.

Sie ging mit vierzehn Jahren von der Schule ab, verließ mit siebzehn ihr Elternhaus und arbeitete als Dienstmädchen und Bürogehilfin. Schon während der Schulzeit schrieb sie Gedichte, für damalige Zeiten recht erotische Gedichte.

Ihr erster Ehemann war der Schriftsteller und Journalist Viggo Frederik Møller und er war dreißig Jahre älter als sie. Er veröffentlichte 1937 eines ihrer Gedichte in seiner Literaturzeitschrift Wilder Weizen. Im Jahr ihrer Hochzeit (1939) debütierte sie mit der Gedichtsammlung Pigesind (Mädchensinn).

Später folgten drei weitere Ehemänner: Ebbe Munk (1916–1970), mit dem sie eine Tochter hatte: Helle Munk (1943–2008); Carl T. Ryberg (1945–1950), mit dem sie einen Sohn hatte: Michael Ryberg (1946–1999); und Victor Andreasen (1951–1976), mit dem sie einen Sohn hatte: Peter Andreasen (geb. 1954).

Durch Carl T. Ryberg, Arzt von Beruf, geriet sie in eine der verhängnisvollsten Perioden ihres Lebens. Bei einer Abtreibung gab er ihr ein schmerzstillendes Mittel, von dem sie dann jahrelang abhängig war. Ihr vierter Ehemann Peter Andreasen half ihr, davon loszukommen.

Ihre Romane sind zumeist autobiografisch. Sie schreibt über ihre Jugend im Arbeitermilieu, das Scheitern ihrer Ehen, persönliche Krisen wie Selbstmordgedanken, Sucht, Entzug und Schwangerschaftsabbrüche.

Tove Ditlevsen schreibt über die Gefühlswelt und Schicksale von Kindern, Mädchen und jungen Frauen, wobei es fast immer um ihre eigenen seelischen Konflikte ihrer Kindheit und Jugend geht. Über ihre Kindheit erzählt sie hauptsächlich Negatives. Von der Mutter fühlt sie sich ungeliebt und sie dachte immer, sie sei ein ungewolltes Kind. Das löst Ängste aus.

Mein Verhältnis zu ihr ist eng, qualvoll und unsicher, und nach Zeichen von Liebe muss ich immer suchen. Alles, was ich tue, dient dazu, ihr zu gefallen, sie zum Lächeln zu bringen, ihren Zorn abzuwenden. Das ist eine mühsame Arbeit, weil ich gleichzeitig so viele Dinge vor ihr verbergen muss.

Aus: Kindheit

Als Erwachsene Frau focht sie einen inneren Kampf zwischen ihrer konventionellen Rolle als Ehefrau und Mutter und ihrem starken Wunsch zum Schreiben aus. Flucht vor dem Abwasch nannte sie es mal scherzhaft. Jedoch das Schreiben war noch mehr eine Flucht vor dem Leben.

Sie schrieb so offensichtlich über ihr Leben und ihre Beziehungen, dass sie später dafür harsche Kritik einstecken musste. Andererseits war sie mit ihren Erzählungen, Romanen und Gedichten immer eine beliebte Schriftstellerin. Dazu trug wohl auch bei, dass sie geschickt mit den Medien umgehen konnte. Unter anderem war sie die "Briefkastentante" von Dänemarks bekanntesten Illustrierten.

Die norwegische Liedermacherin Kari Bremnes produzierte 1987 ihre erste CD mit Vertonungen von Ditlevsens Gedichten.

Am 8. März 1976 fand man ihre Leiche; Tove Ditlevsen starb durch eine Überdosis Schlaftabletten. Es war für sie der letzte Ausweg aus einer unerträglich gewordenen Wirklichkeit.

Ihre letzte Ruhe fand sie auf dem Vestre Kirkegård in Kopenhagen neben ihrem Sohn Michael Ryberg, der 1999 bei einem Autounfall starb.

Donnerstag, 8. Mai 2025

Gabriele Reuter: Das Tränenhaus

 Buchinfo

Ein Buch, das 1908 einen Skandal auslöste: Eine württembergische Landhebamme gewährt verführten und missbrauchten Mädchen und Frauen Asyl in ihrem armseligen Haus und verhilft deren Kindern auf illegale Weise zur Welt und vermittelt diese anschließend an Ziehmütter.


