Ich habe ja schon viele wunderbare Bücher - Biografien, Romane - gelesen, aber sprachlich ist noch niemand an Gisela Steineckert rangekommen. Das ist natürlich nur meine persönliche Meinung.
Trotzdem: Falls jemand eine DDR-Schriftstellerin entdecken möchte, ich empfehle ihr Buch "Gesichter in meinem Spiegel". Es kann gut sein, dass nicht jedes Porträt gefällt, aber sprachlich ist es ein Genuss. Ich habe so viele Passagen rausgeschrieben, hier zeige ich mal nur vier zum neugierig machen.
Klappentext
Neugier auf den anderen und zugleich verständnisvolle Sympathie für den Freund, für den näher oder ferner stehenden Bekannten kennzeichnen die Porträts von Gisela Steineckert. Sie stellt Begegnungen dar, die sie berührt haben, sie ist nicht unbeteiligt, nicht neutraler Aufzeichner fremder Lebensläufe. Diese persönliche Nähe macht es ihr möglich, lebendig und reizvoll zu erzählen, sei es über die Kurzbekanntschaft mit dem Sänger Adamo oder die tiefere menschliche Beziehung zu dem Schriftsteller Peter Edel. So ist ein Band entstanden, der Menschen unterschiedlichster sozialer und geographischer Herkunft zeigt aus der Sicht einer Frau, deren eigenes Lebenskonzept sich in den Porträtierten spiegelt.
Buchbeginn
Ich stehe vor dem Bild und liebe es. Vielleicht ist es eines der besten Porträts, die in den letzten zehn Jahren gemalt worden sind.
Zitate
[1948] Joachim meinte, daß eine Frau dazu da sei, sich für den Mann schön zu machen. Sie muß klug sein, um ihn zu verstehen, aber sie darf mit ihrer Klugheit nicht protzen, es muß eine stille unaufhörliche, heitere Klugheit sein. Sie muß gewandt sein, um sich neben ihm zu bewegen, treu, damit er im Existenzkampf furchtlos sein kann, sie muß äußerst zurückhaltend und dabei voller Hingabe sein. Joachim sagte: ,Die Frau, die ein Mann heiratet, muß mehr sein als andere Frauen. Wenn ein Mann das will, dann muß er sich eben hin und wieder bei Weibern austoben. Bei solchen, die mitmachen. Die sich alles bieten alles. Dinge, die ein Mann niemals bei seiner Frau auch nur andeuten würde.'
Daß ich alt war, habe ich immer erst gemerkt, wenn ich wieder jünger geworden bin. Ich ertappe mich bei diesem Satz und weiß, daß er falsch ist. Ich bin nicht jünger geworden, sondern aus einer besonders schlechten Form wieder zu einer besseren Form gelangt. Ich gebe zu, daß ich mir wieder eingefallen bin, wenn ich gefallen wollte. Dann habe ich mich auf einmal gesehen, wie ich gerade war, und wußte, wie ich sein könnte. Weil es für jemanden war und nicht nur für mich, habe ich die Mühe aufgebracht und sie nicht als Mühe empfunden. Immer dann habe ich mich äußerlich verändert, aber die eigentliche Veränderung kam von innen. Die Kosmetik konnte nicht das Vergnügen ersetzen, das die Mundwinkel hob und die Augen putzte. Ich hatte wieder Lust, mir etwas zu schenken, und ich behandelte mich selber so, wie ich gern behandelt werden wollte.
In diesem Wald hatte er die Axt gehoben, hatte mit dem Körper den Anprall aufgefangen und die Fallrichtung des Baumes bestimmt. Keiner der Bäume, die er in den Jahrzehnten fällte, hat ihn erschlagen, aber der Wald hat sich den Mann dennoch allmählich geholt und sich selber ähnlich gemacht: knorrig, wurzlig, wunderlich.
Überblick, Sachlichkeit und Abstand gehören dazu, wenn man Kunst machen will. Ich kann mir denken, daß mancher spontan behauptet, den Frauen wären in den letzten dreißig Jahren in der Literatur schon unvergeßliche männliche Gestalten gelungen. Ich habe das ausprobiert, es fällt nur keinem Befragten eine solche unvergeßliche Figur ein. Das macht nichts. Es ist zu früh. Jahrhundertealter Groll führt uns die Feder, wenn wir über den Mann schreiben. Wir werden ihm noch nicht gerecht. Wir haben ihm nicht so viel angetan.
Verlag Neues Leben Berlin 1977