Buchbeginn

Das kleine Haus lag in einer freundlichen Wiesengegend Württembergs. Oben auf dem höchsten Punkt des lang hingestreckten Hügels hob ein graues Grafenschloß seine Dächer über das Grün der Parkbäume, die Dorfstraße mit den Bauernhöfen zog sich über den Rücken der Erdhebung. Unten, wo der helle junge Fluß durch Weidengebüsch und über weiße Kiesel plätscherte, gab es noch eine zweite Straße. Hier wohnten nur arme Weiblein in bescheidenen Hütten, mit winzigen, blumenreichen Vorgärten.

Gabriele Reuter: Was Helmut in Deutschland erlebte: Eine Jugendgeschichte aus dem Ersten Weltkrieg (1917)

Buchinfo

In "Was Helmut in Deutschland erlebte: Eine Jugendgeschichte" entführt Gabriele Reuter die Leser in die bewegte Welt eines jungen Mannes, der in Deutschland zwischen den Weltkriegen aufwächst. Der Roman ist in einem eindringlichen, poetischen Stil verfasst und spiegelt die sozialen und politischen Umbrüche der Epoche wider, in der Helmut seine Identität sucht. Durch seine persönlichen Erlebnisse und Herausforderungen eröffnet die Autorin einen tiefen Einblick in die Schichten der Gesellschaft und die Prägung durch historische Ereignisse, die das Leben des Protagonisten maßgeblich beeinflussen. Die geschickte Verflechtung von persönlicher und kollektiver Geschichte verleiht dem Werk eine universelle Relevanz und erhellt die Jugend des 20. Jahrhunderts in Deutschland.


Buchbeginn

Majestätisch rauschte der Überseedampfer in den Hafen von Hamburg. Er kam von Brasilien und war während der letzten Tage mit schnellster Fahrt gelaufen. Auf Deck spielte die Musikkapelle. Hunderte von Passagieren drängten sich durcheinander, es gab ein aufgeregtes Hin- und Herlaufen auf Gängen und Treppen des gewaltigen Gebäudes. Offiziere und Matrosen im Paradeanzug standen bereit, das Vaterland zu grüßen. Heiter glänzte die Sommersonne auf dem spiegelnden Metall des Schiffes, seine Wimpel flatterten, die mächtige schwarz-weiß-rote Fahne bauschte sich und wallte im Seewind.

Gabriele Reuter: Kolonistenvolk (1891)

Buchbeginn

Fern im Nordwesten Argentiniens, wo der Schienenstrang, der die unermeßlichen Flächen jenes gewaltigen Ländergebietes quer durchschneidet, am Fuß der Kordilleren ein jähes Ende erreicht hat, tauchen die Türme und Kuppeln der Stadt Tucuman aus dem Grün dichter Orangenhaine empor. Nach Osten senkt sich das Gelände plötzlich zur Ebene nieder.

 

Gabriele Reuter: Aus guter Familie - Leidensgeschichte eines Mädchens (1895)

Mit einem Nachwort von Tobias Schwartz
Reclam, 2024

Buchinfo

Die junge, verträumte Agathe wächst in einem großbürgerlichen Haushalt auf und möchte eigentlich alles richtig machen. Doch immer wieder eckt sie in der konservativen Gesellschaft des jungen Kaiserreichs an, weder ihre jugendliche Sehnsucht nach Freiheit und Selbstentfaltung noch ihr Wunsch nach Liebe erfüllen sich. Als ihr Bruder ihre Mitgift verspielt, steht ihr nicht einmal mehr eine Vernunftehe offen. Agathe verzweifelt und wird in eine Heilanstalt eingewiesen.

Gabriele Reuter wurde mit dem Roman schlagartig berühmt und dieser zu einem Bestseller.


"Ein bekannter ›Frauenrechtler‹ soll, so las ich, geäußert haben, wenn er Kultusminister wäre, so würde er dieses Buch in Hunderttausenden von Exemplaren drucken und verteilen lassen. Er täte ungemein wohl daran."

Thomas Mann


Buchbeginn

Breit und hell fiel ein Strahl der Frühlingssonne durch das verstaubte Bogenfenster einer Dorfkirche. Er durchschnitt als warmer, glänzender Streifen die graue Dämmerung und verlor sich hinter weißem Gitter in den schattigfeuchten Tiefen des Pfarrstuhles, den mehrere festlich gekleidete Herren und Damen besetzt hatten. Mitten in der Lichtbahn stand die Konfirmandin vor dem Altar. Das kleine Kreuz auf ihrer Brust glühte gleich einem überirdischen Symbol, und wie ein Kranz weltlicher Herrlichkeit flimmerte, von tausend Goldfunken durchsprüht, das braune Haar über dem rosenroten, tränenbetauten, feierlichen Kindergesicht.


Max vom youtube-Kanal KainUndAbel hat das Buch rezensiert:



Gabriele Reuter

 Gabriele Reuter (8. Februar 1859 - 16. November 1941) ist heute nahezu vergessen. Dabei machte sie schon ihr drittes Buch - "Aus guter Familie" - über Nacht berühmt. Ab 1899 lebte sie 30 Jahre in Berlin. Während dieser Zeit erschienen zahlreiche Romane, Novellen, Jugendbücher und Essays. Für ihre feine psychologische Ausgestaltung wurde sie gerühmt und sie galt als "Dichterin der weiblichen Seele".


Die Bücher

Freitag, 2. Mai 2025

Lene Voigt

Lene Voigt – leidenschaftliche Mundartdichterin

Goethe sagte einst: „Jede Provinz liebt ihren Dialekt: denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft.“

Ausgelebt hat das die Schriftstellerin und sächsische Mundartdichterin Lene Voigt. Sie wurde am 2. Mai 1891 in Leipzig als Helene Wagner geboren; ihr Vater war Schriftsetzer, ihre Mutter wollte, dass sie Kindergärtnerin würde.

Am 19. September 1914 heiratete sie den ehemaligen Musiker Otto Voigt (1890-1976). Im selben Jahr erschien ihr erstes Buch „Finale“, gewidmet der Sängerin Aline Sanden (1876-1955). Und sie wurde Mitautorin der Anthologie „Dichtung und Prosa Leipziger Frauen“.

1920 ließ sich das Ehepaar scheiden – sie blieben aber bis zum Schluss in Kontakt – und Lene arbeitete als freie Schriftstellerin. Ihre Parodien in sächsischer Mundart wurden ihr Markenzeichen.

Für Lene Voigt war das Schreiben aber auch ein Weg zur Bewältigung von Schicksalsschlägen. Als am 2. Februar 1924 ihr fünfjähriger Sohn Alfred starb, schrieb sie:


Ä Seichling liecht im Ginderwaachen

Un nubbelt voller Wohlbehaachen.

De Leite, die vorieberjaachen,

Die missen sich ganz neidisch saachen:

So hamm mir ooch in friehsten Daachen

Dahingedeest, noch frei von Blaachen

Un Sorchen um des Maachenfraachen,

Die`s schbätre Lähm uns zugedraachen.

Drum, Seichling uff dein Unterlaachen,

Genieß dei Glick im Ginderwaachen!


1929 zog sie nach Bremen, 1934 nach Lübeck und 1935 nach Flensburg. Während dieser Zeit erschienen von ihr unter anderen „Säk’sche Balladen“, „Säk’sche Glassigger“, „Mally der Familienschreck“, „Mir Sachsen – Laute gleenes Zeich zum Vortragen“ und „Leibzcher Lindenblieten“.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde ihr unter anderem Verunstaltung der deutschen Klassiker vorgeworfen. Gauleiter Martin Mutschmann sorgte ab 1936 dafür, dass Lene Voigts Arbeiten nicht mehr publiziert werden durften.

Nach dem Krieg 1945 waren Lene Voigt und ihre Werke in Vergessenheit geraten. Ihr Geld verdiente sie beim Rat des Kreises Leipzig-Land in der Lebensmittelkartenstelle. 1946 diagnostizierte man bei ihr in der Nervenklinik der Leipziger Universität Schizophrenie. Kurze Zeit später wurde sie in das Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie Leipzig-Dösen eingewiesen. Dort arbeitete sie später auch als Botin in der Verwaltung. Lene Voigt nutzte das Schreiben als eine Therapie. Ihre Werke verschenkte sie an Mitarbeiter des Krankenhauses, das sie nicht mehr verließ. Sie starb dort am 16. Juli 1962.